EM2016

Jetzt geht die EM erst richtig los

Der Weltmeister zeigte in der Vorrunde Gutes wie Schlechtes, ein wichtiges Detail blieb verborgen.

Einfach mal ausspannen! Im Pool des Teamhotels lassen es sich Sami Khedira (l.), Mesut Özil (r.) und Kollegen gut gehen

Einfach mal ausspannen! Im Pool des Teamhotels lassen es sich Sami Khedira (l.), Mesut Özil (r.) und Kollegen gut gehen

Foto: Twitter/@DFB_Team

Paris/Évian-les-Bains.  Es herrschte große Ungewissheit. Das sei alles „sehr kompliziert, auch für mich“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Ich blicke da irgendwie nicht durch“, gestand Sami Khedira. Deutschland steht im EM-Achtelfinale, so viel war nach dem 1:0 gegen Nordirland am Dienstag sicher. Aber wie das Turnier weitergeht, das wussten sie auch am Tag danach nicht so genau bei der deutschen Elf. Dabei ist das ganz einfach: Jetzt geht es erst richtig los.

Löws Team hat die Gruppenphase mit sieben Punkten souverän gemeistert, was angesichts des verwässerten Turniermodus mit 24 Teilnehmern aber niemanden zu euphorisieren braucht. Der Prolog ist verlesen. Jetzt schwingt der Vorhang zum echten Schauspiel auf.

Im Achtelfinale am Sonntag in Lille wartet die Slowakei. Und der Weg, der sich bei einem Sieg von dort für die deutsche Mannschaft auffächert, könnte kaum steiler sein: Bereits im Viertelfinale (2. Juli in Bordeaux) würde Spanien oder Italien warten. Es ist also an der Zeit, zu überprüfen, ob Löws Team die Erwartungen vor der EM bisher erfüllt hat und wo Steigerungsbedarf besteht, um den Weg bis zu Ende gehen zu können.

Sinnbild für den Sturm ist Thomas Müller

Erwartung 1: Deutschland unterhält die beste Offensive Europas, aber auch eine der verschwenderischsten. Überprüfung: vielleicht und ja. „Ich bin nicht zufrieden mit der Chancenauswertung“, sagte Löw nach dem 1:0 gegen Nordirland, das die wahren Kraftverhältnisse auf dem Rasen lächerlich unterschlug.

Khedira sprach von einer Mischung aus „nicht kompletter Entschlossenheit, Unsicherheit und Pech“. Nur drei Tore in drei Spielen erzielte das DFB-Team – so wenige wie nie unter Löw bei einem Turnier in der Vorrunde.

Sinnbildlich für die eigentlich vorhandene Qualität, aber den mangelnden Ertrag, ist Thomas Müller: Immer noch wartet der Münchner auf sein erstes Turniertor und vergab zahlreiche Chancen gegen Nordirland. „Ich mache mir keine Sorgen. Wenn er keine Chancen gehabt hätte, würde ich mir ein paar Gedanken machen“, sagte Löw zwar.

Aber auch er weiß, dass sein Team einen Müller auf Topniveau braucht, um in der entscheidenden Phase bestehen zu können. Dass ihm mit Mario Gomez wieder eine echte Sturmalternative zur falschen Neun Mario Götze zur Verfügung steht, kann im Turnierverlauf noch sehr wichtig werden. Deutschlands Abteilung Attacke hat bisher nicht voll überzeugt. Aber es besteht Hoffnung.

Nie so wenig Gegentore in der Gruppenphase unter Löw

Erwartung 2: Defensiv könnte Deutschland Probleme bekommen. Überprüfung: Das Gegenteil ist der Fall. Dabei hatte dem Bundestrainer kaum etwas derart große Sorgen in der Zeit zwischen der WM und der EM bereitet wie die defensive Grundordnung – trotz der Weltklasse-Innenverteidigung mit Jerome Boateng und Mats Hummels.

26 Gegentore in 20 Spielen klangen alarmierend, dazu die Dauerdiskussion um die Besetzung der Außenverteidigung. Es kam anders: Erstmals in einem Turnier unter Löw schloss die DFB-Auswahl eine Vorrunde ohne ein einziges Gegentor ab.

„Drei Mal zu Null zeigt, dass wir vorangekommen sind, wir waren in den Qualifikationsspielen noch viel verwundbarer“, lobte Müller. Dabei ist nicht nur das Abwehrzentrum ein entscheidender Faktor für die neue Stabilität.

Besonders das modifizierte Spiel von Toni Kroos tut dem Weltmeister gut. „Vielleicht spiele ich fünf Meter weiter hinten als bei der WM, etwas defensiver, um unser Aufbauspiel so sicher und gut wie möglich zu machen“, erklärte Kroos. Zudem schafft es Löws Team, unnötige Standardsituationen zu vermeiden. Kein Team hat defensiv so überzeugt wie der Weltmeister.

Besonders das modifizierte Spiel von Toni Kroos tut gut

Erwartung 3: Löw entwickelt das Team auch nach dem Triumph von Rio weiter. Überprüfung: Das ist bisher noch nicht zu erkennen. Die Weiterentwicklung der Mannschaft habe vor allem in der taktischen Variabilität stattgefunden, hatte Löw vor dem Turnier gesagt. Sein Team könne jetzt viele Formationen spielen und zwischen ihnen auch während einer Partie wechseln.

In Frankreich ist davon noch nichts angekommen: Löw ließ stets im klassischen 4-2-3-1-System agieren. Die mehrfach einstudierte Dreier-Abwehrkette wird aber im Verlauf des Turniers noch gebraucht, wenn stärkere Gegner mit einer Doppelspitze wie Italien warten.

Erst dann wird man erkennen, was Löw meinte, als er sagte, er brauche zwei verschiedene Mannschaften: eine für die Vorrunde und eine für die K.o.-Phase. Ob er die Mannschaft tatsächlich weiterentwickelt und nicht nur verwaltet hat, wird sich erst dann zeigen.

Es wartet eine weltmeisterliche K.o-Phase

Erwartung 4: Mit Fußballzwergen wie Island, Albanien oder Ungarn wird der Weg ins Finale so leicht wie noch nie. Überprüfung: ein eindeutiges Nein. Nach dem mutmaßlich einfachen Achtelfinale sieht die Uefa-Arithmetik eine weltmeisterliche K.o.-Phase vor.

„Ich habe es vor dem Turnier gesagt, dass die ersten vier Spiele zäh werden. Aber irgendwann werden die Gegner auch selbst mal was machen müssen gegen uns“, sagte Löw, der zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht ahnte, wie recht er hatte.

„Jetzt beginnt ein neues Turnier“, sagte Nordirland-Matchwinner Gomez. In einem möglichen Halbfinale droht Frankreich, alternativ könnte es zum Klassiker mit England kommen.

Nach überraschenden Vorrundenspielen gehören Deutschland, Italien, Frankreich und die Gruppenzweiten Spanien und England in die eine Spielplan-Hälfte, die auf dem Weg nach Paris aufeinandertreffen können.

Diese Teams haben zusammen elf WM-Titel und neun EM-Titel. Großkaliber wie Wales, Polen, Kroatien oder die Schweiz machen auf der anderen Hälfte des Spielplans den Weg ins Finale unter sich aus. Deren zusammenaddierte WM- und EM-Titelsammlung: Null. Und null.