DFB-Team

Höwedes ist der neue Mertesacker

Schalke-Kapitän Höwedes ist der personifizierte Teamgeist im Nationalteam. Einen wie ihn zu haben, tat schon bei der WM 2014 gut.

In den ersten beiden EM-Spielen stand Höwedes in der Startelf

In den ersten beiden EM-Spielen stand Höwedes in der Startelf

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Évian-les-Bains.  Der Teamgeist hat sich neue Haare eingepflanzt. Er wurde nämlich langsam etwas schütter am Hinterkopf und vorn, wo sich Ecken auftun, die man Geheimräten nachsagt. Dabei ist der Teamgeist kein Teamgreis. Er ist erst 28. Und deshalb musste er die Sache selbst in die Hand nehmen: „Für eine Glatze fühle ich mich noch zu jung“, sagte Benedikt Höwedes.

Trotz dieses kosmetischen Eingriffs ist Höwedes kein Mann ohne Ecken. Der Schalker Kapitän hat seinen eigenen Kopf und damit auch in der Nationalelf den Rang eines Geheimrats erworben. Sein Wort hat Gewicht, seit er bei der WM 2014 in jeder Partie über die volle Dauer auf dem Platz stand.

Nach der soliden EM-Vorrunde in Frankreich haben Höwedes’ Worte nun besonders Eindruck hinterlassen. Für das Spiel gegen Nordirland hatte sich Joachim Löw gegen den Weltmeister und für den Neuling Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger entschieden – was wunderbar aufging. Anstatt sich die Haare zu raufen, sagte Höwedes: „Kein Problem, jeder ordnet sich dem großen Ganzen unter. Es war die richtige Entscheidung, Jo hat ein klasse Spiel gemacht.“

Auch Müller lobt den Teamplayer

So viel Altruismus findet man selten in der Branche. Fußballer sind Ich-AGs, die den Spagat zwischen Mannschafts- und Eigenerfolg schaffen müssen. Von der EM 2012 hört man, dass sie auch deshalb in einer Enttäuschung mündete, weil der Teamgeist nicht zugegen war. In Frankreich entsteht bisher ein anderer Eindruck: Die deutsche Mannschaft war gegen Nordirland größtenteils ohne Höwedes erfolgreich – auch wenn er spät eingewechselt wurde.

Dennoch lobte er den, der ihn ersetzt hat. „Das zeigt, was Benni für ein Topteamplayer ist“, sagte Löws Assistent Nummer eins, Thomas Schneider. Auch im Trainerteam fand man das erfreulich. „Es ist ein unglaublicher Mannschaftsgeist in der Hinsicht da, dass sich die Spieler auch gegenseitig etwas gönnen“, sagte Löws Assistent Nummer zwei, Marcus Sorg.

Thomas Müller sagte: „Das ist eine wahnsinnig gute Aussage von Benni.“ Der Angreifer verwies auf etwas, das sich zwar sehr leicht in den Spitznamen schreiben lässt, aber nicht leicht erfüllen: „Wir sind Die Mannschaft, davon lebt unser Erfolg.“ Höwedes ist so etwas wie der personifizierte Teamgeist der deutschen Elf.

Der Mannschaftserfolg hat Vorrang

Er hat den Job von einem übernommen, der sich die EM am Grill anschaut: Per Mertesacker (31). Ab dem WM-Viertelfinale in Brasilien hatte Löw den mittlerweile zurückgetretenen Verteidiger aus der ersten Elf genommen. Der aber lief an der Seitenlinie so viel wie sonst auf dem Rasen und verteilte Wasserflaschen. Auch er gab dem Mannschaftserfolg Vorfahrt. Höwedes ist der neue Mertesacker. „Es geht nicht um mich“, sagte er. „Es geht um die Mannschaft, und da muss immer die bestmögliche her.“

Mertesacker wurde damals erst im WM-Finale wieder kurz eingesetzt. Bei Höwedes wird das wohl anders sein. „Er hat bisher sehr gute Leistungen gebracht“, sagte Schneider, „in bestimmten Spielen erfordert es eine defensivere Variante.“ Höwedes ist sie und dürfte in einem Viertelfinale gegen Spanien oder Italien dabei sein.

Die EM sei ein „Mentalitätsturnier“ hat Sami Khedira gesagt. Höwedes hat sich als Mentalitätsspieler erwiesen. So ein Teamgeist hat der Mannschaft schon einmal gut getan. Den freien Tag am Donnerstag verbrachte Höwedes übrigens so: Er spielte Beachvolleyball mit seinen Kollegen.