Euro2016

Trainer Giovanni Trapattoni: „Fußball lebt von der Emotion“

Für Trainer-Legende Giovanni Trapattoni haben sich in Europa die Machtverhältnisse verschoben, der Weg zum Erfolg aber bleibt gleich.

Giavanni Trapattoni wurd eim März 77 Jahre alt, müde ist der Italiener aber noch lange nicht

Giavanni Trapattoni wurd eim März 77 Jahre alt, müde ist der Italiener aber noch lange nicht

Foto: dpa Picture-Alliance / ULMER//Markus Ulmer / picture-alliance / Pressefoto UL

München.  An der Bar hat Giovanni Trapattoni, im März 77 Jahre alt geworden, nur noch Augen für die Bedienung. „Ist der Espresso aus Italien?“, fragt er – und schaut ihr dabei so tief in die Augen, dass er zwei Löffelchen voll Zucker neben die Tasse schüttet. „Immer noch ein Charmeur alter Schule“, wagen wir einzuwerfen. „Was heißt alte Schule? Der liebe Gott war gnädig mit mir. Ich bin nicht älter als diese schöne Bedienung. Und mein Pass liegt weit weg auf dem Zimmer.“

Ein tolles Rezept, sich nicht alt zu fühlen, Herr Trapattoni. Wir stellen Ihnen eine ewig junge Frage: Wer wird Europameister? Titelverteidiger Spanien? Weltmeister Deutschland? Oder doch Italien, das bei Turnieren Deutschland fast immer schlägt?

Giovanni Trapattoni : Sie werden weit kommen, die Italiener. Viertelfinale, Halbfinale. Dieses Freundschaftsspiel, das 1:4 in München gegen Deutschland, war kein Maßstab.

Es muss Sie dennoch mitgenommen haben. Sie waren bei dem Spiel Co-Kommentator beim italienischen TV-Sender und haben so heftige Schimpfworte benutzt, dass Sie anschließend den Job verloren haben.

(lächelt verschmitzt) Lassen Sie uns über Fußball reden. Über die Kleinigkeiten, die entscheiden. Das Glück. Der Pfosten. Ein Elfmeter. Eine Rote Karte. Die zweite Gelbe Karte. Ganz wichtig dabei ist der psycho-physische Aspekt.

„Vor fünf,zehn Jahren war Spanien auf dem Höhepunkt“

Wie meinen Sie das?

Die Spieler von Frankreich, Spanien, Italien mit ihren 20er-Ligen – die spielen zehn Monate lang Sonnabend, Mittwoch, Sonntag, Dienstag. Wissen Sie, wie anstrengend das ist für den Kopf? Nur wer das richtig kanalisieren und einschätzen kann, nur wer den Geist und den Körper Mitte Juni noch auf Topniveau hat, der wird Europameister.

Spanien etwa?

Schwierig. Ich glaube nicht. Vor fünf, zehn Jahren waren sie auf dem Höhepunkt. Die zwei Blöcke aus Barcelona und Madrid waren eine Einheit. Bis zum letzten Spieler auf der Bank. Das wird jetzt schwer, weil es die Blöcke nicht mehr gibt, die alles gewonnen haben. Sie machen einen kleinen Umbruch. Xavi, das Hirn, ist nicht mehr da. Ich glaube nicht an Spanien, hätte mehr Respekt vor Frankreich, dem Gastgeber.

Die Italiener hatten auch keine leichte Gruppe. An diesem Mittwoch geht es gegen die Iren, die Sie von 2008 bis 2013 selbst als Nationaltrainer motiviert haben.

Pass auf! Irlandia hat einen ähnlichen Kampfgeist wie die Deutschen. Sie geben nie auf. Sie sind zwar fußballerisch nicht so stark wie die Topteams in Europa. Aber keiner wird sie leicht schlagen, geschweige denn hoch. Sie geben alles für ihr Land und können jedem Gegner wehtun. Italien muss höllisch auf dieses großartige Gebilde aufpassen mit Martin O’Neill, einem sehr guten Trainer.

„Es fehlt an großen Namen bei den Schweden“

Gegen Schweden hat ein Last-minute-Treffer gereicht.

Wenn Zlatan Ibrahimovic nicht trifft, wird es eng. Er ist überragend, kann aber nicht jedes Spiel allein entscheiden. Der Rest ist nicht wirklich stark. Es fehlt an großen Namen bei den Schweden. Auch wenn Ibrahimovic als früherer Spieler von Juventus Turin, Inter und AC Mailand ganz besonders motiviert war. Aber in seinem Pass steht auch keine zwei mehr als erste Ziffer …

Und der härteste Gruppengegner war wohl Belgien – am Ende hieß es 2:0. Eine italienische Fiesta.

Das ist eine Mannschaft gespickt mit jungen, technisch überragenden Spielern, die über alle Topligen der Welt verteilt sind. In Europa hat sich fast alles verschoben.

Wie meinen Sie das?

Früher gab es nur Italien und Deutschland, die den Weltfußball regiert haben. Dann kam Spanien dazu und Frankreich und immer auch England, das trotz der Misserfolge nie zu unterschätzen ist. Siehe den 3:2-Sieg jüngst gegen Deutschland und die souveräne Qualifikation. Jetzt kommen aber auch Belgien und Portugal und andere eher kleinere Länder dazu. Ein De Bruyne, Witsel, Lukaku und wie sie bei Belgien alle heißen, können jeden Gegner schlagen. Das ist nicht so dahingesagt. Wirklich jeden.

„Die Nummer zehn ist nicht mehr die zehn“

Sie waren als Trainer berühmt dafür, dass Sie lieber die Abwehr verstärken als den Sturm.

Du musst schießen, nicht quer spielen, nicht Ball halten. Du brauchst ein Resultat, keine Kunststückchen am Ball. Fußball lebt von der Emotion. Und die Emotion hängt ab von den Toren. Doch wenn Deutschland stark spielt, musst du eben verteidigen. Heute muss oft jeder Stürmer verteidigen. Und jeder Verteidiger, die Nummer zwei und drei muss stürmen. Die Nummer zehn ist nicht mehr die zehn. Sieben, acht Mann scharen sich auf wenigen Metern. Obwohl es dort nur einen Ball gibt. Es fehlt die Balance.

Wir sehen, Sie brauchen wieder einen Trainerjob.

(lacht) Si, si, si. Senora – noch einen Espresso, bitte!