EM2016

Renato Sanches ist Mensch gewordenes Koffein

Das 18-jährige Talent aus Portugal zeigt im Spiel gegen Kroatien erstmals, warum er für Bayern fast 80 Millionen Euro wert ist.

Machte sein bestes EM-Spiel für Portugal: Renato Sanches

Machte sein bestes EM-Spiel für Portugal: Renato Sanches

Foto: Ian Langsdon / dpa

Lens.  Cristiano Ronaldo stürmte zum Stadionausgang, flankiert von Portugals Pressesprechern. Man hätte meinen können, es wäre wieder sonst was passiert. War es ja auch, doch handelte es sich nur insofern um ein Novum, als der dreifache Weltfußballer bei Portugals zähem Achtelfinalsieg über Kroatien (1:0 nach Verlängerung) ausnahmsweise nicht im Mittelpunkt gestanden hatte. Das Spiel von Lens, es war der Abend von Mustang und dem Fohlen.

Mustang ist Ricardo Quaresma. Sein Trainer Fernando Santos gab ihm diesen Spitznamen, als er ihn 2003 bei Sporting Lissabon in die erste Mannschaft einbaute. Wenn dieses wilde Pferd eines Tages gezähmt werden könne, so der heutige Nationalcoach vor 14 Jahren, dann würde es noch so manches Rennen entscheiden.

Nach einer Karriere, die seinem Talent nur selten entsprach, war es am späten Sonnabend so weit. Quaresma, inzwischen 32 Jahre alt, staubte in der 117. Minute zu dem Treffer ab, der Portugal nun am Donnerstag in Marseille ein Viertelfinale gegen Polen (21 Uhr) beschert.

Sanches wurde „Man of the Match“

Zum „Man of the Match“ wurde dann der Spieler ernannt, der den Angriff durch einen fulminanten Lauf durch das Mittelfeld eingeleitet hatte. Renato Sanches ist vierzehn Jahre jünger als Quaresma und auch noch ziemlich wild, allerdings kanalisiert er seine Energien schon jetzt erstaunlich zielgerichtet.

„Er ist ein Typ, der fightet, und wenn er den Ball hat, dann zieht er an und bringt Intensität ins Spiel“, beschrieb ihn Teamveteran Ricardo Carvalho, der sogar 20 Jahre älter ist. „Für uns sind das sehr wichtige Qualitäten.“

Von denen sind sie auch beim FC Bayern überzeugt, weshalb sie den Teenager ja gegen 35 Millionen Euro Ablöse plus 45 Millionen Euro an möglichen Bonuszahlungen bei Benfica Lissabon ausgelöst haben. Sie kennen ihn also, und deshalb ahnten sie wohl, dass er nach seiner Einwechslung in der 50. Minute für den angeschlagenen André Gomes dringend benötigtes Koffein in die Partie bringen würde.

Münchner sehen sich als Gewinner der Nacht

In sein US-Twitterkonto speiste der Verein im Moment von Sanches’ Hereinnahme ein Video ein, in dem ein schlafender Fan plötzlich von seinem Stuhl aufspringt. Aber nicht nur in Sachen Humor durften sich die Münchner als ein Gewinner dieser Nacht fühlen.

Das Coming Out auf großer Bühne machte ihn in Lens zum Hauptgesprächsthema der internationalen Szene. Nach diesem Spiel wäre er wohl noch ein bisschen teurer gewesen – und noch mehr Großklubs hätten an ihm gebaggert.

Sanches selbst wollte über seine Zukunft in Bayern nicht groß sprechen, „ich bin jetzt voll konzentriert auf die Seleção“, sagte er. In der „respektiere ich natürlich die Entscheidungen des Mister“, aber die Forderung nach einem Stammplatz dürfte nach seinem Auftritt in Lens sowieso die Presse übernehmen.

Ansonsten musste der 18-Jährige selbst darüber kichern, wie sehr er sich in seinen Äußerungen wiederholte. „Ich freue mich sehr“, sagte er immer wieder. „Es ist ein großer Moment, ich war ja schon happy, als ich nominiert wurde“. Lachend nahm er seine Trophäe und machte los.

Treffer war erster Schuss aufs Tor im ganzen Spiel

Die entscheidende Szene hatte er zuvor beschrieben als „Spielzug, den ich häufig mache. Eine meiner Stärken ist der Antritt mit Ball. Nani begleitete mich und ich bediente ihn“. Über den Außenstürmer kam der Ball dann in die Mitte zu Ronaldo, der – dieses Privileg dann schon ¬– den ersten Schuss der ganzen Partie zwischen die drei Torgestänge zustande brachte und Kroatiens Torwart Subasic zu seiner letztlich unzureichenden Parade zwang.

Portugals Abwehrchef Pepe wollte um den Catenaccio gar nicht groß herumreden. „Der Trainer hat heute entschieden und das Spiel über einen Konter entscheiden“. Plan erfüllt, lässt sich da nur sagen. „Wir waren demütig, haben gearbeitet und einer hat den anderen unterstützt“.

Sogar Ronaldo zog sich den Blaumann an und verzichtete auf Beschwerden über ausbleibende Vorlagen. „Mit unserer Opferbereitschaft haben wir das portugiesische Volk würdig vertreten“, fabulierte Pepe. Die spanische „Marca“ lästerte dagegen: „Portugal ist weiter, obwohl sie in den regulären 90 Minuten noch kein Spiel gewonnen haben.“