EM 2016

Jonas Hector: „Ich sauge alles auf“

Der Verteidiger über seinen verblüffenden Aufstieg zum Nationalspieler, Gegner Slowakei und Angebote aus Liverpool und Wolfsburg.

Jonas Hector hat seine Stammposition auf der linken Abwehrseite gefunden

Jonas Hector hat seine Stammposition auf der linken Abwehrseite gefunden

Foto: Christian Hartmann / REUTERS

Évian-les-Bains.  Jonas Hector ist immer noch ein schüchterner Mensch, obwohl er jetzt ein gestandener Nationalspieler ist. Aber so auffällig der Kölner Linksverteidiger langsam auf dem Rasen spielt, so zurückhaltend agiert er daneben. Vor dem Achtelfinale gegen die Slowakei am Sonntag (18 Uhr, ZDF) spricht der 26-Jährige über seinen ungewöhnlichen Karriereweg, die EM als Bühne und eingerostetes Französisch.

Herr Hector, viele fragen sich, wie essein kann, dass Sie der einzige Nationalspieler sind, der seit einem Jahr in jedem Länderspiel von Anfang an dabei ist. Haben Sie eine Erklärung?

Jonas Hector: Ich hoffe, dass der Bundestrainer eine gute Erklärung hat.

Kann es daran liegen, dass die linke Abwehrseite seit Philipp Lahms Wechsel vor Jahren nach rechts immer als Problemposition in der Nationalmannschaft gesehen wurde, die nun besetzt ist?

Das wäre natürlich toll, wenn ich mich dauerhaft hinten links etablieren könnte. Aber ich muss Ihnen trotzdem widersprechen …

Nur zu …

Vor zwei Jahren sind wir Weltmeister mit Benedikt Höwedes als linkem Verteidiger geworden. So groß kann das Problem also nicht gewesen sein.

Höwedes war eine Turnierlösung. Davor und danach hat er kaum noch für Deutschland hinten links verteidigt.

Stimmt. Aber die Turnierlösung hat funktioniert. Unabhängig vom Turnier will ich mich natürlich auf dieser Position festbeißen. Ich will mich hier in Frankreich beweisen und etablieren.

Joshua Kimmich hat verraten, dass er sich YouTube-Videos von Philipp Lahm anschaut, um sich Anschauungsmaterial für seine Rolle als Rechtsverteidiger zu besorgen. Wen googeln Sie?

Ich schaue schon genau hin, wie andere Spieler die Rolle des Linksverteidigers interpretieren. Barcelonas Jordi Alba zum Beispiel. Oder Luís Felipe, der es bei Atlético Madrid überragend macht, aber ganz anders als Alba. Generell bin ich ja nun aber auch schon eine ganze Weile Linksverteidiger, da muss ich mir jetzt nicht mehr jeden Abend Vorbilder im Internet suchen.

Löw hat vor ein paar Tagen gesagt, dass die Außenverteidigerposition die anspruchsvollste im modernen Fußball sei. Was macht es so schwierig?

Die Balance zwischen Defensive und Offensive. Dieses Gleichgewicht zwischen Abwehr und Angriff kann man nur schwer trainieren. Man hat zwar diese Schablonen im Training, aber man braucht eben auch ein Gespür dafür, wann man sich nach vorn einschaltet und wann man es besser sein lässt.

„Holger Stanislawski hat mich beim 1.FC Köln zu den Profis hochgezogen“

Sie waren früher im offensiven Mittelfeld, dann im defensiven Mittelfeld und sind nun bis nach hinten links durchgereicht worden. War diese Versetzung der entscheidende Schlüssel für Ihre Karriere?

Durchgereicht ist eine unfaire Formulierung, finde ich. Wer sich im Fußball auskennt, weiß, dass alle elf Mann auf dem Platz funktionieren müssen, da gibt es keine Rangfolge der Positionen. Aber sicher wäre ich auf einer anderen Position nicht hier. Als offensiver Mittelfeldspieler wäre ich jedenfalls kein Nationalspieler geworden. Holger Stanislawski war es, der mich von den Amateuren zu den Profis beim FC hochgezogen hat. Damals war ich noch defensiver Mittelfeldspieler. In der Vorbereitung hatte er die Idee, mich als Linksverteidiger auszuprobieren – und auf dieser Position habe ich mich irgendwie festgebissen. Ich kann dankbar für den Positionswechsel sein.

Dieser Weg vom Mittelfeld nach hinten links ist schon weit. Der Weg von Auersmacher und der Oberliga bis hier zur EM ist fast unwirklich …

Es ging alles total schnell. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Es ist zwar immer noch keine Routine, aber ich fühle mich da sehr wohl.

Glauben Sie eigentlich an Schicksal?

Nein. Ich sitze nicht zu Hause und sage mir: Es ist Schicksal, dass ich Linksverteidiger wurde, dass ich überhaupt in den Profifußball kam. Ich würde sagen: Ich war hier und da zur rechten Zeit am rechten Ort.

Christoph Kramer, der bei der WM 2014 eine ähnliche Aschenputtelstory hingelegt hat, schrieb alles in sein Tagebuch, um die besonderen Momente festzuhalten. Wie machen Sie das?

Ich sauge alles auf und präge es mir ein. Außerdem sind genug Kameras hier auf einen gerichtet. Da kann man sich auch noch ein paar Bilder abspeichern.

Sie mögen diese große Aufmerksamkeit nicht unbedingt, stimmt’s?

Ja, das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Sie werden immer noch von einigen unterschätzt. Viele in Deutschland unterschätzen auch den kommenden Gegner Slowakei …

Wichtig ist, dass wir sie nicht unterschätzen. Wir hatten ein Testspiel gegen die Slowakei, das uns gezeigt hat, wie gefährlich sie sein können. Dementsprechend sind wir gewarnt.

Wobei das Testspiel in Augsburg aufgrund des Unwetters ja nicht gerade aussagekräftig war.

Nein, das natürlich nicht. Aber wir haben in der ersten Halbzeit geführt, hatten den Gegner im Griff, und plötzlich saßen wir in der Kabine und lagen 1:2 hinten. Wir wissen also, was uns erwartet.

„Der Status quo ist, dass ich einen Vertrag beim 1. FC Köln habe“

So ein Turnier ist auch eine Bühne. Es gab um Sie im Vorfeld einigen Wirbel. Es heißt, Liverpool und Wolfsburg seien interessiert.

Ich nehme das gar nicht wahr. Ich versuche, mich auf den Fußball zu konzentrieren und habe keine Gedanken an irgendwelche Vereinswechsel, die anstehen könnten. Oft ist das ja auch nur ein Ding der Presse.

So richtig glauben kann man das nicht. Sie kamen von einem Dorfverein bis zur EM, und jetzt sollen Topklubs an Ihnen interessiert sein. Das muss doch etwas mit Ihnen machen.

Nein. Ich weiß ja, was wirklich los ist.

Und zwar?

Der Status quo ist, dass ich einen Vertrag beim 1. FC Köln habe und mich dort sehr wohl fühle.

Schmeichelt es Ihnen denn, wenn sie die kolportierten Ablösesummen von 15 bis 20 Millionen Euro hören?

Mir ist das völlig egal. Das wird einfach irgendwo geschrieben. Ich beschäftige mich damit gar nicht.

Sie studieren nebenbei BWL. Zumindest als Ökonom müssten Sie diese Zahlen doch aufhorchen lassen.

Das hat am Ende doch alles nichts mit mir zu tun. Das Geld, sollte es geboten werden, bekomme ja nicht ich.

Haben Sie eigentlich auch Bücher fürs Studium hier mit in Frankreich?

Ich habe meine Unterlagen auf dem Laptop und auch hier dabei. Wenn ich mal einen freien Tag habe wie am Donnerstag, schaue ich schon mal rein.

Wann stünde die nächste Prüfung an?

Das weiß ich gar nicht so genau. Hier denke ich eher an Fußball. Und da steht die nächste Prüfung gegen die Slowakei auf dem Programm.

Und Sie wollen ja noch lange in Frankreich bleiben. Auersmacher im Saarland, wo sie aufgewachsen sind, liegt direkt an der französischen Grenze. Können Sie sich hier morgens die Brötchen auf Französisch bestellen?

Leider habe ich Französisch in der Schule ziemlich schnell abgewählt. Hier und da verstehe ich schon ein bisschen, aber für die Bestellung reicht es nicht.

Wir versuchen es noch mal: Wir werden Europameister können Sie auch nicht sagen auf Französisch? So etwa: Nous sommes …

(unterbricht): Das heißt: Wir sind. Und das bezieht sich ja auf die Gegenwart. Ob wir Europameister werden, liegt aber in der Zukunft.