EM 2016

Einen Tag nach dem Brexit steigt die Party of Britain

Sonnabend blickt Großbritannien gespannt auf Paris, wo Wales auf Nordirland trifft. Besonders bemerkenswert ist der Schiedsrichter.

Bereit zum Kampf: Die Waliser Chris Gunter, Joe Ledley, Gareth Bale und Andy King (v.l.)

Bereit zum Kampf: Die Waliser Chris Gunter, Joe Ledley, Gareth Bale und Andy King (v.l.)

Foto: Stu Forster / Getty Images

Paris.  Der Unterschied ist unverkennbar. Während sich in Wales rund 53 Prozent der Bevölkerung für den Brexit ausgesprochen haben, stimmten in Nordirland gut 55 Prozent für den Verbleib in der Europäischen Union.

Damit durften sich die Waliser irgendwie schon am Freitagmorgen als Gewinner führen, dabei steht eine fast genauso geschichtsträchtige Entscheidung – die um den Verbleib in der Europameisterschaft – noch aus. Erst am Sonnabendabend (18 Uhr, ARD) kämpfen Wales und Nordirland im Pariser Prinzenpark um den Einzug ins Viertelfinale.

Das allein darf schon als Sensation gefeiert werden, schließlich feiern beide Teams in Frankreich ihre EM-Premiere. Die Art und Weise, wie sie sich beim kontinentalen Kräftemessen präsentiert haben, unterscheidet sich jedoch ähnlich stark wie das Voting in der Brexit-Frage.

Zwischen „Magic McGovern“ und „Bales“

Hier das kleine Nordirland (gut 1,8 Million Einwohner), von dem bislang vor allem Torwart Michael McGovern in Erinnerung blieb, der im dritten Gruppenauftritt gegen Deutschland zum Spielverderber mutierte und von heimischen Medien inzwischen als „Magic McGovern“ gefeiert wird.

Dort die wackeren Waliser, denen es gelungen ist, aus ihren drei Millionen Einwohnern ein paar echte Offensivkünstler herauszudestillieren. Arsenal-Angreifer Aaron Ramsey (25) zum Beispiel, der neben einem Treffer auch zwei Vorlagen beisteuerte.

Und natürlich Gareth Bale (26), Wales’ Überfußballer, der anders als seine Artverwandten Cristiano Ronaldo (Portugal) und Zlatan Ibrahimovic (Schweden) in der Gruppenphase vollumfänglich überzeugte. Mit seinen drei Toren, einerseits, aber auch mit seinem bescheidenen Auftreten. „Es geht nicht um mich, sondern ums Team“, betont der Champions-League-Sieger von Real Madrid. Wales sei keinesfalls „Bales“.

Joe Allen hat eine Hühnerfarm für ausgemusterte Legehennen

Bale findet Gefallen daran, seine Mitspieler stark zu reden. Joe Allen etwa leiste „die Drecksarbeit, die vielleicht nicht so auffällt, die aber unheimlich wichtig ist“. Eine Meinung, die Bale nicht exklusiv vertritt.

Dass Allen zum Teil mit Italiens Spielmacher-Ikone Andrea Pirlo verglichen wird, liegt jedenfalls nicht nur an seinem Bart und seinen langen Haaren. Den 25-Meter-Pass vor Ramseys 1:0 gegen Russland hätte der Weltmeister kaum besser gespielt.

Auch Jürgen Klopp, der den zentralen Mittelfeldspieler in Liverpool trainiert, hält viel von Allen. Von einer Kabinenansprache ist der Satz überliefert: „Wäre cool, wenn wir heute Joe-Allen-Fußball spielen könnten – technisch brillant, hart arbeitend und lebendig.“

Die walisischen Fans huldigen dem 26-Jährigen, der – reichlich unglamourös – eine Hühnerfarm für ausgemusterte Legehennen betreibt, mit der Adaption eines Eddie-Grant-Evergreens: Gimme hope, Joe Allen.

Beide Fanlager sind trinkfest und friedlich

Den noch größeren Hit landeten aber bekanntlich die Nordiren. Ihr „Will Grigg’s on fire“ wird wohl als der Ohrwurm der EM in Erinnerung bleiben. Paris hat mit dem Duell Wales-Nordirland also gewissermaßen den Jackpot gezogen. Statt einer „Battle of Britain“ darf sich die Hauptstadt auf eine große Party freuen.

Beide Fanlager gelten als trinkfest und feierwütig, aber auch als friedlich. In Bordeaux und Toulouse veranstalteten 20.000 Waliser wahre Volksfeste und wurden von der französischen Polizei ausdrücklich für ihr gutes Benehmen gelobt. Nordirlands Anhänger bewegten selbst Bastian Schweinsteiger zum Applaudieren, weil sie 20 Minuten nach Spielschluss noch inbrünstig sangen.

„Sie haben einen ähnlichen Geist wie wir“, sagt Bale und meint damit sowohl Fußballer als auch Fans. Leidenschaft, Teamgeist und Stolz – zumindest in diesen Punkten sind sich Waliser und Nordiren einig. Anders als beim Brexit. Als Treppenwitz der Geschichte wurde übrigens ein englischer Schiedsrichter angesetzt: Martin Atkinson.