EM 2016

Nahe der Perfektion: Mesut Özil trotzt seinen Kritikern

Gegen Nordirland hat Mesut Özil sein geniales Passspiel wiedergefunden. Dank großen Selbstvertrauens – und verbesserter Mitspieler.

Mesut Özil (Mitte) brachte gegen Nordirland 98,5 Prozent seiner Zuspiele zum Mitspieler

Mesut Özil (Mitte) brachte gegen Nordirland 98,5 Prozent seiner Zuspiele zum Mitspieler

Foto: Clive Mason / Getty Images

Paris/Évian-les-Bains.  Am Tag nach der erfolgreichen Dienstreise nach Paris hatte Mesut Özil (27) die bekannte Umgebung zurück: das schicke Hotel Ermitage in Évian-les-Bains. Hohe Zäune umgeben das EM-Quartier am Südufer des Genfer Sees und signalisieren gut sichtbar: wir hier drinnen, ihr alle da draußen.

Eine Denkweise, die sich der Fußball-Nationalspieler in den vergangenen Jahren zu eigen gemacht hat, zu eigen machen musste. Es hilft ihm, zwischen Innen- und Außensicht zu unterscheiden. Denn kaum einer der Nationalspieler muss stets so viel Kritik über sich ergehen lassen. Das hängt mit den Erwartungen zusammen, die man an einen wie ihn hat, an einen Profi, der schon bei Real Madrid brilliert hat und nun beim FC Arsenal eine Größe ist.

Die Liste der Kritiker ist lang

Jener Mesut Özil stand nach dem 1:0 gegen Nordirland, das Deutschland den Einzug ins Achtelfinale der EM sicherte, im Bauch des Prinzenpark-Stadions und sagte: „Bei einem Turnier ist es immer so, dass viele Leute meinen, reinquatschen zu müssen. Aber wir konzentrieren uns nur auf uns. Wir sind Weltmeister und müssen keinem mehr etwas beweisen dort draußen.“ Das klingt ein bisschen nach dem Trotz von einem, der sich oft unverstanden fühlt.

Es war zuletzt wieder viel gequatscht worden. Die ersten beiden EM-Spiele waren nicht gerade begeisternd geraten und der verkopft wirkende Özil war wie immer bei Turnieren ins Fadenkreuz der Öffentlichkeit geraten. Die Anklagepunkte: mangelhaft getretene Eckbälle (Kronzeuge: Mario Basler), demotivierende Körpersprache (Mehmet Scholl), Nicht-Singen der Hymne (das übliche Gesocks).

All das vermischt sich dann irgendwie zu der Wahrnehmung, als könnte der gebürtige Gelsenkirchener zwar die große Leichtigkeit versprühen, aber hätte einfach keine Lust dazu, was großer Unsinn ist.

Özils sagenhafte Passquote: 98,5 Prozent

Gegen Nordirland wurde Özil zum Mann des Spiels gewählt. Der 27-Jährige bereitete ein halbes Dutzend Chancen auf eine Weise vor, die nur wenige beherrschen: gedankenschnell, präzise, erfolgreich. Eine riesige Chance vergab er selbst, aber dafür erreichte er eine unter Statistik-Freunden für recht einmalig gehaltene Passquote. Einen Wert von 98,5 Prozent angekommener Pässe hatten fleißige Mathematiker errechnet, was für Nicht-Mathematiker bedeutet: nahe an der Perfektion.

Das belegt: Özil ist der, der den ganzen Mechanismus zum Laufen bringen kann – und dann sieht deutscher Fußball aus wie ein Gemälde. Aber er braucht dafür die richtigen Zuspiele (von Toni Kroos) und danach oder am besten gleichzeitig die richtigen Laufwege seiner offensiven Kollegen (Mario Götze, Thomas Müller, Mario Gomez). Die Rädchen um ihn herum müssen sich bewegen, dann vollzieht auch Özil sein Werk zuverlässig.

„Wir brauchen Spieler, die in die Tiefe gehen“, erklärte Bundestrainer Joachim Löw mit Blick auf den nächsten defensiven Gegner im Achtelfinale: „Deshalb war Mesut auch heute stärker, weil er in der Spitze Anspielstationen hatte und den letzten Pass spielen konnte.“

Ein Anklagepunkt bleibt

Die Frage bleibt nur, ob Özil und seinen Kollegen nun der offensive Durchbruch gelungen ist, ob es ihnen gelingt, diese spielerische Harmonie auch gegen Gegner herbeizuführen, die weniger Platz zulassen als die überforderten Nordiren. Das ist ja auch so ein Anklagepunkt, dass Özil nicht mehr auftauche, wenn es wirklich wichtig wird. Jetzt wird es bald wieder wichtig.

„Ich weiß, dass ich mich noch steigern kann. Das will ich in den nächsten Spielen zeigen“, sagt er, weil er weiß, dass die da draußen das hören wollen. Im Innern haben sie für sich andere Maßstäbe angelegt: „Man sieht, dass wir als Mannschaft funktionieren. Jeder arbeitet offensiv wie defensiv. Das Wichtigste ist, dass wir hinten zu null spielen“, sagt Özil, bemerkenswerterweise ein Offensivmann.

Soll wohl heißen: Er und die anderen stellen sich auch weiterhin gern in den Dienst der Mannschaft, wenn das die richtigen Ergebnisse zeitigt. Kritik? Verhallt ungehört. „Wir lassen uns nicht beirren und lassen die Leute einfach quatschen“, sagt Özil. Drinnen.