Fußball-EM

Italiens grandiose Bastarde fordern Spanien

Italiens ältere Herren rechnen sich gegen den Titelverteidiger Spanien durchaus Chancen aus. Die Fans sollen auf ihre Weise mithelfen.

Nicht schön, aber erfolgreich: Giorgio Chiellini (l.) und Leonardo Bonucci stehen für rustikale italienische Defensivarbeit mit einer Prise Theatralik

Nicht schön, aber erfolgreich: Giorgio Chiellini (l.) und Leonardo Bonucci stehen für rustikale italienische Defensivarbeit mit einer Prise Theatralik

Foto: Yuri Kochetkov / dpa

Paris.  Im Pariser Vorort St. Denis befindet sich das Chamäleon an diesem Montag schon mal und würde nur zu gern am 10. Juli wiederkommen, zum Finale dann. Das hängt aber von der Couleur der bislang undurchsichtigen Italiener ab.

Von Belgien über Schweden bis Irland trugen sie ja allerhand – piekfein, matt oder inspirationslos. Im Achtelfinale gegen Spanien (18 Uhr, ARD) empfiehlt sich wohl nur der allerfeinste Stoff.

Auf den Rängen derweil sollen bitteschön alle ausschließlich in Azzurro erscheinen. Drei gefühlte Auswärtsspiele reichen Antonio Conte. Seine Nation vertraten bislang höchstens ein paar blaue Punkte gepaart mit schnauzbärtigen Supermarios oder Gladiatoren – das erschien dem Nationaltrainer etwas dürftig.

Der Trainer wünscht sich mehr Blau auf den Rängen

„Ich würde gern jeden in azurblauem Oberteil sehen, egal ob offizielles Trikot oder normales Shirt, ob in Frankreich oder Italien. Deine Farben um dich herum geben dir Ansporn – bisweilen wird das Nationaltrikot zu sehr misshandelt, doch der Stolz aufs eigene Land ist keine Schande“, sagte Conte, und das klang gewollt staatstragend.

In einer Ära der sich selbst überholenden sozialen Netzwerke antwortete Italien prompt. Ob Valentino Rossi, Luca di Montezemolo, Giorgio Armani, Sterneköche, Sänger, Schauspieler oder Miss Italia – Azzurro ist nun daheim wieder angesagt. Die meisten befürchten allerdings, dass die Oberteile am Dienstag wieder zurück in den Schrank wandern.

Denn nach dem letzten dürftigen Gruppenspiel gilt die Squadra Azzurra als „qualitativ ärmste Nationalelf seit den 1960ern“ („Corriere della Sera“), die „Republica“ ging grimmig sogar noch ein weiteres Jahrzehnt zurück. „Mamma mia, Spanien! Der Titelverteidiger, Deutschland, England, Frankreich – wir sind auf der Todesseite des Play-off-Tableaus“, stöhnte die „Gazzetta dello Sport“.

Der Stachel vom Finale 2012 sitzt immer noch tief

Für ein mögliches Wiedersehen mit der Löw-Elf im Viertelfinale droht zusätzliches Ungemach, da zehn Spieler mit Gelb vorbelastet in die Runde der letzten 16 gehen. Vor weitreichenden Prognosen für die infernale rechte Hälfte benötigt Italien jedoch zunächst eine mirakulöse Erscheinung gegen die Spanier, die in jüngster Vergangenheit genug Schmerz und Tränen verursachten. Aus den letzten elf Duellen holte Italien lediglich einen Sieg, 2011 in einem Freundschaftsspiel.

Lange Zeit hatten die Italiener als Angstgegner gegolten, wenn die Spanier mal wieder favorisiert in die Partie gingen und scheiterten. Der Wind drehte sich 2008, aber vor allem der Stachel des 0:4 im EM-Finale 2012 steckt immer noch tief. Iker Casillas animierte den Referee damals mitleidig, auf die Nachspielzeit zu verzichten, italienische Medien schrieben von einem „Massaker“.

Fünf Spieler von damals stehen wieder in der Startformation, darunter Daniele de Rossi und Leonardo Bonucci, die mit ihren Fehlschüssen zu den Eliminationen bei der EM 2008 und beim Confederations Cup 2013 nach Elfmeterschießen beitrugen. Nicht von ungefähr schielt Italien neidisch auf die unaufhörlich sprießenden Talente der Primera Division, Spaniens Topliga.

Die Frage lautet: Barrikade oder Attacke?

Teamgeist, Laufen bis zum Umfallen, eine Portion Glück und auf die Chance gegen die nicht immer orientierte spanische Defensive warten – so könnte es klappen. „Wir müssen furchtlos ins Duell gehen, Spanien ist nicht unschlagbar“, befahl Conte, der wie jeder Gegner der Armada vor dem Dilemma steht: Barrikade oder Attacke?

„Wir sind keine Würste, aber auch keine Phänomene“, stempelte Giorgio Chiellini ein realistisches Siegel auf seine Azzurri. Inmitten der inflationären Begabung des übermächtig wirkenden Gegners eine stinknormale Elf eben, was ihr einen Schuss Sympathie des tapferen Außenseiters einhaucht. Womöglich wäre der defensive Marschbefehl anfangs dann doch die beste aller Lösungen.

Gegen Schweden ließ die Abwehr keinen Torschuss zu

Die taktische Raffinesse der Stammabwehr um BBC erstickte bisher jegliche Bemühungen des Gegners. Verglichen zum königlichen Benzema-Bale-Cristiano Ronaldo konnten Barzagli-Bonucci-Chiellini in defensiver Noblesse durchaus mithalten. Erstmals in der italienischen EM-Geschichte ließ die Abwehr gegen Schweden keinen Torschuss zu und BBC bilanzieren aktuell vier Partien ohne Gegentor – das gelang zuletzt bei der Erfolgs-WM 2006.

Italien feiert seine „Mauer“, Frankreichs „So Foot“ schrieb in Anlehnung an Tarantino-Streifen entzückt von „wunderbaren Bastarden – hart, mutig, zynisch und grandios“. Attribute, die dem ehemaligen Wolfsburger Andrea Barzagli mundeten: „Wir sind hässlich, dreckig und wollen längst nicht heimfahren.“ Beim nächsten Streich soll sich gefälligst Tiki-Taka die Zähne an den Conte-Bastarden ausbeißen.

Der Papst schlägt sich auf die Seite der Italiener

Für den Rest besitzen die Azzurri ohnehin den Papst als Unterstützer. Die Azzurri erhielten von „Papa Francesco“ den Segen und die Anweisung: „Dass Sie mir ja ungeschlagen wieder heimkommen.“ Sergeant Conte und den Papst als Motivatoren - womöglich sollte man die zuvor ignorierten Italiener vorsorglich doch auf dem Favoritenzettel notieren.

Obacht lediglich in der italienischen Schweiz: Im Tessin erhielten kürzlich einige Fahrer gesalzene Geldbußen, als sie die Italiensiege mit überschwänglichem Hupen feierten. Also wirklich, Contenance!