EM2016

Antoine Griezmann: „In der Pause haben wir uns angeschrien“

Die Franzosen hoffen, dass der starke Auftritt in der zweiten Halbzeit gegen Irland Initialzündung für die bevorstehenden Aufgaben ist.

Frankreichs Antoine Griezmann läuft langsam zur Bestform auf bei der EM

Frankreichs Antoine Griezmann läuft langsam zur Bestform auf bei der EM

Foto: Jason Cairnduff / REUTERS

Clairefontaine.  Frankreichs Fußball-Helden wollen ab jetzt mehr Rücksicht auf die Gesundheit und die Liebe ihrer Fans nehmen. „Wir müssen uns verbessern am Anfang der Spiele, ansonsten ist das nicht gut fürs Herz der Franzosen“, forderte Antoine Griezmann in Clairefontaine.

Der gefeierte Doppeltorschütze von Lyon ist sich sicher, dass die „Equipe tricolore“ trotz aller Nervenproben bei ihren bisherigen EM-Auftritten generell das Zeug fürs Finale hat: „Wir haben ein Team, das bis zum Schluss dabei sein kann, aber wir müssen das auch auf dem Platz zeigen.“

Noch am Sonntagabend waren Griezmann und seine erschöpften, aber glücklichen Kollegen mit breitem Lächeln als Viertelfinalist in Lyon Richtung EM-Quartier aufgebrochen. „Das Abenteuer geht weiter“, twitterte Manndecker Laurent Koscielny über einem Foto mit Griezmann.

Langsam aber sicher wich auch die Last, die nach dem 2:1-Erfolg gegen Irland sogar den Jubel auf dem Platz nach dem Abpfiff noch erdrückt hatte. „Ich hoffe es“, antwortete Trainer Didier Deschamps auf die Frage, ob der Sieg so etwas wie der Befreiungsschlag gewesen sei.

Bayern-Profi Coman bringt nach Einwechslung Schwung

„Man darf nicht zu viel kalkulieren. Die Spieler brauchen Disziplin, aber manchmal ist man besser, wenn man auch ein bisschen Wahnsinn mitbringt“, meinte Deschamps. Erst in der zweiten Halbzeit gelang das den Franzosen. Auch durch die Hereinnahme von Bayern Münchens Kingsley Coman für den im Viertelfinale gelb-gesperrten N’Golo Kanté.

Der 20-Jährige sollte Unordnung stiften bei den tapfer kämpfenden Iren. Das funktionierte. „Kingsley Coman hat mit seiner Schnelligkeit und Durchschlagskraft den Unterschied gemacht“, so Mittelfeldspieler Blaise Matuidi. „In der zweiten Halbzeit haben wir unsere Trümpfe ausgespielt“, ergänzte Mittelstürmer Olivier Giroud.

Auch, weil sich die Spieler selbst in der Pause in die Pflicht genommen hatten. „Wir haben uns gesagt, dass wir so nicht aus dem Turnier ausscheiden können“, erklärte Patrice Evra. „Wir haben uns gesagt, dass wir auf dem Platz unser Leben geben müssen“, sagte der 35 Jahre alte Routinier.

Griezmann schießt die Tore zwei und drei

Die Zeitung „Le Parisien“ schwärmte dafür am Tag danach vom „enormen Herz“, das die Mannschaft bewiesen habe. „Befreit“, titelte die Sportzeitung „L’Équipe“ am Montag auf Seite eins, auch wenn erneut das Ausnahme-Können und die Brillanz Einzelner den Erfolg des Teams garantierten.

Für Griezmann waren es die Turniertore zwei und drei. Und das, nachdem die Sorgen um ihn schon groß waren. Zu erschöpft womöglich nach einer langen Saison mit Champions-League-Finalist Atlético Madrid, hieß es bereits. „Man muss die Kritik akzeptieren, das ist das Geschäft. Aber ich zerbreche mir darüber nicht den Kopf“, betonte Griezmann.

Bis Sonntag haben er und seine Kollegen nun Zeit, sich zu erholen. Eine weite Anreise werden sie zu ihrem Viertelfinale im Stade de France, in dem eine Woche später auch das Finale steigt, nicht haben. Rund 60 Kilometer sind es von Clairefontaine nach Saint-Denis.

Jetzt wartet England oder Island

Gegner wird in der Runde der besten Acht entweder England oder Island sein, die am Montagabend das letzte der Achtelfinalspiele bestritten (nach Redaktionsschluss). „Wir sind jetzt im Viertelfinale, und egal, welcher Gegner kommt, man kann sich keine Ausrutscher mehr erlauben, da muss man alles geben“, betonte Deschamps. Und wie es Griezmann sagte, besser in die Partie starten. In den bisherigen vier EM-Spielen gelang den Franzosen noch kein Tor in der ersten Halbzeit.

Noch tiefer als die französischen Medien, die in ihren Kommentaren trotz allem nicht mit Kritik an der Mannschaft und Trainer Didier Des­champs sparten, verneigte sich die Presse in Griezmanns spanischer Wahlheimat. „Griezmann ist der wahre Sonnenkönig“, schrieb „Marca“. Die Konkurrenz von „AS“ war der Ansicht, dass der Angreifer von Atlético Madrid „da war, als sein Land ihn brauchte“.

Was die spanischen Zeitungen offenbar vergessen hatten: Noch vor vier Wochen war Griezmann ein tragischer Held, weil er im verlorenen Champions-League-Finale gegen den Stadtrivalen Real in der regulären Spielzeit einen Elfmeter verschoss. Es war Griezmann selbst, der nun darauf zu sprechen kam. Das Spiel gegen Irland „war ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt, es hat mich an meine Saison in Spanien erinnert“.

Zweifel an Equipe sind noch nicht besiegt in der Heimat

In der Tat sah es zunächst danach aus, als müsse Staatspräsident Francois Hollande von der Tribüne aus das vorzeitige Ende aller Titelträume mit ansehen. Und die Revanche für die „Hand of Frog“, das Aus der Iren in der WM-Qualifikation 2010 durch das Handspiel von Thierry Henry. In der Pause aber änderte sich alles.

„Es war ganz schön laut in der Kabine. Wir haben uns angeschrien, weil wir wussten, dass wir besser spielen müssen“, verriet Griezmann hinterher. Auch Deschamps gab zu, dass er seine „Stimme erheben“ musste: „Es war Zeit, dass wir aufwachen.“ Griezmann lobte auch den eingewechselten Coman. „Er hat einigen Schaden bei den Iren angerichtet“, sagte er über den Außenstürmer, dessen Viertelfinal-Einsatz trotz einer Knöchelverletzung laut Deschamps nicht gefährdet ist.

Trotz des Erfolgs ist die Skepsis in Frankreich aber nicht besiegt. „Mit Schmerzen. Wieder mal“, schrieb der konservative „Le Figaro“: „Das französische Team hat (erneut) viel Bangen verbreitet.“ Mit dem Spiel gegen die Iren seien „noch nicht alle Zweifel über les Bleus beseitigt“. Nur die an Griezmann, die sind überwunden.