EM2016

Julian Draxler hat seinen Rucksack abgelegt

Der Wolfsburger Profi brilliert mit einem Tor und einer Vorlage. So behebt er für Bundestrainer Löw einen Missstand.

Wurde zum „Man of the match“: Julian Draxler

Wurde zum „Man of the match“: Julian Draxler

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Lille.  Es waren diesmal zwei Pfiffe, die von der Tribüne im Stade Pierre Mauroy von Lille hinunter in die Ohren von Julian Draxler sausten und ihm ein gutes Gefühl gaben. Ein Gefühl des Vertrauten, das er braucht, zumal auf dieser großen Bühne.

Von dort oben pfiff also Hans-Jürgen Draxler zwei Mal so laut, dass der Sohn unten am Sonntagabend nach dem Aufwärmen für das EM-Achtelfinale gegen die Slowakei erst den Kopf hob, den Vater sah und dann zwei Finger ausstreckte: das Victory-Zeichen. Volle Zuversicht.

Etwas mehr als 90 Minuten später saß Julian Draxler in einem fensterlosen Raum der Arena und sollte erklären, ob das, was zwischen den zwei Pfiffen und dem Jetzt passiert war, nun sein bestes Spiel für die deutsche Nationalelf gewesen sei.

„Ich freue mich, dass ich ein gutes Spiel gemacht habe“

Der Mittelfeldspieler hatte beim 3:0 (2:0) gegen die Slowaken ein fantastisches Tor mit einem Scherenschlag unter die Latte geschossen (63. Minute) und zuvor ein anderes, das 2:0 von Mario Gomez, mit sehenswertem Solo vorbereitet (43.).

Draxler hatte großen Anteil daran, dass dem Team von Joachim Löw der erste wirklich überzeugende Auftritt bei diesem Turnier gelungen ist. Und er wurde verdient zum Man of the Match gewählt.

„Das ist schwer zu sagen, so direkt nach dem Spiel“, antwortete der Profi auf die Frage nach seiner bisher besten Leistung für Deutschland. „Ich freue mich jedenfalls, dass ich ein gutes Spiel gemacht habe.“

Erst nach dem Frühstück von seiner Aufstellung erfahren

Für dieses gute Spiel war Löw ein Risiko eingegangen: Der 56-Jährige nahm gegen die Slowaken Mario Götze aus der Startelf und ließ Draxler links im Mittelfeld beginnen. Das erzeugte zunächst ein Raunen auf der Pressetribüne. Götze-Dämmerungsgeschichten werden gerade viele geschrieben.

Aber kurz darauf erzeugte nur noch Draxler das Raunen: Immer wieder ging er in Dribblings und erschuf dadurch das, was Löws Team in der Vorrunde so oft gefehlt hatte: Überzahlsituationen im letzten Drittel vor des Gegners Tor.

„Der Bundestrainer hat mich ermutigt, mehr in Eins-gegen-Eins-Situationen zu gehen“, sagte Draxler, der erst nach dem Frühstück von seiner Aufstellung erfuhr. „Er hat mir Selbstvertrauen gegeben. Er weiß, dass ich gut bin.“

„Jule war überragend“

Das Fehlen eines solchen Eins-gegen-Eins-Spielers hatte Löw vor einer Woche noch beklagt. Nun hat er sich selbst einen solchen Dribbler geschnitzt, indem er Draxler gut zuredete, auf seine eigenen Qualitäten zu vertrauen. „Julian hat heute den Mut gehabt, mit seinem Tempo in Eins-gegen-Eins zu gehen. Ich war sehr zufrieden mit ihm“, lobte Löw. „Jule war überragend. Ich glaube, man kann sagen, dass er einen guten Tag gehabt hat“, schwärmte Benedikt Höwedes.

Draxler ist immer noch erst 22 Jahre alt, aber man hat das Gefühl, er sei schon sehr viel länger dabei. Mit 17 debütierte er bei Schalke 04 in der Bundesliga, wo er schon in der E-Jugend spielte. Mit 19 stand er im erweiterten Kader für die EM 2012, aber Löw entschied sich vor dem Turnier doch noch gegen ihn.

Lange trug der gebürtige Gladbecker den Rucksack mit sich herum, eines der größten deutschen Talente zu sein – aber ihn abzusetzen und mehr als ein Talent zu sein, das gelang ihm nicht. Auch das war ein Grund für seinen Wechsel vor der abgelaufenen Saison: Er wollte einen Neuanfang. Doch die 36 Millionen Euro, die der VfL Wolfsburg an Schalke zahlen musste, waren wie ein neuer Rucksack.

Pfiffe des Vaters sind Ritual geworden

Draxler hat die Unterstützung seiner Eltern immer gebraucht – vielleicht noch stärker als andere 22-Jährige. Aber das lag auch daran, dass seine Kindheit kürzer ausfiel. Der Hype um ihn auf Schalke zwang ihn, schneller erwachsen zu werden.

Die Pfiffe seines Vaters vor einem Spiel sind zum Ritual geworden, hat Draxler dem „Spiegel“ kürzlich erzählt. Sie zeigen ihm, dass die Eltern da sind. Sie geben ihm Halt in einer oft haltlosen Branche.

Zumindest in der Nationalelf ist Draxler mit dem Auftritt gegen die Slowaken ein Stück weiter aus dem Talentstatus herausgewachsen. Er hat den Rucksack abgelegt. Und er gibt Löw nun die Möglichkeit, trotz des schmerzlichen Ausfalls von Marco Reus auch auf eine Formschwäche von Götze reagieren zu können.

„Er hat zwei brillante Zauberfüßchen“

Draxler hatte in den ersten beiden Gruppenspielen nicht überzeugen können und gegen Nordirland deshalb Götze weichen müssen. Nun machte es Löw genau anders herum und bewies damit einen guten Riecher: „Julian hat zuletzt eine Pause bekommen. Heute war er frisch. Das hat unserem Spiel gut getan“, sagte Löw.

Dass Draxler überhaupt bei diesem Turnier dabei ist, war nicht selbstverständlich. Mitte April zog er sich einen Muskelbündelriss im Champions-League-Spiel gegen Real Madrid zu. „Ich habe Tag und Nacht dafür gearbeitet, bei dieser EM dabei zu sein“, sagte Draxler.

Bei der WM 2014 war er zwar dabei, spielte aber nur kurz im Halbfinale, als die Jahrhundertpartie gegen Brasilien (7:1) längst entschieden war. Dass er diesmal eine wesentlich tragendere Rolle spielen wird, glauben auch seine Mitspieler: „Er hat zwei brillante Zauberfüßchen“, schwärmte Gomez.

Als Julian Draxler in der 71. Minute unter tosendem Applaus ausgewechselt wurde, lächelte er – und winkte dorthin, von wo die Vaterpfiffe gekommen waren.