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Das deutsche Team ist bereit für etwas Besonderes

Die deutsche Nationalmannschaft hat bei dieser EM-Endrunde noch nicht brilliert. Das Achtelfinale bietet heute die Chance dazu.

Abwehrchef Jerome Boateng (2.v.l.) konnte am Sonnabend wieder mit der Mannschaft trainieren. Dem Einsatz des gebürtigen Berliners steht nichts mehr entgegen

Abwehrchef Jerome Boateng (2.v.l.) konnte am Sonnabend wieder mit der Mannschaft trainieren. Dem Einsatz des gebürtigen Berliners steht nichts mehr entgegen

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Évian-les-Bains/Lille.  Das hätte Applaus verdient gehabt. Mit derlei Ballakrobatik bessern sich andere ihre Kasse auf. Zum Beispiel in Paris oben auf dem Montmartre, wo Straßenkünstler ihre Tricks vorführen. Da stehen die Leute herum, rufen „Wow“ und lassen auch mal einen Euro springen.

Aber bei Joachim Löw öffnet am Sonnabend keiner das Portemonnaie. Während sich seine Mannschaft für das Abschlusstraining vor dem EM-Achtelfinale an diesem Sonntag (18 Uhr, ZDF) aufwärmt, vertreibt sich der Bundestrainer beim Jonglieren die Zeit: Mit dem Außenrist hält Löw den Ball hoch. Ein Straßenkünstler-Kunststück, aber niemand applaudiert.

Löw kennt das schon. Er weiß, dass es mindestens die ganz große Nummer sein muss, damit die Leute bei ihm noch zu so etwas wie einem „Wow“ animiert werden. Seit er ihnen die ganz tolle Show schon geboten hat, sind sie nicht mehr bereit, für Durchschnittsvorführungen in die Hände zu klatschen.

Noch wenig Begeisterung in der Heimat

Die deutsche Nationalmannschaft hat bei dieser EM in Frankreich noch nicht brilliert. Sie hat die Vorrunde souverän gemeistert – ohne Gegentor sogar. Aber das zu loben, wäre in etwa so, als bejubele man den Busfahrer nach einer unfallfreien Fahrt von der einen zur anderen Haltestelle. Es wurde schlicht von ihr erwartet – vor allem gegen Gegner aus dem unteren Preissegment wie die Ukraine und Nordirland.

„Wenn man gegen solche Teams gewinnt, lässt man keinen Hurra-Schrei los“, sagt Manuel Neuer und meint Team und Publikum gleichermaßen. Der Ersatzkapitän hat festgestellt, dass in der Heimat noch nicht die allergrößte Begeisterung ausgebrochen ist und zeigt dafür Verständnis. „Ich hoffe aber, wenn wir die Slowakei schlagen und danach vielleicht auch einen großen Gegner, dass die Leute dann merken: Die Nationalmannschaft ist da, sie ist völlig auf der Höhe“, sagt der DFB-Torwart.

Eine erfolgreiche Elf ist ein sich unterwanderndes System

Löw und sein Team haben den unverzeihlichen Makel, dass sie Weltmeister sind. Und vom Weltmeister wird stets Weltmeisterliches erwartet. Man kann das nun den Fluch der guten Tat nennen. Oder man stellt nüchtern fest, dass – wie überall im Leben – nach dem Erreichen von großen Zielen stets die Erwartungen steigen. Eine erfolgreiche Mannschaft ist ein sich selbst unterwanderndes System: Je erfolgreicher sie spielt, desto mehr wird von ihr verlangt.

Kunststücke jedenfalls, echte Wow-Momente, hat die DFB-Auswahl in Frankreich noch nicht vorgeführt, wenn man mal vom Torverhinderungstrick mit eingebautem Rückwärtssprung des Jerome Boateng gegen die Ukraine absieht. Und von zu Hause erhält das Team die Nachricht von bis zu zwei Drittel leeren Fanmeilen. Deutschland wartet auf das Wow bei diesem Turnier – und das Achtelfinale gegen die Slowakei bietet – so paradox das auch klingt – eine Chance dazu.

Man könnte leicht behaupten, dass die Partie gegen die Slowaken, die sich in der Fifa-Weltrangliste auf Platz 24 zwischen Costa Rica sowie Nordirland und noch hinter der Ukraine einreihen, wieder so ein Spiel ist wie in der Vorrunde. Eine Partie, bei der Löws Elf nichts zu gewinnen hat, sondern nur eine Menge zu verlieren, falls sie in die Hose geht.

Gute Erinnerungen ans Achtelfinale

Aber man kann auch die Antithese aufstellen. Schlägt Deutschland die Slowakei mit einem brillanten Auftritt, kann es ein erstes, zaghaften Wow bei dieser EM für Löws Elf geben, das sich zu einem echten, ausgewachsenen Wow steigert, wenn danach im Viertelfinale Spanien oder Italien warten. Schon einmal hat ein Achtelfinale in der jüngeren Vergangenheit eine Euphorie-Bugwelle hinter sich her gezogen. Bei der WM 2010 überrannte Löws Mannschaft England mit 4:1. Die Briten besaßen damals sicher einen Namen mit mehr Bugwelle als die Slowaken heute.

Aber im Vorbeischwimmen wird es dennoch nicht gehen. Das Team von Trainer Jan Kozak hat Deutschland nicht nur vor vier Wochen mit gefährlichen Standards und einer vielbeinigen Defensive im Test von Augsburg bezwungen (3:1). Es hat auch England in der Gruppe auflaufen lassen, das trotz wütender Angriffe nicht über ein 0:0 hinaus kam.

Ein Ausscheiden wäre eine Blamage

„Vom Typ her sind wir keine Mannschaft, die jemanden auf die leichte Schulter nimmt“, sagt Mario Gomez. Der Angreifer ist vor zwei Jahren nicht Weltmeister geworden, weil Löw auf einen Vollblutstürmer wie ihn in Brasilien verzichtete. Nun ist der Bundestrainer froh, ihn in Frankreich in guter Form dabei zu haben. Gomez traf zum Sieg gegen Nordirland und wird wohl auch gegen die Slowakei in der Startelf stehen. Beim Test im Mai gegen die Slowakei verwandelte der 30-Jährige einen Elfmeter und hätte einen zweiten bekommen müssen.

„Ich will einfach nur Europameister werden. Das ist alles, was zählt für mich“, sagt Gomez, der sich auch ein bisschen auf ein Wow-Spiel gegen Spanien oder Italien freuen würde: „Genau das wünscht man sich bei einer EM. Die Besten sollten gegen die Besten spielen“, sagt der Angreifer.

Natürlich lauert der größtmögliche Wow-Moment für Deutschland am Sonntag in einer ganz anderen Ecke: Sollte die Nationalelf gegen die Slowakei ausschneiden, würde sich die Welt verblüfft die Augen reiben. Seine Kunst könnte Löw in Paris, dem Finalort, dann nicht mehr vorführen – und hätte zu Hause wohl eine ausgewachsene Krise zu überstehen.