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Manuel Neuer – der Mann für die K.o.-Spiele

Im EM-Achtelfinale hofft Manuel Neuer auf eine Initialzündung – so wie 2014 in Brasilien. Für ihn selbst scheint ein Rekord greifbar.

Manuel Neuer ist der sichere Rückhalt im deutschen Tor. Bei der WM 2014 revolutionierte er das Torwartspiel

Manuel Neuer ist der sichere Rückhalt im deutschen Tor. Bei der WM 2014 revolutionierte er das Torwartspiel

Foto: Christian Hartmann / REUTERS

Évian-les-Bains.  Sehr viele Dinge hat es bislang nicht gegeben, die Manuel Neuers Wehrhaftigkeit bei diesem Turnier in Zweifel hätten ziehen können. Aber das hier, das ist etwas völlig anderes. Der Gegner ist nicht zu fassen, er lauert derzeit überall und ist deswegen auch so schwer zu bekämpfen. Der Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kommt frisch geduscht vom Training, aber da ist etwas, das ihn stört.

Der Regen der vergangenen Tage im französischen Évian-les-Bains, den Neuer verflucht hatte, ist es nicht. Blau strahlt der Himmel über dem Genfer See. Doch die Nase ist jetzt plötzlich dicht. „Gegen irgendwas bin ich allergisch. Weil jetzt die Sonne scheint, blüht hier alles“, sagt er, um seine etwas nasale Stimme zu entschuldigen. Heuschnupfen, der zu Luftknappheit führt? Eine Sorge, die nicht angebracht scheint. „Es ist halb so schlimm“, beschwichtigt die Nummer eins.

Unter Druck sogar noch besser

Eine wie auch immer geartete Beeinträchtigung des Schlussmannes wäre gerade zum jetzigen Zeitpunkt eine mittelprächtige Staatsaffäre. Denn am Sonntag (18 Uhr, ZDF) trifft die deutsche Mannschaft in Lille auf die Slowakei. Es handelt sich um das Achtelfinale dieser Europameisterschaft – den Beginn der entscheidenden Phase. Die Phase der K.o.-Spiele.

Die Phase, in der eine Unachtsamkeit, ein Fehler, manchmal nur eine winzige Unglücklichkeit selbst einen Weltmeister niederstrecken kann. Die Phase, in der Helden gemacht werden, wenn es sein muss auch im Elfmeterschießen, dann, wenn Torhüter besonders gefragt sind. „In den K.o.-Spielen herrscht eine ganz andere Drucksituation“, sagt Manuel Neuer, der Mann, der seit drei Jahren als Welttorhüter firmiert. Druck, der ihn scheinbar stets noch besser werden lässt. Neuer ist Deutschlands K.o.-Spieler. Das ist spätestens seit der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien amtlich.

In Brasilien revolutioniert er das Torwartspiel

Als dort die entscheidende Turnierphase begann, wankte der hohe Favorit gegen die tapferen Algerier. Neuer war es, der seine vogelwilden Vorderleute vor allerhand Gegentreffern bewahrte, indem er den Gegenspielern selbst an der Außenlinie den Ball vom Fuß grätschte. Damals rettete er nicht nur den Sieg, sondern revolutionierte – ganz nebenbei – das Torwartspiel.

Überall auf dem Planeten sahen die Menschen plötzlich, dass Torhüter nicht mehr nur Bälle fangen müssen, sondern ein erheblicher Teil des Spiels sein können. „Nicht jeder außerhalb Deutschlands kannte bis dahin meine Spielweise. Das war noch mal eine andere Plattform“, erinnert sich Neuer. Die Weltmesse des Fußballs hatte ein neues Produkt vorzuführen: Manu, den Libero.

In Frankreich sind bislang noch keine neuen Torwart-Trends zu Tage getreten. Die Torhüter stehen weniger im Fokus als noch 2014, als sie in der Vorrunde teilweise grotesk patzten. Neuer, als Souverän seiner Zunft, ist am Freitag gefragt worden, wie er die Leistung seiner Berufskollegen beurteile. Das wirkte, als schwebe er weit über allen anderen. Neuer antwortete, er habe eine „gute Qualität“ ausgemacht.

Als einziger Keeper des Turniers noch ohne Gegentor

Aber: Die Zeit der Keeper, sie kommt erst jetzt, da ein 0:0 nicht mehr reicht. Viele Teams agierten bisher defensiv, selbst das deutsche legt größten Wert auf Gegentorlosigkeit. „Die Null muss stehen. Wir haben viel investiert, um sicher zu verteidigen“, sagt Neuer.

Das ist auch daran zu erkennen, dass der deutsche Schlussmann bislang kaum eingreifen musste. Seine letzte ernsthafte Parade bei dieser EM war im ersten Spiel gegen die Ukraine zu besichtigen. Der Profi des FC Bayern ist als einziger Torwart bisher in drei Spielen ohne Gegentreffer geblieben. Zählt man Viertelfinale (1:0 gegen Frankreich, Neuer überragend), Halbfinale (7:1 gegen Brasilien) und Finale (1:0 n.V. gegen Argentinien, Neuer stark) der vergangenen WM dazu, hat der Schlussmann in den vergangenen sechs Turnierspielen nur einen Treffer hinnehmen müssen. Ein enormer Wert.

Einen Titelträger ohne Gegentor im Turnier gab es noch nie. Ob das ein Anreiz ist? „Wir sind keine Rekordjäger. Wir versuchen erfolgreich zu sein. Aber das eine schließt das andere nicht aus“, sagt Neuer und versichert der Konkurrenz fast tröstend: „Wir wissen schon, dass wir noch Tore bekommen können.“

Die Forderung: ein klarer Sieg

Algerien, das Achtelfinale der WM, hat offenbar etwas ausgelöst. „Das war eine Initialzündung fürs Turnier“, erinnert sich Neuer. Für den Fall, dass der Effekt seine Wirkung verloren hat, gilt es ihn am Sonntag zu erneuern. „Die gleiche Wirkung erhoffe ich mir von einem klaren Sieg“, sagt der 30-Jährige.

Neuer wirkt gelassen und gleichzeitig konzentriert. Bis zu diesem Moment im Turnier seien die Ergebnisse Pflicht gewesen, bilanziert er kühl. „Wir sind im Soll. Wir haben gezeigt, dass wir uns auf den Punkt konzentrieren können. Wir wissen, was jetzt verlangt wird.“ Vor allem Ergebnisse.

Bislang hat Neuer die Mannschaft als Kapitän aufs Feld geführt. Eine Auszeichnung ist das für ihn, das schon, aber am Ende nicht entscheidend. Für den Fall, dass Bastian Schweinsteiger zurückkehrt, wird er die Armbinde gern wieder an ihn abtreten. Dann wird Neuer wieder lediglich das tun, was er besser kann als jeder andere auf der Welt: Bälle halten und gegnerische Angriffe abwehren. Das scheint für ihn sogar deutlich einfacher zu sein, als sich gegen diese kleinen lästigen Pollen zu wehren.