BILANZ DER VORRUNDE

Warum Island und Irland die großen Gewinner sind

Bei der EM haben bislang vor allem die Kleinen begeistert. Die Großen wiederum fielen viel zu oft negativ auf. Auch die Deutschen.

Island feiert seine Fußballhelden und den Einzug ins Achtelfinmale in Frankreich

Island feiert seine Fußballhelden und den Einzug ins Achtelfinmale in Frankreich

Foto: Abedin Taherkenareh / dpa

Berlin.  – Größe liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Okay, eigentlich ist es die Schönheit. Aber die EM-Vorrunde in Frankreich hat wohl allen gezeigt, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist. Um dies zu verdeutlichen, sollte hier der isländische TV-Kollege beim Siegtreffer gegen Österreich zitiert werden. Es gelingt nicht, mein Isländisch reicht nicht aus. Obwohl er deutlich zu verstehen war. Mit seiner Euphorie, seinem Herzblut und dem Gespür für den fußballhistorischen Moment. So viel Freude steckt einfach an.

Im Fußball, und gerade bei Europa- und Weltmeisterschaften, geht es auch immer um Begegnungen. Iren besingen eine blonde Französin ob ihrer Schönheit. Sie spricht nachher von einem magischen Moment. Nordiren fahren einfach mit umgebauten Wohnwagen (irgendwer musste ja den Job der Holländer übernehmen) mal eben 1000 Kilometer, um ihre EM-Debütanten zu unterstützen. Bei ihnen ist „Will Grigg’s on fire“ – ohne Einsatzminute.

Die Isländer schicken gleich zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, um zu feiern. Trotz Präsidentenwahl am Sonnabend. Das ist groß. Und schön. Und wurde – das ist das eigentliche Faszinosum nach zwei EM-Wochen in Frankreich – durch die Darbietungen auf dem Rasen auch unterstützt.

Erst belächelt, jetzt bejubelt

Die EM wirkt wie die Umsetzung des Herbert-Grönemeyer-Klassikers „Kinder an die Macht“. Jaja, die lieben Kleinen. Belächelt wurden sie, weil sie beim durch den damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini aufgeblähten Europa-Championat nun auch mal mitspielen dürfen. Aber genau das taten sie, die Isländer, die Ungarn, die Iren, ja auch die Albaner, die trotz ihres ersten Tores und des ersten Sieges bei einer EM heimreisen müssen. Sie spielten Fußball mit kindlicher Freude. Das soll nicht despektierlich klingen, sondern bringt einen Grundgedanken zurück: Fußball soll nicht zuletzt unterhalten.

Ich höre schon das Klagen: meist nur Grottenspiele. Nur 1,92 Tore pro Partie, die drittschlechteste Gruppenphase der EM-Historie. Na Gott sei dank war das bei anderen Turnieren nicht so. Mal ehrlich: Wie viele berauschende Vorrundenspiele sind Ihnen noch von der WM 2014 in Brasilien in Erinnerung? Die EM 2012? Südafrika 2010? Lassen Sie sich ruhig Zeit beim DVD-Schauen, heute ist ja auch noch spielfrei.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: All diese Mannschaften haben den Fußball weder neu erfunden noch auf eine neue spielerische Ebene gehievt. Sie haben ihr Herz in die Hand genommen und nicht enttäuscht. Sie sind es, die wir wiedersehen wollen. Mannschaften mit Leidenschaft. Und dass sich auf Grund der Gruppenauslosung, des Schwächelns manch eines Großen und der zumindest fragwürdigen Rotation beim italienischen Gruppensieger nun in der K.o.-Runde die Final-Tür für einen dieser Kleinen ganz weit geöffnet hat – überraschend und erfrischend.

Bitte keine Spaziergänger mehr

Niemals wiedersehen möchte ich Trikotspazierträger wie Schweden, die Ukraine, Russland oder auch Tschechien. Sie haben ausgedient, so wie die DFB-Elf zur Jahrtausendwende. Rumpelfußball. Es braucht schleunigst einen Neuanfang. Und der ist durchaus möglich, Gott geht ja in den Ruhestand, liebe Schweden. Ohne Zlatan Ibrahimovic ist bestimmt wieder Platz für mehr künstlerische Freiheit.

Unsäglich – und auch hier kommen leider die Großen ins Spiel – waren die Szenen in den Städten. Kriegsähnliche Zustände, heraufbeschworen von Russen, Engländern, Kroaten, ja auch den Deutschen, lassen uns nur noch mehr den Blick auf jene richten, die viele überhaupt nicht dabei haben wollten. Hat da gerade jemand „Will Grigg’s on fire“ angestimmt?

Es sind wie so oft die kleinen Dinge, die das große Ganze erst ins richtige Licht rücken. Nach dem Sieg der Isländer gegen Österreich am Mittwochabend im Stade de France wurde der Eiffelturm in den Farben der isländischen Flagge angestrahlt. In meinen Augen ist das wahre Größe.