EM2016

Achtung Paris! Hier kommen die Wikinger

Islands Einzug ins Viertelfinale sorgt für einen Fußball-Rausch. Nun will die halbe Nation nach Paris reisen – zur nächsten Sensation.

In Reykjavik versammelten sich 10.000 Isländer auf dem Hügel Arnarholl. Am Ende durften sie ein Fußball-Wunder bejubeln: den Einzug ins Viertelfinale

In Reykjavik versammelten sich 10.000 Isländer auf dem Hügel Arnarholl. Am Ende durften sie ein Fußball-Wunder bejubeln: den Einzug ins Viertelfinale

Foto: Eythor Arnason / dpa

Nizza/Reykjavik.  Dass auf Island die Erde bebt, ist eher die Regel als die Ausnahme. 400 Erdstöße registrierten die Seismologen allein in der vergangenen Woche, was zwar nach viel klingt, im Alltag aber wenig stört, schließlich werden die zarten Erschütterungen auf der Richterskala irgendwo zwischen „extrem leicht“ und „sehr leicht“ eingestuft.

Das, was sich am Montagabend oberhalb der Erde abspielte, sprengte hingegen alle gängigen Skalen – zumindest wenn es um die Messung nordeuropäischer Euphoriezustände geht.

Als Schiedsrichter Damir Skomina das EM-Achtelfinale zwischen Island und England um 22.47 Uhr offiziell für beendet erklärte, gab es in der Hauptstadt Reykjavik kein Halten mehr. Hier, knapp 3000 Kilometer nordwestlich von Nizza, wo das kleine Island den großen Favoriten soeben mit 2:1 (2:1) aus dem Turnier befördert hatte, lag das Epizentrum der emotionalen Eruption.

In der Innenstadt waren rund zehntausend Fans versammelt, fast alle in Blau, etliche von ihnen mit Fahnen in der Hand oder Wikingerhelmen auf dem Kopf. 90 Minuten Ausnahmezustand samt krönendem Abschluss.

Auch Weltmeister Löw ist beeindruckt

Aron Gunnarson schien die Freudenschreie seiner Landsleute bis nach Nizza zu hören. „Ich glaube, unser Land steht Kopf“, sagte der Kapitän des isländischen Teams, „es ist ein stolzer Moment, der für den Rest unseres Lebens in unseren Erinnerungen bleiben wird.“

Auch Ragnar Sigurdsson gelang es, wunderbare Worte zu finden. „Du willst für dein Land gewinnen, und für deine Freunde“, sagte der Torschütze des zwischenzeitlichen 1:1. „Wir sind Wikinger. Wir haben vor niemandem Angst. Wir haben England geschlagen, also können wir auch Frankreich schlagen.“

Forsche Worte für eine Mannschaft, die zum ersten Mal überhaupt an einer EM-Endrunde teilnimmt und am Sonntag (21 Uhr, ZDF) den Gastgeber fordert. Doch spätestens seit Montagabend dürfte dem letzten Turnierbeobachter klar sein: Diese Mannschaft ist mehr als ein Außenseiter mit „Lucky Punch“, mehr als ein Zufallssieger.

Stattdessen häuften sich am Tag nach der Sensation die Lobeshymnen. „Wie sie mutig und selbstbewusst nach vorne gespielt haben, das war schon klasse“, befand Bundestrainer Joachim Löw. So verrückt es auch klingen mag: Fußballzwerg Island steht unter den besten acht Teams Europas, und das zu Recht.

Nur ein Profi aus einer Topliga

„Die Jungs sind während des Turniers immer mehr gewachsen“, sagte Islands Trainer Heimir Hallgrimsson. Tatsächlich lieferte seine Elf gegen England ihr bisheriges Meisterstück ab. Das frühe 0:1 durch Wayne Rooney per Strafstoß (4. Minute) konnte die Entschlossenheit nicht erschüttern, nur 80 Sekunden später traf Sigurdsson zum Ausgleich. Weiter Einwurf, Kopfballverlängerung, Abschluss – ein Mittel, das schon im dritten Gruppenspiel gegen Österreich funktioniert hatte. Fußball kann so einfach sein.

Die Engländer indes fanden gegen die laufwütigen Underdogs keine Lücken, waren aber nicht nur in puncto Leidenschaft und Wille unterlegen. Selbst in Sachen Kombinationsfußball erhielten die Premier-League-Millionäre Anschauungsunterricht von den Isländern, die mit Gylfi Sigurdsson (Swansea City) nur einen einzigen Spieler aus Europas Topligen in ihren Reihen haben. Dem Siegtreffer von Kolbeinn Sigthorsson (18.) gingen nicht weniger als zehn Pässe voraus.

FK Krasnodar, Malmö FF, Odense BK oder FK Bodö/Glimt – wie groß das isländische Fußballwunder ist, wird auch dadurch deutlich, dass die neuen Nationalhelden bei kleinen Vereinen aktiv sind.

Auf individuelle Qualität scheinen die Isländer gut verzichten zu können, gegen England brillierten sie einmal mehr als Kollektiv. In der Defensive bildeten sie eine Wand, die genauso viel Eindruck hinterließ wie der isländische Anhang auf den Rängen. Dessen Klatschsalven mit dem wuchtigen „Hu!“ ließ selbst die sonst so lautstarken englischen Fans erstarren.

Auf den Spuren von Griechenland 2004

In der Heimat erreichte Islands Husarenstück eine TV-Quote von 99,8 (!) Prozent. Eine Marke, die wohl einmalig bleibt, denn inzwischen versucht halb Island, auf den letzten Drücker nach Frankreich zu reisen. „Wir haben drei Flüge am Tag, aber die werden wahrscheinlich schnell voll sein“, sagt Gudjon Arngrimsson, Sprecher der Fluglinie Icelandair. Die Internetseite von Wow Air brach nach dem Sieg gegen England vorübergehend zusammen.

Paris darf sich also auf eine isländische Invasion vorbereiten, wenn es im Vorort Saint-Denis am Sonntag zum Spiel gegen die Franzosen kommt. Schon in der Gruppenphase gingen Schätzungen von 30.000 isländischen EM-Besuchern aus, eine Kennzahl, die noch mal mächtig anwachsen dürfte.

Als einer der Gewinner des Turniers gelten die Isländer schon jetzt. Aber: Sie wollen mehr. So wie Griechenland 2004 Gastgeber Portugal bezwang und dadurch sogar den Titel holte, wollen auch sie nun das Heimteam eliminieren. „L’Equipe“ schwant bereits Böses. „Die Isländer am Sonntag“, schrieb das Fachblatt, „werden noch stärker sein als gegen England.“