EM 2016

Frankreich will bloß nicht wieder zittern

Frankreich ist das Team der letzten Minuten, will einen Nervenkrimi im Achtelfinale aber unbedingt vermeiden.

Zwei Tore, eine Vorlage: Dimitri Payet (29) ist der Shootingstar dieser EM

Zwei Tore, eine Vorlage: Dimitri Payet (29) ist der Shootingstar dieser EM

Foto: Georgi Licovski / dpa

Lyon.  Selbst eine irische Fluglinie griff das Thema auf. Die eingesetzten Extra-Maschinen von Dublin nach Lyon flankierte die Airline mit einem pfiffigen Slogan: „Nur Handgepäck, bitte!“ – zu Ehren von Thierry Henrys berühmt-berüchtigtem Handspiel.

Sieben Jahre liegt die skandalträchtige Szene aus dem WM-Qualifikationsspiel zwischen Frankreich und Irland zurück. Für das kollektive Fußballgedächtnis nur ein Wimpernschlag, also wird die Schandtat des früheren Stürmerstars vor der heutigen Neuauflage im EM-Achtelfinale (15 Uhr, ZDF) auf allen Kanälen wiederbelebt.

Wofür die Iren Rache nehmen

Zur Erinnerung: Henry hatte seinerzeit das 1:1 durch William Gallas in der Nachspielzeit unter Zuhilfenahme seiner Hand vorbereitet. Eine ebenso schlitzohrige wie folgenschwere Tat, denn statt der Iren durften nun die Franzosen zur WM nach Südafrika reisen.

Den irischen Fußballverband bewog diese himmelschreiende Ungerechtigkeit sogar zu einer Klage gegen die Fifa, doch der Weltverband wusste das Problem auf seine Art zu lösen. Wie Jahre später publik wurde, zahlte die Fifa fünf Millionen Euro an die Iren. Die einen sprachen von „einem Darlehen“, andere von „Schweigegeld“, aber das ist eine Geschichte für sich.

Allein „L’Equipe“, Frankreichs größte Sportzeitung, walzte die unrühmliche Anekdote auf acht Seiten aus. Im TV lief die Partie noch mal in voller Länge, und Torschütze Gallas warnte eindringlich: „Die Iren werden es nicht vergessen haben.“ Nein, an Rache denke er niemals, beteuerte Irlands Allrounder Stephen Ward zwar. Sein Grinsen aber sagte etwas anderes.

Lloris musste seit über 200 Minuten keinen Ball parieren

Dass die französischen Medien erhöhte Alarmbereitschaft ausgerufen haben, liegt auch im bisherigen Turnierverlauf. Ein Last-Minute-Sieg gegen Rumänien, ein ebenfalls kurz vor Ultimo errungenes 2:0 gegen Albanien und eine Nullnummer gegen die Schweiz – bislang zeigte die „Equipe tricolore“ beim Turnier im eigenen Land nur erfolgreichen, aber keineswegs begeisternden Fußball.

Während Torhüter Hugo Lloris (29) seit 205 Spielminuten keinen einzigen Ball parieren musste, verkam die hochgepriesene Offensive plötzlich zum Sorgenkind. Superstar Paul Pogba (23, Juventus Turin) fiel vor allem durch unnötige Mätzchen auf und landete zwischenzeitlich genauso auf der Bank wie Antoine Griezmann (25) vom Champions-League-Finalisten Atlético Madrid. Kurzum: Das Vertrauen in die eigene Nationalmannschaft ist bei den Franzosen nicht gerade gewachsen in den ersten zwei Wochen des Turniers.

Wie es ohne Dimitri Payet um die Stimmung im Gastgeberland bestellt wäre, will man sich lieber gar nicht ausmalen. Der 29-Jährige gilt bisher als die Entdeckung des Turniers. Seine Bilanz: Drei Spiele, zwei Tore, eine Vorlage.

„Das war eine Botschaft ans ganze Land“

Was die Nation nun mehr bewegte – sein spätes Ausgleichstor im Auftaktspiel oder die anschließenden Freudentränen bei seiner Auswechslung –, sei dahingestellt. Frankreichs Sportminister Patrick Kanner wusste jedenfalls beides zu nutzen. „Das war eine Botschaft ans ganze Land“, sagte er pathosschwanger, „mit seinen Tränen zeigt er, wozu Frankreich fähig ist.“ Wenn es derzeit einen Hoffnungsträger gibt, dann Payet.

Das liegt vor allem an der ungewöhnlichen Geschichte des offensiven Mittelfeldspielers. Sein Ruf als begnadeter Fußballer begleitet ihn schon lange, aber eben auch der eines Hochveranlagten, dem es an der nötigen Disziplin fehlt. Fuß fasste er bei keiner seiner bislang fünf Stationen im Profifußball, weder in Nantes oder St. Etienne, noch in Lille oder Marseille.

„Er hat großes Talent“, befand Arsenal-Trainer Arsene Wenger, „aber er ist zu unbeständig. Bei ihm ist es immer ein Auf und Ab.“ Statt zu den „Gunners“ wechselte Payet 2015 zu West Ham United. Ein Volltreffer, wie sich herausstellen sollte. Mit elf Toren und 15 Assists avancierte er zu einem der Top-Scorer der Premier League.

Im Nationalteam musste Payet ebenfalls lange auf den Durchbruch warten. Nach seinem Debüt 2010 blieb er bei den vergangenen EM- und WM-Endrunden außen vor, auch die Turnierteilnahme in Frankreich schien lange ungewiss.

Auch Deutschland biss sich an Irland schon die Zähne aus

Inzwischen wird Nationaltrainer Didier Deschamps heilfroh sein, dass er Payet nominiert hat. Selbst Fußball-Ikone Zinedine Zidane schwärmt in höchsten Tönen. „Ein Spieler wie er“, sagte der Coach von Real Madrid unlängst, „hilft jedem Team in Europa weiter.“

Deschamps (47), der sein Team seit dem letzten Gruppenspiel am Sonntag vor der Öffentlichkeit abschirmte, will den Payet-Hype allerdings nicht weiter befeuern. Er ist bemüht, den kommenden Gegner in den Fokus zu ziehen.

„Irland spielt mit viel Herz“, warnt er, „aber es ist nicht nur das, sie haben auch viele gute Spieler, die in der Premier League spielen.“ Sein deutscher Kollege Joachim Löw würde ihm wohl beipflichten. In seinen zwei Qualifikationsspielen gegen Irland holte das DFB-Team schließlich nur einen Punkt.

Auch wenn sie den „Spätzünder“ Payet in ihren Reihen wissen: Eine späte Entscheidung wie in der Gruppenphase sollten die Franzosen gegen Irland tunlichst vermeiden. „Wir müssen das Spiel möglichst vor der 85. Minute gewinnen“, fordert Verteidiger Adil Rami, der gegen Albanien in der 90. Minute das 1:0 vorbereitete. Das Glück bei Last-Minute-Toren dürfte schließlich aufgebraucht sein. Ganz besonders gegen Irland.