EM 2016

Kevin De Bruynes Kettenhund ist Kettenraucher

Grobmotoriker unter Filigrantechnikern: Der rauhe Mittelfeldmann Radja Nainggolan ist bislang der auffälligste belgische Spieler.

Machte das entscheidende Tor gegen die Schweden: Radja Nainggolan

Machte das entscheidende Tor gegen die Schweden: Radja Nainggolan

Foto: Daniel Dal Zennaro / dpa

Toulouse.  Die Belgier sind bei der Fußball-EM immer für ein bisschen Aufregung gut - auch vor dem Achtelfinale gegen Ungarn. Einen Tag vor der Abreise nach Toulouse sorgte Radja Nainggolan für Aufsehen, weil sein Trainer Marc Wilmots gestehen musste: „Ja, Radja raucht.“ Der 28-Jährige bekommt deshalb immer ein Zimmer mit Balkon. „Damit der Rauchalarm nicht angeht“, sagt Wilmots.

Diesem Laster wird Nainggolan wohl auch vor der Begegnung am Sonntag (21 Uhr, ZDF) gegen Ungarn frönen, doch das ist dem sonst so strengen Wilmots unter einer Bedingung egal: „Wenn er es braucht, werde ich ihn nicht daran hindern. Wichtig ist, dass er weiterhin seine Leistung auf dem Rasen bringt.“

Das tat er beim 1:0-Sieg gegen Schweden. Da schoss der Spieler vom AS Rom den einzigen Treffer. Ein Traumtor. „Da war ein bisschen Glück dabei“, sagt Nainggolan. Und alles spricht nun über ihn, den Grobmotoriker unter all den Filigrantechnikern in Belgiens Mittelfeld wie Kevin De Bruyne und Eden Hazard. Er ist in jedem Sinn der Auffälligste. Gestatten: Radja Nainggolan, Spitzname: Ninja.

Als Hotelgäste die Polizei holten

Der Name passt, sieht der Mann doch aus wie ein Krieger. Blondierter Irokesen-Schnitt, rund 50 Tattoos - und noch ein bisschen mehr. „Ich habe einen furchterregenden Blick, das stimmt“, sagt der Belgier. Aber muss man deshalb gleich die Polizei rufen?

Geschehen unlängst in Antwerpen, als Nainggolan von Hotelgästen für einen Terroristen gehalten wurde. „Scheinbar macht mein Aussehen den Leuten Angst“, sagt er: „Zum Glück hat mich die Polizei sofort erkannt.“ Wie könnte man einen wie ihn auch nicht erkennen?

Dabei ist er im belgischen Team selbst für die Sicherheit zuständig. Der Mann beschützt im defensiven Mittelfeld die Kreativen wie Kevin De Bruyne oder Eden Hazard – furchtlos, zupackend, giftig, robust. Er spielt wie ein wilder Stier.

Vater verließ früh die Familie

„Wir haben Spieler, die den Unterschied ausmachen können, das gibt uns Kraft“, sagt Nainggolan - wohlwissend um seinen Anteil am Aufschwung der Roten Teufel: „Individuell sind wir eines der besten Teams, aber wir müssen als Team spielen.“

Ein Teamplayer war der 28-Jährige dabei schon immer, musste es sein. Sein indonesischer Vater verließ die Familie, als Radja fünf Jahre alt war, er übernahm danach früh die Rolle des Beschützers für seine Zwillingsschwester und die Mutter. „Ich kann ihm das nicht verzeihen“, sagt Nainggolan über seinen Vater, der sich erst wieder bei ihm meldete, als er schon als Profi gutes Geld verdiente.

2010 verlor Nainggolan seine Mutter, nach langer Krankheit. Auf seinem Rücken sind die Geburts- und Todesdaten unter zwei Flügeln tätowiert, seinen Körper zieren mittlerweile so viele Tattoos, dass er den Überblick verloren hat. „Ich weiß gar nicht, wie viele ich habe“, sagt er.

Conte will ihn zum FC Chelsea locken

Mit 17 Jahren ging Nainggolan bereits nach Italien, über den FC Piacenza und Cagliari Calcio landete der nur 1,76 große Abräumer 2014 bei AS Rom. Weil er nicht nur die Ideen des Gegners abwürgt, sondern auch das eigene Spiel ankurbelt, wird sein Marktwert mittlerweile auf 30 Millionen Euro taxiert.

Nach der EM könnte dann ein ganz großer Deal anstehen: Der bisherige italienische Nationaltrainer Antonio Conte will Nainggolan zu seinem künftigen Arbeitgeber FC Chelsea locken. Dann muss seine Familie mitspielen. Denn jede Minute mit Töchterchen Aysha und Frau Claudia ist für ihn kostbar.

Am Sonntag werden Aysha und Claudia in Toulouse wohl erneut auf der Tribüne sitzen, wenn Nainggolan die Ungarn das Fürchten lehren will. „Wir sollen gewinnen, sie haben nichts zu verlieren“, sagt der Krieger.