EM2016

Die Ungarn sind bereit für eine rosige Zukunft

Ungarn wurde aus dem Nichts zum Gruppensieger. Eine gute Basis für den Aufbau. Großen Anteil hat daran das deutsche Trainer-Team.

Raus mit Applaus: Die Ungarn spielten EM-würdig

Raus mit Applaus: Die Ungarn spielten EM-würdig

Foto: Armando Babani / dpa

Bernd Storck sah ganz und gar nicht aus wie ein Verlierer. Das Hemd lässig aufgeknöpft, die Haare frisch frisiert, kündigte Ungarns deutscher Nationaltrainer schon wieder bestens gelaunt die nächsten Großtaten an. "Wir müssen vor der Zukunft keine Angst haben", sagte der Mann aus dem westfälischen Herne nach dem verlorenen EM-Achtelfinale gegen Belgien (0:4) voller Selbstvertrauen.

Seine No-Name-Mannschaft hatte viel mehr geschafft, als ihr zugetraut worden war, hatte bei der ersten EM-Teilnahme seit 1972 gleich die K.o.-Runde erreicht. Doch das alles soll erst der Anfang gewesen sein. Die Mannschaft habe "Qualität", mit ihr "könne man einiges erreichen", sagte Storck – und seine Augen fingen an zu leuchten: "Ich bin sehr, sehr zuversichtlich für die WM-Qualifikation." Nach den mutigen Auftritten in Frankreich empfand Storck für seine Ungarn "nichts als Stolz".

Das Ergebnis gegen überlegene Belgier hatte auch sein Co-Trainer Andreas Möller schnell abgehakt: "Wir hätten einen absoluten Sahnetag gebraucht." Den hatten sie nicht. Allerdings: Zwischendurch, beim Stand von 0:1, machten die Ungarn Belgiens Roten Teufeln ganz schön die Hölle heiß.

Trotz Niederlage gefeiert

Auch ohne Sahnetag wurde die Mannschaft um Torwart-Oldie Gabor Kiraly in der Heimat und von den Fans in Toulouse frenetisch gefeiert: Schließlich haben Storck und Möller die Magyaren mit ehrlicher Arbeit aus ihrer jahrzehntelangen Fußball-Depression befreit. In Frankreich spielten die Erben des legendären Ferenc Puskas zwar nicht immer schön, aber immer mit viel Herz und Leidenschaft.

Storck lenkt als Nachfolger von Hertha-Trainer Pal Dardai die Geschicke des zweimaligen Vize-Weltmeisters (1938 und 1954) seit einem Jahr. Die Vorrunde hatte Ungarn, erstmals seit 30 Jahren wieder bei einem großen Turnier dabei, vor Portugal, Island und Österreich als Gruppensieger abgeschlossen.

"Ganz Ungarn kann stolz sein"

"Wir kommen aus dem Nichts. Damit hätte keiner rechnen können. Das war ein großer Schritt für den ungarischen Fußball", sagte Storck und betonte daher: "Wir verlassen die EM mit erhobenem Kopf." Auch Kiraly schwärmte. "Ganz Ungarn kann stolz sein", sagte der 40-Jährige Ex-Herthaner, der seine Elf mit seinen zehn Paraden (EM-Bestwert) lange im Spiel gehalten hatte. Der Torwart-Methusalem hat noch nicht genug und wird wohl auch in die WM-Quali starten. "Wir werden sehen", meinte er mit einem Schmunzeln.

Storck und Möller wollen die Ungarn nun richtig fit für die Zukunft machen. Storck fordert dafür modernere Strukturen in der Heimat. "Es muss eine Professionalisierung in den Klubs stattfinden", sagte er, Talente müssten noch besser gefördert werden und internationale Erfahrung sammeln: "Wir müssen unsere Klubs in die Europa League bekommen. Wir müssen internationale Erfolge vorweisen."

Er hat es mit dem Nationalteam vorgemacht. Jetzt will er sich einen Urlaub mit der Familie gönnen. Dann gilt sein Fokus dem nächsten großen Ziel – der WM 2018. So lange läuft auch Storcks Vertrag. In der Qualifikation treffen die Ungarn auf die Färöer, Lettland, Andorra – und die beiden EM-Teilnehmer Portugal und Schweiz.

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