Euro2016

Über die Entdeckung des Strafraums

Trotz des Rufs nach frischen Kräften wie Sané hält der Bundestrainer am Stammpersonal fest, fordert nur mehr Bewegung in der Offensive.

Die Mittelfeldspieler sollen sich im Strafraum aufhalten: Sami Khedira und Mesut Özil beim Gespräch mit Joachim Löw (v.l.)

Die Mittelfeldspieler sollen sich im Strafraum aufhalten: Sami Khedira und Mesut Özil beim Gespräch mit Joachim Löw (v.l.)

Foto: DENIS BALIBOUSE / REUTERS

Paris.  Joachim Löw hatte einen ­dicken Hals. Das war die offizielle Erklärung dafür, warum sich der Bundestrainer am Tag vorm letzten Gruppenspiel gegen Nordirland bei der obligatorischen Pressekonferenz im Prinzenpark-Stadion entschuldigen ließ (18 Uhr/ARD).

Statt des leicht erkälteten Löws schickte die DFB-Medienabteilung Co-Trainer Thomas Schneider und Verteidiger Mats Hummels durch das verregnete Paris, um die Großwetterlage rund um das deutsche Team zu erklären.

Der Platz sei extrem nass, die Stimmung trotzdem gut und von den Nordiren sei er ohnehin Fan, sagte Hummels, der zur 20-minütigen Frage-Runde aber vor allem eine Kernbotschaft mitbrachte: „Natürlich ist es unser großes Ziel, Gruppensieger zu werden. Wir werden ein bisschen mehr Risiko suchen.“

Schneider spricht von „Gedankenspielen“

Dabei ist natürlich auch dem Defensivspezialisten nicht entgangen, dass nach der Nullnummer gegen Polen die Kritiken an seinen Offensivkollegen daheim verheerend ausfielen. Mario Götze? Teilnahmslos. Thomas Müller? Torlos. Mesut Özil? Lustlos. Und Julian Draxler? Wirkungslos.

Die 80 Millionen Bundestrainer in der Heimat hatten ihr Urteil schnell gefällt: Frische Kräfte braucht das Land. Und der eine Bundestrainer in der Ferne? Lächelte beim Abschlusstraining im Dauerregen, trotz seiner Erkältung in kurzen Hosen. Und lobte seine etablierten Stammkräfte in den vergangenen Tagen überschwänglich, so lange es sein kratzender Hals zuließ.

Viel dürfte Kapuzenmann Löw also auch im letzten Vorrundenspiel gegen Nordirland nicht ändern. Natürlich gebe es eine Reihe von alternativen Gedankenspielen, gab Löws Assistent Schneider kurz vor dem Abschlusstraining ein ­wenig geheimnisvoll zu.

Für Draxler könnte Schürrle kommen

Aber von Deutschlands heftig kritisierter Offensiv­reihe dürfte es wohl lediglich Julian Draxler erwischen. Für den Wolfsburger stünde ein anderer Wolfsburger bereit: André Schürrle. Und sonst? Wahrscheinlich darf der bisher chancenlose Thomas Müller vorne im Sturm beginnen.

Vielleicht darf der mehr oder weniger chancenlose Mario Götze auf die rechte Seite rücken. Mesut Özil bleibt dort, wo er auch in der Kritik stand: im Zentrum. Weitere mögliche Alternativen im Sturm: Dauer-Alternative Mario Gomez. Oder Youngster Leroy Sané? „Er macht einen guten Job. ­Vielleicht bekommt er während des Turniers seine Chance“, ­sagte Schneider.

Löw setzt wieder auf 4-2-3-1-Taktik

Wichtiger als neue Ideen zur Besetzung ganz vorne scheint Löw aber die Umsetzung seiner bisherigen Ideen. Der Bundestrainer legte sich schon vor der Abreise nach Paris fest, auch gegen die vielbeinige Hünen-Abwehr Nordirlands auf seine bevorzugte 4-2-3-1-Taktik zu setzen. Wichtig sei es, dass sich mehr deutsche Spieler als zuletzt im gegnerischen Strafraum aufhalten sollen. Mehr Bewegung, mehr Wege in die Tiefe, mehr Variabilität – Zeit, dass sich was dreht.

Sollte das alles auch gegen die zu erwartende Betonabwehr von der Insel nicht aufgehen, hätte Löw noch einen letzten Joker auf der Bank: Ein Torjäger der alten Schule, der in seinem letzten Spiel gegen Nordirland gleich drei Tore erzielen konnte. „Natürlich habe ich gute Erinnerungen an dieses Spiel. Ich durfte sogar den Hattrickball behalten“, sagte Löws alternative Geheimwaffe.

Die einzigen Haken: Der beschriebene Dreierpack liegt 18 Jahre zurück. Und der Wunderstürmer von damals arbeitet heute als Nationalmannschaftsmanager. „Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Spielart noch Platz finden würde in Jogis Mannschaft“, sagte Nordirland-Schreck Oliver Bierhoff.