DFB-Gegner

Martin Skrtel, die slowakische Abrissbirne

Martin Skrtel ist mit seiner kompromisslosen Spielweise der Anführer beim deutschen Achtelfinal-Gegner - und einer ganzen Nation.

Martin Skrtel (Mitte) spielt seit acht Jahren für den FC Liverpool

Martin Skrtel (Mitte) spielt seit acht Jahren für den FC Liverpool

Foto: Cj Gunther / dpa

Vichy.  Der Kleinbus steht schon länger in der sengenden Sonne am Straßenrand. Familie Kutna hat jetzt einen langen Weg vor sich. Von Vichy sind es mindestens vier Stunden bis zur französischen Grenze, dann geht es quer durch die Schweiz, durch Deutschland und Österreich, ehe Nitra in der Slowakei erreicht ist. Sie lächeln.

Sie haben bekommen, was sie noch wollten: Fotos mit ihren Fußballern. Vor allem mit Kapitän Martin Skrtel. Ein Andenken an den Besuch bei den slowakischen Nationalspielern vor dem großen Duell mit Weltmeister Deutschland im Achtelfinale am Sonntag in Lille (18 Uhr).

Die Fußballer der Slowakei, die im „Vichy Celestins Spa Hotel“ ihr Quartier aufgeschlagen haben, passen eher nicht so recht ins Stadtbild des Heilbades. Vor allem Martin Skrtel nicht. Die Haare sind abrasiert, die Arme über und über tätowiert, den Kragen seines Poloshirts hat er hochgeklappt. Wenn er lacht, dann sieht er etwas weniger aus wie jemand, vor dem man sich auch fürchten könnte. Aber spätestens auf dem Fußballfeld darf man sich schon ein bisschen ängstigen.

Gewitzt, aber kompromisslos

Breitbeinig steht der 1,93-Meter-Mann nun da, sein Kopf stößt trotzdem fast unter die Decke des Raumes. Die Hände nesteln an der Kordel seiner Sporthose herum. Er denkt kurz nach über die Frage, wie er seine Spielweise definieren würde. „Sehr technisch, ein Zehner, ein Torjäger.“ Alle wissen, dass das ein Witz ist. Er ist das Gegenteil davon. Er ist der Mann, der all das Genannte beim Gegner zunichtemacht. Das Technische, das Schöne, die Tore - Skrtel rauscht mit seinem Körper wie eine Abrissbirne hinein, um es zu verhindern. Deshalb der Witz.

Sein ewiges, episches Auflehnen gegen die vermeintlich Starken macht ihn zum Anführer in der Mannschaft, aber ein kleines bisschen auch zum Anführer einer kleinen, jungen Nation. Seit 1993 ist die Slowakei ein eigenständiger Staat, abgespalten von der früheren Tschechoslowakei.

Seit acht Jahren spielt der 31-jährige Skrtel für den FC Liverpool, sein schwarzer Bentley aber blieb in seiner kleinen Heimatstadt Prievidza angemeldet. PD - MS - ein Autokennzeichen, das man nicht mal in der Hauptstadt Bratislava häufiger sieht, gelangte in Liverpool zu gewisser Bekanntheit. Nun tritt das ganze Land ins Licht der Aufmerksamkeit.

Hertha-Profi Pekarik als zuverlässiger Nebenmann

Erstmals in seiner Geschichte schaffte es den Sprung zur EM, das Erreichen des Achtelfinals, das Duell mit dem Weltmeister setzt neues Adrenalin frei. Robert Mak (einst Nürnberg), neben Peter Pekarik (Hertha), Dusan Svento (Köln), Stanislav Sestak (früher Bochum), Jan Durica (Hannover 96) und Adam Nemec (früher u.a. Kaiserslautern) einer von sechs Profis mit Bundesliga-Erfahrung, spricht vom größten Spiel seiner Karriere.

Skrtel, der Duelle mit den großen Stars aus dem Liga-Alltag eher gewohnt ist, klingt etwas weniger demütig. Er droht den Deutschen sogar fast: „Den Weltmeister zu schlagen, wäre enorm. Ich denke nicht, dass das unser letztes Spiel bei dieser EM sein wird. Wir haben sie einmal geschlagen, warum nicht wieder?“, fragt er, ohne eine Antwort haben zu wollen.

Augsburg – dieses eine Wort ist in diesen Tagen oft zu hören. Augsburg. Als sei der Name einer Stadt das Fundament für den Glauben an ein kleines Wunder. In Augsburg gewann Außenseiter Slowakei vor der EM ein Freundschaftsspiel mit 3:1 gegen Deutschland.

Der Abwehrchef kennt keine Freunde

„Die Mutter des Spiels ist das Ergebnis“, sagt Skrtel. Das lässt sich auf Augsburg beziehen, er meint aber auch den Ablauf der kommenden Partie. Die Deutschen werden den Ball haben, und die Slowakei wird angeführt von Skrtel verteidigen. Wie das aussieht? Wer den Ball hat? Alles egal. Es geht ums Gewinnen. Skrtel ist da Pragmatiker.

Auf dem Feld kennt er keine Freunde. Das hat er erst jüngst eindrucksvoll dokumentiert, als es gegen England ging und er vor der Partie gefragt wurde, ob es einen Unterschied mache, gegen einen Liverpooler Vereinskollegen wie Daniel Sturridge zu spielen.

Seine Antwort: „Wenn ich zutreten muss, trete ich zu.“ Botschaften an die deutschen Stürmer vermeidet er, höchstens Emre Can, seinem Klubkollegen in England, will er eine SMS schicken, in der er viel Glück wünscht. Ansonsten gilt: „Wir werden sie bekämpfen.“