EM 2016

„Spanien biegt in die Todesroute ab“

Mit einer realistischen Einschätzung der Niederlage gegen Kroatien tut sich Spanien schwer. Und jetzt warten nur noch schwere Gegner.

Spaniens Torwart David de Gea steht nicht nur wegen seiner Leistung, hier beim 1:2 gegen Kroatien, in der Kritik

Spaniens Torwart David de Gea steht nicht nur wegen seiner Leistung, hier beim 1:2 gegen Kroatien, in der Kritik

Foto: Regis Duvignau / REUTERS

Bordeaux.  Es war nur ein schwacher Trost, dass letztlich einer von Real Madrid das Spiel entschied. Dabei war der angeschlagene Luka Modric gar nicht mal mit von der Partie. Erst als sich sein Vereinskollege Sergio Ramos beim Stand von 1:1 den Ball zur Ausführung eines Elfmeters schnappte, trat er auf den Plan und vermittelte von der Ersatzbank aus über Kapitän Dario Srna seine Einschätzung an Torwart Danijel Subasic: „Lange stehen bleiben und dann leicht nach rechts“. Spanien Ramos schoß wie vermutet, Torwart Suba­sic parierte wie ihm geheißen.

Kroatien blieb im Match, das es durch ein Tor des überragenden Ivan Perisic drei Minuten vor Schluss gegen den Favoriten und Titelverteidiger Spanien mit 2:1 für sich entschied. Womit vielleicht nicht die Fußballwelt auf den Kopf gestellt wurde, aber doch dieses Turnier.

Spanien gesellte sich durch die Niederlage nun zum Rest der kontinentalen G5 in dieselbe Hälfte des EM-Tableaus. Deutschland, Frankreich und England können bis zum Halbfinale noch folgen, fürs Erste steigt am Montag die Wiederauflage des letzten EM-Endspiels gegen Italien.

Keine Angst vor Italien

Kein Problem, so Ramos: „Um Champion zu werden, muss man eben die Besten schlagen“, tönte er. Die Zeitung „AS“ schrieb: „Kroatien führt uns auf die dunkle Seite des Spielplans. Spanien biegt in die Todesroute ab. Mit diesem Ergebnis sind wir mitten im Minenfeld gelandet.“

Die Euphorie der letzten Tage hat jedenfalls nicht geholfen. Spanien war gegen Kroatien immer noch in „Eurodisney“, wie ein „Marca“-Kolumnist anmerkte. Warum Innenverteidiger Ramos die Ausführung des Elfmeters den Kollegen wie Cesc Fàbregas oder Andrés Iniesta („Ich wollte schießen, aber Sergio fühlte sich stark“) abschwätzte, war nur eine der Fragen, die den Beobachter erstaunt zurücklassen konnten.

Weitere Rätsel: Dass Rechtsverteidiger Juanfran in der 87. Minute aufrückte, als bräuchte Spanien noch zwei Tore und so Perisic erst die Autobahn zum Siegtor freiräumte. Und nicht zuletzt die Unfähigkeit, eine realistische Bewertung des Geschehens vorzunehmen. Wie auf Autopilot beteten die Spanier herunter, dass „wir das Spiel kontrollierten“ (Flügelstürmer Nolito) und „sie uns mit einer ihrer wenigen Chancen besiegten“ (Ramos). In Wirklichkeit war Kroatien jederzeit gleichwertig.

Torwartdebatte spitzt sich zu

Die Parallelwelt der „Selección“ beschränkt sich nicht auf den Fußball. Sonntag wird in Spanien zum zweiten Mal binnen sechs Monaten gewählt. Pedro Sánchez, Chef der Sozialisten, sagte, er fühle sich „nicht wohl“, wenn er Torwart David De Gea die spanischen Farben vertreten sehe, „nachdem sein Name (in einer Kuppler-Affäre/ d. Red.) von einer Minderjährigen befleckt und angezeigt wurde“.

Bei der spanischen Nationalelf finden solche Sorgen keine Entsprechung. De Gea, der die Vorwürfe bestreitet, ist bislang nicht angeklagt. Aber die juristische Seite ist nur das eine, die moralische eine andere. Frankreich hat den ebenfalls nicht verurteilten Karim Benzema für die EM außen vor gelassen. Bei Spanien hingegen wurde De Gea just drei Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe zum Stammkeeper befördert. War das wirklich nötig?

Das wird nun auch unter sportlichen Gesichtspunkten debattiert, denn De Gea ließ Perisics’ leicht abgefälschten Schuss im Torwarteck passieren. De Geas Einsatz steht dafür, dass eine Mannschaft ihre Vorbildfunktion verloren hat, die sie zu ihren großen Zeiten tatsächlich hatte.