EM 2016

Kroatien überzeugt mit Talent und Typen

Warum die kroatische Mannschaft um ihre Stars Luka Modric und Ivan Rakitic so überzeugt ist, in Frankreich noch sehr weit zu kommen.

Läuft gerade ganz gut für Kroatien: Luka Modric (r.), Siegtorschütze gegen die Türkei, verfolgt von Ivan Perisic, Siegtorschütze gegen Spanien

Läuft gerade ganz gut für Kroatien: Luka Modric (r.), Siegtorschütze gegen die Türkei, verfolgt von Ivan Perisic, Siegtorschütze gegen Spanien

Foto: Abedin Taherkenareh / dpa

Lens.  Vedran Corluka zum Beispiel. In seiner Zeit bei Tottenham Hotspur lobte ihn beim Abendessen mal ein Kellner für seine diamantenbestückte Armbanduhr. Woraufhin Corluka das rund 50.000 Euro teure Stück auszog und sie dem verdutzten Restaurantangestellten gegen sein Durchschnittsfabrikat tauschte.

Oder Ivan Perisic. Den schickte sein Vater als Teenager mit dem Rest der Familie zum Fußballspielen nach Frankreich, um zu Hause seine Hühnerfarm vor dem Bankrott zu retten.

Über viele Spieler der Mannschaft des 62-jährigen Trainers Ante Cacic – der selbst in einem Elektroreparaturgeschäft anfing – gibt es solche Anekdoten. Geschichten aus dem Leben, Geschichten über das Leben. Kroatien hat nicht nur die Fußballer für den großen Wurf. Es hat auch die Typen.

Mischung aus aufstrebendem und etabliertem Talent

„Die Chance ist jetzt“ – das sagte Ivan Rakitic (28) vor Beginn des Turniers. Die Mannschaft sei schon lange zusammen und habe die richtige Mischung aus etabliertem und aufstrebendem Talent. Die Stars wie er selbst und Luka Modric (30) sind im idealen Alter, aber auch die Stürmer Mario Mandzukic (30) und Nikola Kalinic (28), der bisher überragende Perisic (27) oder Corluka (30).

Für den langjährigen Kapitän Dario Srna ist es mit 34 wohl schon die letzte Gelegenheit. Und wie gut die Jungen sich einfügen, zeigte sich am Dienstag gegen Spanien, als eine auf fünf Positionen veränderte Elf den Titelverteidiger besiegte.

Seitdem ist Kroatien das Modeteam des Turniers. Viele der im angelsächsischen Raum beliebten Formbarometer („Power Ranking“) weisen die spielstarke und taktisch versierte Mannschaft auf Platz eins aller Turnierteilnehmer auf. Quasi automatisch ist sie heute (21 Uhr/ZDF) im Achtelfinale gegen Portugal Favorit.

Immer wieder Ärger mit den nationalistischen Fans

Dass die Kroaten einen renommierten Gruppendritten zugewiesen bekamen, würden Außenstehende wohl als Pech bezeichnen. Verbandspräsident Davor Suker jedoch dürfte sich gefreut haben. Der Torschützenkönig bei Kroatiens historischem dritten WM-Platz 1998 erklärt: „Wir spielen immer gut gegen die Großen.“ Aber eben nicht immer gegen die Kleinen.

Niemand in Kroatien hat die EM 2008 vergessen. Damals wurde es nach drei Siegen in der Vorrunde – unter anderem gegen Deutschland – ähnlich hoch eingeschätzt und verlor dann das erste K.o.-Spiel im Elfmeterschießen gegen die Türkei. Spielmacher Modric weinte, bis heute spricht er von der schlimmsten Niederlage seiner Karriere.

Diesmal hätte Kroatien wohl wieder alle drei Gruppenspiele gewonnen, als einziges Team – wäre nicht der eigene Anhang in die Quere gekommen. Die Bengaloattacken beim Spiel gegen Tschechien verunsicherten die Mannschaft so, dass sie noch das 2:2 kassierte. „Wie in jedem Land der Welt gibt es ein paar Radikale, die den Fußball zerstören wollen, die Aufmerksamkeit suchen und sich prügeln wollen“, sagte Suker.

Rekordsperre für Ex-Herthaner Simunic

Über eine Million Euro habe sein Verband in den letzten zehn Jahren an Strafen für das Verhalten der Fans bezahlt. Fast immer geht es um Nationalismus und Rassismus. Deshalb muss Kroatien seine nächsten zwei WM-Qualifikationsspiele vor leeren Rängen austragen.

Suker und sein Verband können allerdings nicht mehr Glaubwürdigkeit reklamieren als der Wolf im Schafspelz. Jedenfalls hatten die Funktionäre kein Problem damit, dass Cacic den ehemaligen Hertha-Profi Josip Simunic zu einem seiner Assistenten bestellte.

Der Verteidiger hatte während der Qualifikation für die WM 2014 die Rekordsperre von zehn Spielen durch den Weltverband Fifa auferlegt bekommen, nachdem er den Erfolg mit faschistischem Gruß an die Fans feierte. Die Sanktion beendete praktisch seine Auswahlkarriere, zum Nachdenken führte sie nicht. Simunic inszeniert sich weiterhin als feuriger Prediger des Kroatentums.

Ein Team mit Persönlichkeit

Besser also, dem Verbandspräsidenten bei seinen Gedanken zur Turniergeschichte seines Landes zuzuhören. Kroatien habe 1998 im Pariser Prinzenpark die WM mit einem Sieg im Spiel um Platz drei beendet – und nun die EM 2016 im Pariser Prinzenpark mit einem Sieg gegen die Türkei eröffnet, orakelte Suker: „Da ist etwas.“ Weiter wollte er vorerst nicht gehen. „Ich will nicht vergleichen.“

Getan hat das Rakitic, der sagte: „Im Hinblick auf den Charakter hat diese Auswahl mit der von 1998 nichts zu tun.“ Damals habe es vor Leadern nur so gewimmelt. „Wir sind jetzt geordneter, weniger verrückt.“

Für kroatische Verhältnisse, meint er wohl, denn im Vergleich zu allen anderen Teams wirkt Kroatien schon wie eines mit besonders viel Persönlichkeit. Dass Srna etwa vor dem Elfmeter von Spaniens Sergio Ramos blitzschnell schaltete und dessen Klubkollegen Modric um einen Hinweis bat, den er dann an Torwart Subasic weitertransportierte – das war ziemlich gerissen. Wie gesagt, an den Typen dürfte es bei Kroatien nicht scheitern.