Euro2016

Andreas Möller: „Für Klopp gehen die Spieler durchs Feuer“

Andy Möller über Trainermentalitäten, den Job als Assistent in Ungarn, die Außenseiterrolle gegen Island und seine berühmte Pose 1996.

Erfolgreiches Team: Ungarns Cheftrainer Bernd Storck (l.) und sein Assistent Andreas Möller

Erfolgreiches Team: Ungarns Cheftrainer Bernd Storck (l.) und sein Assistent Andreas Möller

Foto: imago/Eibner Europa

Berlin.  Andreas Möller ahnt, welche Frage jetzt kommt und wehrt sie verbal gleich volley ab: „Es ist nicht fair zu denken, dass aus den Stars der 90er zu wenig geworden ist. Es können sich ja nicht auf einmal zwanzig Stellen auftun. Der Trainermarkt ist viel zu klein.“

Es gibt im Grunde keinen Titel, den der 52-Jährige nicht gewonnen hat mit Dortmund, Juventus Turin oder Schalke. Möller wurde Trainer – bei Aschaffenburg in der Oberliga. Gratis hat er es gemacht. Dann ein bisschen Manager bei Kickers Offenbach. Und jetzt bei der EM sitzt er bei den Ungarn neben Bernd Storck auf der Bank – als Co-Trainer.

Warum trainieren Sie nicht Dortmund, Schalke, ­Frankfurt oder Turin, Ihre Ex-Klubs?

Andreas Möller: Ich habe das nicht so vorangetrieben, wie man es hätte machen sollen. Ich hätte gern eine Jugend-Nationalmannschaft beim DFB gehabt, das war mein Traum. Es hat sich leider nicht ergeben, man hat sich für andere Leute entschieden. Gut, das ist halt so.

Ist das nicht zu einfach? Sie waren mit Ihrer Technik, Schnelligkeit, Schussstärke ein Weltklassespieler.

Den Trainerschein habe ich nicht geschenkt bekommen. Es war auch kein Kurzlehrgang. Ich wollte es nur gern ein bisschen relaxter haben, weil die Karriere sehr intensiv war. Auf Schritt und Tritt mit viel Aufmerksamkeit verbunden. Immer wieder Drucksituationen. Das Private spielt auch eine große Rolle (Möller hat aus erster Ehe drei Töchter, aus zweiter Ehe zwei Söhne, d.Red.).

„Da steht man 24 Stunden unter Strom“

Sie haben auch immer gut verdient. ­Könnten Sie davon leben?

Selbstverständlich könnte ich das.

Und jetzt eben Ungarn, Co-Trainer.

Das ist für mich mit der Familie vereinbar. Die Frage muss man sich dennoch stellen, wann der Zeitpunkt kommt, wo ich dem Fußball alles unterordne. Da steht man 24 Stunden unter Strom.

Nach dem 2:0 gegen Österreich geht es jetzt gegen die Überraschungs-Isländer.

Auch sehr schwer. Gylfi Sigurdsson, ein Zwölf-Millionen-Mann, spielt bei Swansea in der Premier League. Wir haben keinen Zwölf-Millionen-Mann. Die haben vor ein paar Jahren die deutsche U21, in der auch Mats Hummels und Co. standen, 5:1 aus dem Stadion gefegt. Sehr homogen, ganz schwer zu spielen, haben Holland besiegt. Das können wir drehen und wenden – wir sind Außenseiter. Aber wir kämpfen dagegen an.

Neben dem Champions-League-Sieg 1997 mit Dortmund war Ihr Höhepunkt das EM-Halbfinale 1996 im Londoner Wembley-Stadion gegen England. Kapitän ­Jürgen Klinsmann war verletzt. Warum bekamen Sie die Binde?

Berti Vogts fragte mich: Traust du dir das zu? Ich sagte sofort ja. Er sagte: Okay. Dann führst du die Mannschaft ins Finale.

„Ich will keine Diskussion unter Spielern“

Und dann nahmen Sie mit zitternden Fingern Klinsmanns Binde …

... von wegen. Ich packte sie, nahm einen Edding und schrieb hinein: Sieg! Sieg! Das Spiel gewinnen nur wir. Und dann gibt mir Sandor Puhl die Gelbe Karte, ich war fürs Finale gesperrt. Für nix! Ich lag auf dem Boden, bin von Stewart Pearce provoziert worden. Er beugt sich über mich, beschimpft mich übelst. Ich bin aufgestanden, stelle mich ihm gegenüber, sage: Was willst du von mir? Puhl zeigte uns beiden Gelb: Ich will keine Diskussion unter Spielern. Heute sag ich mir nur noch: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Sie konnten sich aber schon auch in Szene setzen. Es gibt ein Foto, da stehen Sie so stolz da wie Paul Gascoigne in seinen besten Zeiten. Brust raus, das rechte Bein über das linke pendelnd.

Ich hatte mir die Szene vorher nicht ausgedacht. Es war ein Ausdruck von Stärke und Stolz, hier in England, auch noch als Kapitän, da kam viel zusammen. Seht her, wir haben gewonnen, ich habe das Tor gemacht. Ich habe es für alle Deutschen gemacht. Nie zuvor war ich Kapitän gewesen, auch in der Jugend kaum.

Wie läuft das mit den Ungarn? Immerhin stehen Sie jetzt wochenlang im Rampenlicht.

Bernd Storck macht den größten Teil selber, ist auch Sportdirektor. Holger Gehrke ist Torwarttrainer. Und der frühere ungarische Nationalspieler Zoltan Szelesi, der mal für Cottbus spielte, ist zweiter Co-Trainer und Dolmetscher. Das Ungarische ist eine unglaublich schwere Sprache. So ist das eine ganz gute Aufgabenverteilung.

„Ich habe nie im Hinterkopf, einmal Bundesligatrainer zu werden“

Sind Sie ein Laptoptrainer?

Selbstverständlich gehören alle Dinge, die sich damit dokumentieren lassen, dazu. Datenerfassung, Trainingssteuerung. Aber wir fragen nicht unseren ­Laptop, wie wir zu trainieren haben.

Was ist, wenn heute ein Bundesligist kommt?

Da muss ich gleich einhaken. Das wird nicht passieren. Ich habe nie im Hinterkopf, einmal Bundesligatrainer zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand mit meiner Person befasst. Es ist fantastisch, es ist ein Traum, die EM im Fußballland Frankreich miterleben zu dürfen. Wir kleinen Ungarn sind froh, dass wir überhaupt dabei sind. Es bleibt bei unserer Außenseiterrolle.

Welcher Trainer hat Sie am meisten ­geprägt?

Schon Ottmar Hitzfeld. Ein vorausschauender Fußballtrainer, der für mich alles verkörpert hat. Menschlichkeit, Härte, Autorität, Distanz, Herzlichkeit. Ich bin nur Co-Trainer, aber es ist schon wichtig, wie der Umgang mit den ­Spielern ist. Ob ich menschlich bin, ­autoritär, authentisch.

Möller und autoritär?

Viele sagen, die heutige Generation brauche den Kumpeltrainer. Weiß ich nicht. Ich brauchte immer einen Trainer mit Autorität, bin mit einem jungen nicht so klargekommen. Ein Trainer muss es schaffen, dass sie für ihn durchs Feuer gehen. Tore schießen, die Faust machen, dem Trainer zeigen, das war auch für dich.

„Udo Lattek hat die Spieler menschlich gepackt“

Ist das nicht anbiedernd?

Du musst ihm ja nicht in die Arme springen. Mir ist da auch Udo Lattek in Erinnerung, der die Spieler menschlich gepackt hat. Jürgen Klopp macht das auf seine Art. Er schafft es, dass die Spieler für ihn durchs Feuer gehen. Aber es wäre jetzt nicht fair, die anderen abzuwerten. Ich hatte bei Juventus den großartigen Giovanni Trapattoni, bei Schalke Huub Stevens, bei dem ich unglaublich fit war. Er konnte gut mit mir umgehen. Ich war ja kein Rebell, und keiner musste mir das Fußballspiel beibringen.

Wir lassen nicht locker. Zum Abschied die Frage: Wann werden Sie Cheftrainer?

Die Cheftrainerrolle, die fällt einem entweder so oder so zu. Oder sie fällt einem nie zu. Ich glaube nicht, dass bei mir einer auf die Idee kommt.