EM2016

Der Angstgegner Italien kann ruhig kommen

Die DFB-Elf zeigt beim Sieg über die Slowakei erneut, warum sie zu den Favoriten zählt. Vor dem Italien-Spiel ist man optimistisch.

Glänzend aufgelegt: Das Selbstvertrauen der deutschen Mannschaft ist in Frankreich von Spiel zu Spiel gestiegen

Glänzend aufgelegt: Das Selbstvertrauen der deutschen Mannschaft ist in Frankreich von Spiel zu Spiel gestiegen

Foto: Arne Dedert / dpa

Évian-les-Bains.  Der Raum im Mannschaftsquartier der deutschen Nationalmannschaft in Évian-les-Bains ist hergerichtet wie ein Kinosaal, die Sitzreihen allerdings fallen etwas üppiger aus als gewöhnlich. Es sind Sofas und Sessel, hinten Korb, vorne weißer Stoffbezug auf dickem Polster.

Die Aufführung, die es am Montagabend auf dem riesigen Fernseher zu sehen gab: Spanien gegen Italien. Ein Klassiker, der aus deutscher Sicht auch das cineastische Motiv vom Spiel mit der Angst beinhaltete, denn Italien gewann 2:0 (1:0) und steht als Gegner Deutschlands im Viertelfinale der Europameisterschaft am Sonnabend (21 Uhr) in Bordeaux fest.

Der Gegner könnte, er müsste sogar großes Unbehagen auslösen am Genfer See, weil die teutonische Erfolgsgeschichte bei großen Turnieren stets dann endete, wenn sich die Italiener in den Weg stellten.

Zwei Jahre lang mäßige Spiele

Zuletzt schmerzhaft erlebt im tränenreichen Halbfinale der Heim-WM und beim Aus im EM-Halbfinale 2012. Noch nie konnte eine deutsche Mannschaft die italienische bei einem großen Turnier bezwingen. Tatsächlich aber macht sich im Lager der besten deutschen Fußballer eine beschwingte Laune breit.

Gewiss, den 3:0-Sieg gegen die Slowakei am Sonntag in Lille wollten Bundestrainer Joachim Löw („wir müssen uns steigern, wenn wir das Turnier gewinnen wollen“) und die Spieler aufgrund der unzureichenden Qualität des Gegners nicht überbewertet wissen. Aber zur Wahrheit gehörte auch, dass sich der Weltmeister von 2014 seit jener magischen Nacht in Rio zwei Jahre lang durch allerhand Spiele gequält hatte.

Es waren biedere Spiele, die schlechte Ergebnisse zur Folge hatten, manchmal auch schlechte Spiele mit besserem Ausgang, so gut wie nie aber Spiele von prägnanter Schönheit und überzeugendem Ergebnis. Das war am Sonntagabend anders. Bemerkenswerterweise zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Fußball-Nation und sogar die Spieler selbst einen deutlichen Sieg wünschten. Weil es so gekommen war, macht sich auf dem Kontinent gerade mal wieder jene Gewissheit breit, die die Konkurrenz wahlweise bestaunt, verflucht oder bewundert. Deutschland ist da, wenn es wichtig wird.

„Wir liegen gut im Plan“

„Es braucht immer ein bisschen, bis man richtig reinkommt ins Turnier. Es ist selten so gewesen, dass eine Mannschaft alle Spiele mit zwei, drei Toren Unterschied gewinnt und am Ende Turniersieger wird. Dementsprechend liegen wir gut im Plan“, meinte Bayern-Profi Thomas Müller nach der Partie und stellte den gebotenen Leistungssprung als Folge von harmonisiertem Rhythmus und wachsendem Kollektivgefühl dar.

Aber es ließe sich auch eine psychologische Komponente feststellen. Eine - bewusst oder unbewusst - gesteigerte Wachsamkeit in den Phasen, in denen es um Größeres geht. „Wir sind eher eine Turniermannschaft als eine Testspielmannschaft, aber das müssen wir erst noch abschließend beweisen bei diesem Turnier“, meinte zum Beispiel Mittelfeldstratege Toni Kroos.

Er spielt bei Real Madrid und hat gerade die Champions League mit diesem edelsten aller edlen Klubs gewonnen. Spielern seiner Klasse - wie sie Deutschland hat - darf man unterstellen, dass sie die persönliche Bereitschaft rechtzeitig noch etwas nach oben regeln.

Löw: „Ich erwarte ein heiß umkämpftes, interessantes und intensives Spiel“

Dass es so abläuft, davon sind sie im Ausland ziemlich überzeugt. „Deutschland ist einfach eine Turniermannschaft. Die Spieler wissen, wann sie aufdrehen müssen“, sagte der slowakische Trainer Jan Kozak, „ich glaube, die Deutschen haben das Turnier jetzt erst wirklich begonnen.“

Ab jetzt aber wartet auf den Bundestrainer und seine Mannschaft gehobene bis höchste europäische Qualität. Das weiß auch Löw. „Es ist schon imponierend, wie Italien spielt. Ich freue mich auf das Spiel“, sagte Löw am Montagabend.

„Es gab in der Vergangenheit viele heiße Duelle, und wir haben in Turnieren immer verloren. Jetzt haben wir die Chance, das mal umzudrehen.“ Für den Bundestrainer steht fest: „Für mich treffen die beiden bislang besten Mannschaften des Turniers aufeinander. Ich erwarte ein heiß umkämpftes, interessantes und intensives Spiel.“

Geordnet, leichtfüßig und mit dem goldenen Händchen

Jerome Boateng, dem als Abwehrchef Neigungen im Bereich taktischer Detailverliebtheit durchaus zu unterstellen sind, sagte: „Die Italiener sind taktisch super geschult, das sieht man, die Abstände stimmen zentimetergenau.“ Die Italiener, warnte Thomas Müller, „haben Qualitäten, die einem weh tun können.“

Aber selbst die Aussicht auf den gefürchtetsten aller Gegner im Viertelfinale bringt bislang niemanden so recht aus der Ruhe. „Beide Mannschaften sind in die Kategorie Turnierfavorit einzuordnen“, befand Joachim Löw, aber „das bereitet mir keine schlaflosen Nächte“. Er weiß, was seine Mannschaft kann und dass es gute Gründe gibt, an ein Weiterkommen zu glauben.

Da wäre erstens die Defensive, die zwei Jahre lang so geordnet wirkte wie ein Pariser Kreisverkehr im Feierabendverkehr, nun aber Bestwerte erzielt. Keinen einzigen Gegentreffer musste sie in den ersten vier EM-Spielen hinnehmen, selbst die gefürchteten Konter des Gegners hat sie erstaunlich gut im Griff. Mittlerweile - Punkt zwei - hat die Offensive ihre Leichtigkeit zurück.

In den zurückliegenden beiden Spielen produzierte sie eine geradezu unübersichtliche Anzahl bester Chancen, von denen allerdings fast schon empörend viele auch ungenutzt blieben. Und drittens scheint Joachim Löw das goldene Händchen für seine Mannschaft nicht eingebüßt zu haben.

Er brachte zuletzt auf der Rechtsverteidigerposition Joshua Kimmich für Benedikt Höwedes, was die Offensive belebte. Er entschied sich für Mario Gomez als Stürmer, der sich in zwei Spielen mit zwei Toren bedankte. Und er brachte Mittelfeldspieler Julian Draxler wieder ins Spiel, der gegen die Slowakei ein Schlüsselspieler war.