EM2016

Spanien hat jetzt Zeit für die große Reflexion

Der Noch-Europameister rätselt über die Gründe für das Ende seiner Ära. Trainer Del Bosque zögert seinen Rücktritt heraus.

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Saint-Denis.  Als letzte Szene vom Titelverteidiger bleibt eine Umarmung. Dass Gerard Piqué (FC Barcelona) dafür Sergio Ramos (Real Madrid) nach der Ankunft am Flughafen der spanischen Hauptstadt sogar eigens aufsuchte, wurde in den Medien erfreut registriert. Die beiden Innenverteidiger haben sich schließlich nicht immer gut verstanden. Der Katalane Piqué wurde bei vielen Länderspielen sogar ausgepfiffen. Damals, als die „Selección“ bloß Luxusprobleme zu haben schien.

Wie es um sie wirklich steht, hatte Piqué am Abend zuvor nach dem EM-Aus gegen Italien (0:2) im Stade de France erläutert. Nach Wochen der Selbstbeweihräucherung im spanischen Lager und der Elogen von vielen Seiten war man unmissverständlich dominiert worden: taktisch, körperlich, emotional, bisweilen sogar fußballerisch.

„Wir müssen realistisch sein, wir haben nicht mehr das Niveau von vor ein paar Jahren“, sagte Piqué. Die Gründe? „Es sind nicht nur die einzelnen Fußballer. Auch unser Spielstil ist nicht mehr so effektiv. Wir brauchen eine große Reflexion, wenn wir bei der WM 2018 eine Chance haben wollen.“

Trainer del Bosque sah zwei gute Partien

Ein paar Meter weiter im Pressekonferenzsaal sah es genau danach aber nicht aus. Dort unterließ Trainer Vicente Del Bosque jede grundsätzlichere Erklärung dafür, dass Spanien zwei Jahre nach dem Vorrundenaus bei der WM 2014 schon wieder krachend scheiterte. Er beschönigte nur: „Wir haben hier zwei gute Partien gespielt (gegen Tschechien und die Türkei, d. Red.). Die gegen Kroatien (1:2 verloren) war – mit Verlaub – nicht schlecht. Wir haben nur einen hohen Preis für ihr spätes Siegtor bezahlt.“

Durch jenen Treffer rutschte Spanien in die kompliziertere Hälfte des Tableaus und sah sich mit Italien sowie den möglichen Gegnern Deutschland und Frankreich konfrontiert. „Ein Berg“, wie Piqué sagte, für dessen Besteigung der Mannschaft offenbar Kraft wie Glaube fehlte.

Sicher, die mit ihren Klubs im Europapokal so erfolgreichen Spanier hatten mehr Minuten in den Beinen als alle anderen Turnierteilnehmer. Doch wenn Fußballer einen Klassiker wie gegen Italien nicht mehr als Herausforderung, sondern nur noch als Last begreifen, dann ist eigentlich alles gesagt.

„Eine persönliche Entscheidung“

Die Schwere, die über seinen Spielern lag, strahlte auch Del Bosque (65) in diesen Wochen oft aus. Dennoch verpasste der Weltmeistercoach von 2010 im Stade de France die Möglichkeit, auf der großen Bühne zu gehen, die seine Karriere verdient. „Eine persönliche Entscheidung, die ich mit dem Präsidenten besprechen werde“, nannte er die Frage eines Rücktritts. „Ich sage weder ja noch nein“.

Obwohl alle Beobachter mit einer Demission rechnen, obwohl ihm schon lange Amtsmüdigkeit unterstellt wird, obwohl er diese durch extremes Laissez-faire bei diesem Turnier auch zu unterstreichen schien; ob es nun den Kuppler-Skandal von Torwart David De Gea ging oder um den sportlichen Bereich: Vier Mal trat Spanien mit derselben Startelf an, und Del Bosques Wechsel gegen Italien waren als erratisch noch freundlich beschrieben.

Warum der Verband an del Bosque hängt

Trotz allem erwogen die Funktionäre, die ihn schon 2014 zum Weitermachen überredeten, bis zuletzt eine erneute Vertragsverlängerung. Zu bequem lebte es sich für den Verband hinter der Lichtgestalt Del Bosque. Einen Nationalmannschaftsmanager wie vor einigen Jahren noch Ex-Star Fernando Hierro gibt es nicht mehr, und Verbandschef Angel Maria Villar interessiert vor allem seine mögliche Kandidatur als Nachfolger von Uefa-Präsident Michel Platini. Eine Hängepartie deutet sich an.

In Saint-Denis verließ als letzter Spieler der Verteidiger Juanfran das Stadion. Der Profi von Atlético Madrid sieht immer ein bisschen düster aus, diesmal schienen die Augenhöhlen noch tiefer, die Haut noch blasser. Vor einem Monat hatte Juanfran im Champions-League-Finale den entscheidenden Elfmeter verschossen, er kennt das Leid.

Jetzt sprach er erneut über „unseren Schmerz“. Sein Kapitän war da längst wortlos verschwunden, er hatte bei diesem Turnier auch gar nicht mehr gespielt. In Frankreich wurde zwei Jahre nach Brasilien nicht nur das Ende einer Ära wiederaufgeführt. Es ging wohl auch endgültig der große Torwart Iker Casillas.