EM2016

Darum sind die Schiedsrichter bei der EM so gut

93,54 Prozent der Entscheidungen nach der Gruppenphase waren korrekt. Die gute Leistung der Schiedsrichter hat einen Grund.

Und freundlich sind sie auch: Schiedsrichter William Collum hilft dem türkischen Torwart Volkan Babacan

Und freundlich sind sie auch: Schiedsrichter William Collum hilft dem türkischen Torwart Volkan Babacan

Foto: Marius Becker / dpa

Paris.  Pierluigi Collina spielt die Szene noch einmal ab. Auf dem Bildschirm flimmert ein Traumpass des italienischen Abwehrspielers Leonardo Bonucci. Der Ball segelt über das halbe Spielfeld, landet im gegnerischen Strafraum bei Emanuele Giaccherini, der ihn im Tor versenkt. „Das“, sagt Collina und tippt mit dem Finger mehrmals auf den Tisch, „das sollen sie wissen.“ Er spricht über die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Verteidigers Bonucci und die Schiedsrichter bei der Fußball-EM.

Der Chef der Uefa-Schiedsrichterkommission und seine Kollegen haben sich vor der Europameisterschaft etwas Neues ausgedacht. Seit Beginn des Turniers bekommen die Schiedsrichter vor jedem Spiel Besuch von zwei ausgebildeten Trainern. Die bringen einen Laptop mit und zeigen ihnen eine Art Powerpoint-Präsentation. Zu sehen sind dann zum Beispiel Pässe von Bonucci.

„Wir können nicht akzeptieren, dass uns ein Schiedsrichter nach dem Spiel sagt: ,Ich habe nicht damit gerechnet, dass dieses oder jenes passiert’“, sagt Collina. Vielleicht ist die Einführung der sogenannten „Match preparation“ ein Grund für die bisher so selten erwähnten Schiedsrichter dieser EM.

Es ist eine besondere Fähigkeit von Schiedsrichtern, im Verborgenen zu bleiben. „Wenn nach dem Spiel gefragt wird, wer eigentlich Schiedsrichter war, dann hat man alles richtig gemacht“, findet der Niederländer Björn Kuipers, der schon mal ein Champions-League-Finale gepfiffen hat.

Auch der frühere Weltklasse-Schiedsrichter Collina konnte während seiner aktiven Zeit ziemlich unauffällig agieren, was erstaunlich ist für einen fast 1,90 Meter großen Mann mit Glatze. „Fliegen wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene“, sagt er grinsend. Das war das Motto des kürzlich verstorbenen Muhammad Ali. Collina hatte es auf sich übertragen.

Die Schiedsrichter des Turniers in Frankreich pfeifen bisher relativ unauffällig. 3,58 Gelbe Karten waren in den 36 Spielen der Gruppenphase durchschnittlich verteilt worden, 2012 in Polen und der Ukraine waren es nach 36 Partien im Schnitt 4,04 pro Match. Auch die Abseitsentscheidungen haben sich verbessert. 93,54 Prozent der Entscheidungen nach der Gruppenphase waren korrekt, 2012 waren es 90,28 Prozent nach derselben Anzahl an Spielen.

Grottige Leistungen bei der Copa America

„Sie haben einen guten Job gemacht, jedenfalls gab es bis jetzt keine größeren Probleme“, sagt der interimsmäßige Uefa-Generalsekretär Theodore Theodoridis. Das ist umso bemerkenswerter, als dass bei der gerade zu Ende gegangenen Copa America die Schiedsrichterleistungen unteririsch waren: So ließ der Unparteiische im Gruppenspiel Chiles gegen Bolivien zehn Minuten nachspielen und gab Chile im letzten Moment einen fragwürdigen Elfmeter.

Zwölf Schiedsrichter sind noch im Turnier, sechs waren nach der Vorrunde nach Hause geschickt worden. „Vor allem aus Gründen der Erfahrung“, sagt Collina. „Für viele von ihnen war es das erste große Turnier.“ Noch dabei ist der Deutsche Felix Brych. Wegen seiner bisher guten Leistungen wird er heute das Viertelfinale zwischen Polen und Portugal leiten. Will er dann noch bleiben, muss er gegen Deutschland sein. Denn sollte die deutsche Mannschaft Italien schlagen und ins Halbfinale kommen, ist die EM für Brych beendet.