Euro 2016

Der Erfolg Nordirlands ist der Siegeszug der Romantiker

Nordirlands Team erzählt schöne Geschichten: Ein Spieler war kürzlich Postbote, ein anderer Fabrikarbeiter. Speziell sind die Fans.

Foto: Clodagh Kilcoyne / REUTERS

Évian-Les-Bains/Paris.  Wie das geschehen konnte, wusste Oliver Bierhoff auch nicht. „Das passierte, ohne dass ich es wirklich gemerkt habe“, sagte der Teammanager der deutschen Nationalelf vor der Abreise zum letzten EM-Gruppenspiel an diesem Dienstag. Der Gegner: Nordirland. Alles nicht so berauschend gelaufen bis dahin.

Dann aber Bierhoff: Mit dem schnellsten Hattrick der DFB-Historie dreht er nach seiner Einwechslung in der 70. Minute beim Stand von 0:1 innerhalb von nur sechs Minute die Partie – Treffer in der 73., 78. und 79. Minute: 3:1. Deutschland darf sich damals, im August 1997, doch noch Hoffnungen auf die WM 1998 machen, und Bierhoff sagt fast 19 Jahre später, das sei für ihn eine schöne Geschichte gewesen.

Nun geht es für die deutsche Nationalelf wieder gegen Nordirland. Bierhoff sollte besser nicht mehr mitspielen, aber schöne Geschichten gibt es trotzdem.

Gute-Nacht-Lieder in der Metro

Die Mannschaft von Trainer Michael O’Neill ist das Team der schönen Geschichten bei dieser EM. Sie fangen an bei den immer leicht an der Grenzen zum Wahnsinn schrammenden Fans der „Green and White Army“, die in der Metro einem französischen Kind Gute-Nacht-Lieder singen.

Ein Video davon begeistert seit Montag viele Leute im Internet. Und das zieht sich durch den Kader der Nordiren, die in Frankreich erstmals überhaupt bei einer EM dabei sind. Nach dem 2:0 gegen die Ukraine im zweiten Gruppenspiel – dem ersten Sieg bei einem Turnier seit der WM 1982 – hoffen sie sogar auf das Achtelfinale. „Ich glaube nicht, dass irgendwas das noch toppen kann“, sagt Jonny Evans.

„Ich habe mich noch nie zuvor so emotional bewegt gefühlt auf einem Fußballplatz“, so der Verteidiger. Evans ist der bekannteste Spieler in einer Auswahl der Namenlosen, weil er lange für Manchester United gespielt hat. Um ihn herum sammeln sich Typen mit kuriosen Lebenswegen und Bierhoff’schen Comeback-Storys.

Griggs Song ist in den Charts, bisher spielt er aber nicht

Da ist zum Beispiel Conor Washington, Stürmer vom englischen Zweitligisten Queens Park Rangers. Bei der letzten EM 2012 arbeitete der heute 24-Jährige noch als Postbote und spielte nebenbei in der siebten englischen Liga für St. Ives Town.

Genau zu dieser Zeit nahm Leicester City einen gewissen Jamie Vardy unter Vertrag. In der abgelaufenen Saison wurde Leicester sensationell englischer Meister und Vardy vom Amateurkicker und Fabrikarbeiter zum Nationalspieler und Zweitplatzierten der Torschützenliste.

Washingtons Geschichte ist nicht so glamourös, aber sie ähnelt Vardys: „Er ist eine Inspiration“, sagt Washington. „Die Leute verstehen langsam, dass man Spieler aus unteren Ligen mit etwas mehr Training hier und da zu Nationalspielern entwickeln kann“, sagt der Angreifer.

Hummels hofft auf Trikottausch

Sein Aufstieg hat sich sogar bis nach Deutschland rumgesprochen: Als Mats Hummels am Dienstag auf Washington angesprochen wurde, sagte er: „Ich liebe solche Geschichten. Ich bin ein großer Fan von ihm und hoffe, dass wir nach dem Spiel Trikots tauschen können.“

Gegen Hummels will der ehemalige Postbote liefern, und darf das wohl auch wieder versuchen. Gegen die Ukraine setzte ihn O’Neill statt seines besten Torjägers Kyle Lafferty ein. Lafferty ist ein Zweitligastürmer vom Birmingham City, über den US Palermos Präsident Maurizio Zamparini 2013 sagte: „Er ist ein Womanizer ohne Kontrolle, ein Ire, der keine Regeln kennt. Er ist komplett entgleist.“

Für elf Treffer beim damaligen italienischen Zweitligisten, an den Lafferty ausgeliehen war, hat es trotzdem gereicht. Mit sieben Toren in der Qualifikation schoss er sein Land zur EM.

Ein Fan starb zu EM-Beginn bei Sturz in Nizza

Und dann ist da ja auch noch Will Grigg, der bisher zwar in aller Munde war, aber noch nicht auf dem Feld. Der Drittligastürmer hat eine phänomenale Saison hingelegt und seinen Klub Wigan Athletic mit 25 Toren zum Aufstieg geschossen.

Wegen dieser Trefferserie haben ihm die Fans einen Song gewidmet: Zur Melodie von „Freed from Desire“ von Gala aus dem Jahr 1996 wird nun überall in den nordirischen Pubs und der Spielstätten der Nordiren in Frankreich „Will Grigg’s on fire“ gesungen. Das Lied stieg sogar in die Top-Ten der UK-Popcharts auf.

Das alles sind schöne Geschichten. Aber es gab auch schlimme bei den Nordiren: In Nizza beim 0:1 gegen Polen stürzte ein 24 Jahre alter nordirischer Fan vom Geländer und starb. in Lyon gegen die Ukraine erlitt ein 64 Jahre alte Anhänger einen Herzinfarkt. Auch er verstarb. Das hat das Team getroffen, und dennoch hat es den Beweis angetreten, dass im Fußball noch Platz für Romantik ist.

Nach seinem Treffer gegen die Ukraine, dem allerersten in der nordirischen EM-Geschichte, sagte Gareth McAuley: „Fußball ist manchmal ein romantisches Spiel. Manchmal gewinnt der Underdog“. Auch der 36-Jährige weiß das aus eigener Anschauung: Bis er 24 war, lief er noch in der vierten, englischen Liga auf. Nun spielt er bei West Bromwich Albion in der ersten und hat Geschichte geschrieben. Sollte nun der Achtelfinaleinzug gelingen, wäre es ein weiteres Kapitel.