EM2016

Italien schockt Spanien - Deutsche treffen auf Angstgegner

Chiellini und Pellè sichern mit ihren Toren den Einzug ins Viertelfinale. Dort wartet nun der Weltmeister Deutschland.

Giorgio Chiellini (r) und Eder feiern das 1:0

Giorgio Chiellini (r) und Eder feiern das 1:0

Foto: Christian Charisius / dpa

Saint-Denis. Montag, 18 Uhr, grauer Himmel über Paris und pünktlich zu Spielbeginn Nieselregen – es gab schon mal feierliche Rahmenbedingungen für einen Klassiker des europäischen Fußballs. Doch der hielt dafür alle Erwartungen und produzierte nach zuletzt mehreren spanischen Erfolgen außerdem einen neuen Sieger. Verdient gewann Italien durch Tore von Giorgio Chiellini (31.) und Graziano Pellè (90.) mit 2:0 (1:0). Am Sonnabend wird es in Bordeaux der deutsche Gegner im Viertelfinale sein.

„Der Weltmeister, eine Mannschaft mit großartigen Individualisten und einem großartigen Kollektiv“, lobte Abwehrchef Leonardo Bonucci die Deutschen nach Schlusspfiff ähnlich dezidiert, wie er zuvor verteidigt hatte. „Aber wie der Trainer sagt: Wir müssen 23 Männer und 23 Träumer sein. Und heute waren wir Träumer.“

Jener Trainer hatte schon am Vorabend des Spiels „etwas Besonderes, Außergewöhnliches“ von seiner Mannschaft gefordert. Antonio Conte hat sein Team mit seinen heroischen Glaubenssätzen infiziert. Nach Rücktritten und Verletzungsausfällen ist diese Mannschaft vom Talent her vielleicht die schwächste italienische seit Jahrzehnten.

"Deutschland ist auf höherem Niveau als alle anderen"

Vom Herzen her ist sie die stärkste – und deswegen ist ihr auch „das Superaußergewöhnliche“ zuzutrauen, das es laut Conte für das Spiel am Sonnabend braucht. Denn: „Wir treffen auf die stärkste Mannschaft dieses Turniers. Deutschland ist auf höherem Niveau als alle anderen.” Am Montagabend erlebten die Zuschauer im Stade de France vor allem in der ersten Halbzeit die Umwertung aller Werte.

Von wegen spanisches Tiki-Taka und italienischer Catenaccio – die „Azzurri“ eroberten nach gewohnt leidenschaftlichem Absingen der Nationalhymne gleich im ersten Zweikampf den Ball und schauten von da an nicht mehr zurück. Auf spanischer Seite inspirierte das englische Wetter nur den in England bei Manchester United beschäftigten Torwart David De Gea. Der Titelverteidiger zeigte erschreckend deutlich, dass die WM vor zwei Jahren mehr als nur ein Ausrutscher war.

Lange war keine Spannung innerhalb einer Mannschaft, die ihre Anhänger schon in den letzten Tagen mit beleidigter Selbstgerechtigkeit irritiert hatte. Auch von der Trainerbank kamen zunächst keine Impulse. Während Conte wie gewohnt den omnipräsenten Einpeitscher gab, erhob sich Vicente Del Bosque kaum. Der 65-jährige Weltmeistertrainer von 2010 schien den verdienten Ruhestand herbeizusehnen. Seinen Rücktritt wollte er jedoch vorerst nicht erklären. „Ich werde mit dem Präsidenten darüber sprechen, was das Beste für den spanischen Fußball ist“, sagte er, räumte aber unumwunden ein: „Italien war die bessere Mannschaft“.

Brachiales Führungstor

Das Führungstor fiel gleichwohl auf eher brachiale Art und Weise. Einen Gewaltfreistoß von Eder konnte De Gea nicht festhalten, der kleine Giaccherini spritzte dazwischen, und Chiellini staubte ab. Chiellini ausgerechnet, für viele der Inbegriff des zynischen italienischen Verteidigers, krönte eine Darbietung, die nie zynisch war. Selbst mit dem 1:0 im Rücken hatte Italien noch die klareren Chancen. Auch die besten Konter scheiterten jedoch zunächst immer wieder an den Händen von De Gea.

In der zweiten Halbzeit wurde Del Bosque aktiv, versuchte es erst mit zwei Mittel-, später mit zwei Flügelstürmern. Es reichte immerhin für eine Schlussoffensive. Torwart Gianlugi Buffon musste vor allem gegen eine Volleyverlängerung von Piqué aus der Nahdistanz sein ganzes Können zeigen. Da lief schon die 90. Minute – im Gegenzug besiegelte Pellè mit einem krachenden Volleyschuss den italienischen Sieg.

Gegen Deutschland geht es nun mit Euphorie, Respekt – und mindestens einem Ausfall. Der eingewechselte Abräumer Thiago Motta ist nach der zweiten Gelben Karte gesperrt. Das Problem: der eigentliche Platzhalter Daniele De Rossi ist auch nicht ganz fit und musste deshalb vom Platz.