Euro2016

Wenn den Spaniern die Gegner ausgehen

Bei den Buchmachern hat der Titelverteidiger bereits Gastgeber Frankreich und Weltmeister Deutschland überholt.

Familien-Idylle: Spanien Andres Iniesta mit Gattin Anna Ortiz, Tochter Valeria und Sohn Paolo

Familien-Idylle: Spanien Andres Iniesta mit Gattin Anna Ortiz, Tochter Valeria und Sohn Paolo

Foto: David Ramos / Getty Images

Saint-Marie-de-Ré.  Man kann sich schon fragen, wie Spaniens Fußballer das einen Monat lang aushalten wollen in ihrem Atlantikparadies. Schön ist die île-de-Ré zweifelsohne, aber doch eher etwas für ältere Semester oder besonders stressgeschädigte Klientel. Hier mal ein Fahrradfahrer, dort noch seltener ein Geschäft, ansonsten nur Natur, und die bestand seit Turnierbeginn an Frankreichs Westküste vor allem aus Wind.

Thiago Alcántara hat jetzt aber die Vorzüge des weitläufig abgeriegelten Sanatoriums, pardon: Teamquartiers, nahe der Ortschaft Saint-Marie-de-Ré erklärt. „Ich mag dieses hundertprozentige Landleben aus frühstücken, ausruhen, mittagessen, den Körper pflegen und trainieren“, erklärte der Bayern-Akteur der Zeitung „El País“. „Es gibt dir inneren Frieden“.

Conclusio: die Profis aus Madrid, Barcelona, München etc. gehören zur Zielgruppe des Wellness-Publikums. Was ihr Tagesablauf mit dem wirklichen Landleben zu tun hat, fragen sie den Bauern um die Ecke ­besser nicht.

„Die Stimmung ist spektakulär“

Die Botschaft von Thiagos Sätzen vor dem letzten Gruppenspiel gegen Kroatien ist sowieso eine andere: bei Spaniens Nationalspielern herrscht nach anderthalb Turnierwochen eine derartige Euphorie, dass sie wohl auch dem Hühnerstall fünf Sterne geben würden für sein Gourmetmenü.

„Die Stimmung ist spektakulär“, befindet Thiago, seine Ersatzspielerrolle hingegen überhaupt kein Problem, denn: „dieser Mannschaft zuzuschauen ist als Fan und Fußballer gleichermaßen toll. Wie sie sich den Ball zupassen, wie sie so einfach und doch so elegant spielen.“

Und Iniesta erst – „wie Roger Federer im ­Tennis.“ Das war ein hübscher Vergleich; wenn er irgendwann genug hat vom Leben in Teamquartieren, kann Thiago bestimmt sofort in den Medien anfangen. Die wiederum haben es im Moment gar nicht so leicht.

„Goldener Ball für Iniesta“

Wo schon die Spieler so schwärmen, wie sollen sie selbst dann dieses Hurra-Gefühl überhaupt noch höher treiben? Dabei ist das doch eigentlich ihr Job bei so einer Europameisterschaft. Am Ende geht natürlich trotzdem immer was. „Frankreich auch nicht“, titelte beispielsweise die Sportzeitung „As“ gestern.

Sollte heißen: nicht mal der Gastgeber stellt eine wirkliche Gefahr da für den anzunehmenden Triumphzug der „selección“. Das wäre also geklärt, umso mehr Zeit, sich den individuellen Trophäen zuzuwenden.

„Goldener Ball für Iniesta“, fordert „Marca“ nach gerade zwei Turnierspielen der Spanier. Und wunderte sich, warum zur Preisvergabe dann doch alle (insbesondere „Marca“ selbst) wieder nur von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi schreiben. Zwei Spielern im übrigen, gegenüber deren Ego-Tyranneien das „iniestaisierte Anti-Diva-Spanien“ („El País“) klar im Vorteil sei.

Das 4-1-4-1-System hat sich bewährt

Schön lebt sich’s auf der Insel nach so zwei Siegen zum Auftakt. Dass die Tschechen erst in der 87. Minute bezwungen wurden und die Türken zu den schwächsten Turnierteams zählen, muss nicht weiter stören. Zum einen hat Spanien wirklich am meisten überzeugt.

Zum anderen sind alle rund um die „selección“ sowieso davon überzeugt, gegen jeden Rivalen die besseren Fußballer zu haben. Bleiben als Variablen, mit denen man sich selbst schlagen kann, nur Taktik, Fitness, Teamgeist und Selbstvertrauen.

Beim System scheint sich das neue 4-1-4-1 von Trainer Vicente Del Bosque als tauglich zu erweisen. Die Kondition ist besser als erwartet nach der durch die spanischen Europacup-Erfolge besonders strapaziösen Klubsaison und in den Köpfen wurden die Blitzschläge der WM 2014 (Aus in der Vorrunde) und der verlorenen Generalprobe gegen ­Georgien durch den gelungenen Start zu Wetterleuchten aus einem fernem Universum.

Nun feiern die Spanier sogar den Katalanen Piqué

Bevor Kroatien heute im Finale um den Gruppensieg die neue Herrlichkeit testen darf, wird der Titelverteidiger, anfangs hinter Frankreich und Deutschland angesiedelt, von den Wettbüros schon wieder als Topfavorit geführt. „Normal“, findet das David Silva, „wo wir in den ersten beiden Partien so gut gespielt haben.“

Als kleine Belohnung durften am Wochenende auch die Kinder mit auf den Trainingsplatz, wobei besonders freudig registriert wurde, wie Juanfran (Atlético) den Sohn von Sergio Ramos (Real Madrid) begrüßte.

Im Champions-League-Finale hatte es zwischen den beiden Verteidigern ordentlich geknallt, nun sind alle Fehden zurückgestellt. So wie Iker Casillas seine Degradierung zum Ersatztorwart „beispielhaft“ (Thiago) angenommen habe und der jahrelang bei jedem Länderspiel ausgepfiffene Katalane Gerard Piqué von den Fans mit Sprechchören gefeiert wird.

Verantwortlich für das Glück ist wesentlich der Mann, der die leisesten Töne von allen schwingt: Del Bosque. Sollte er jedoch den Eindruck gewinnen, da werde es arg früh im Turnier ein bisschen arg euphorisch, wird sich der „seleccionador“ bestimmt auch mal lauter verständlich machen. „Wer nicht demütig ist, den bestraft der Fußball“, sagt er. Fürs erste belässt er es bei kleinen Warnungen.