Euro2016

Die Deutschen sorgen für ein Sturmtief in Frankreich

Der Bundestrainer und sein Team unzufrieden mit der Offensive: So schlecht war sie bei einem Turnier unter Löw noch nie.

Foto: imago/Eibner Europa

Paris/Évian-les-Bains.  Es war ungemütlich, als die DFB-Maschine in aller Herrgottsfrühe am Freitagmorgen in Annecy landete. Um 4.05 Uhr wurden Deutschlands Nationalspieler von Starkregen und Temperaturen um die zehn Grad begrüßt.

Es war kalt, nass und spät. Oder früh, je nach Perspektive. Ein Sturm war aufgezogen und hatte das Département Haute-Savoie in den Rhône-Alpes rund um das deutsche Teamquartier in Évian-les-Bains in eine Monsunlandschaft verwandelt.

Gerade noch rechtzeitig hatten Deutschlands Fußballer ihre Schäfchen nur fünf Stunden zuvor noch schnell ins Trockene gebracht. 0:0 im Topspiel der Gruppe C gegen Polen. Die Tabellenführung. Noch ein Punkt bis zum sicheren Einzug ins EM-Achtelfinale.

Doch trotz des Punktgewinns war auch in den Katakomben des Stade de France von nichts anderem als vom Sturm die Rede. Oder besser: Vom schmerzlich vermissten Sturm. Ein 0:0 einer deutschen Nationalmannschaft – das hatte es unter Bundestrainer Joachim Löw bei einem Turnier noch nie gegeben.

Die schärfste Kritik kommt von Jerome Boateng

Zu wenig zielstrebig seien sie vorn gewesen, sagte Linksverteidiger Benedikt Höwedes, der als erster den Weg aus der Kabine in Richtung Bus angetreten hatte. Die letzte Schnelligkeit habe vorn einfach gefehlt, monierte Offensivallrounder Thomas Müller.

Und der selten um Worte verlegene Mats Hummels kritisierte: „Wir hätten heute in der Offensive deutlich besser agieren müssen. Wir haben es verpasst, uns Chancen herauszuspielen, wenn Räume da waren. Das können wir viel besser.“ Am deutlichsten aber wurde Jerome Boateng, dessen primäre Aufgabe eigentlich das Toreverhindern ist.

„Offensiv hat heute viel gefehlt. Wir müssen viel mehr Laufwege investieren, aggressiver sein, mehr Zweikämpfe gewinnen“, sprach Boateng in jedes Mikrofon hinein, das sich ihm entgegenstreckte. „Wir müssen mal zum Abschluss kommen. Wir spielen bis ins letzte Drittel gut, aber dann kommen wir nicht am Gegner vorbei, werden nicht gefährlich.“ Und dann zeichnete der Innenverteidiger noch das Bild eines wenig verheißungsvollen Turnierverlaufs: „Das alles müssen wir verbessern, sonst kommen wir nicht weit.“

Vorne passierte gar nichts

Rums. Boatengs Sätze hatten gesessen. Ähnlich humorlos, wie der Münchner in den 90 Minuten zuvor Weltklassestürmer Robert Lewandowski aus dem Spiel genommen hatte, sprach er auch grundlegende Probleme der deutschen Mannschaft im Turnierverlauf an. Seine Offensivkollegen laufen viel, aber viel zu oft noch läuft das Spiel an ihnen vorbei.

Angesprochen auf Boatengs Grundsatz-Kritik musste sich Mesut Özil zunächst einmal kurz schütteln. „Wer hat das gesagt?“, fragte Özil vorsichtshalber noch einmal nach, ehe er sich die richtigen Worte zurechtlegte: „Jerome hat seine Meinung“, sagte er schließlich. „Er ist Defensivspieler und weiß, was vorne so alles passiert.“

Doch das Grundproblem, das Boateng sehr deutlich benannt hatte, war viel eher, dass vorn eben so gar nichts passierte. Nicht gegen Polen. Und auch nicht im Spiel zuvor gegen die Ukraine. Zwei Tore in den ersten beiden Gruppenspielen – so mies war die Ausbeute der deutschen Mannschaft bei einem Turnier unter Bundestrainer Joachim Löw noch nie. „Nach vorne hatten wir zu wenige Lösungen“, gab dann auch Löw unumwunden zu, ohne allerdings eine überzeugende Erklärung für das Sturmtief der deutschen Mannschaft beizusteuern. „In der Offensive hat uns die Durchsetzungsfähigkeit gefehlt. Wir sind eine Mannschaft, die normalerweise am Boden kombiniert.“

Immer wieder hohe Flanken in den Strafraum

Vom in der Vergangenheit häufig gepriesenen deutschen Kombinationsspiel war allerdings herzlich wenig zu sehen. Kreativchef Özil? Kaum zu sehen. Fleißbienchen Julian Draxler? Harmlos. Dauerläufer Thomas Müller? Verrannt. Und die hängende Spitze Mario Götze? Durchhängend.

Müller und Höwedes konnten auf der rechten Seite die Einseitigkeit des deutschen Spiels nicht beheben, während Draxler und Jonas Hector von links immer wieder hohe Flanken in den Strafraum reinschlugen. „Flanken sind nie ein schlechtes Mittel, wenn sie einen Kopf treffen“, sagte Höwedes, der dabei allerdings außer Acht ließ, dass Götzes Kopf gerade mal 1,76 Meter über der Grasnarbe lauerte.

Nach 66 Minuten hatte Bundestrainer Löw genug gesehen und wechselte den 1,89 Meter großen Mario Gomez ein, dessen Kopf von zwölf Flankenversuchen allerdings keinen einzigen Ball erreichen sollte.

Keine Eins-gegen-Eins-Spieler

Anders als in den vorherigen Turnieren, als sich Deutschland schon aus Tradition meistens einen Ausrutscher im zweiten Gruppenspiel erlaubt hatte, ist die Aufregung nun groß. Schließlich ist es das von Löw so geliebte Offensivspiel, das Sorgen bereitet.

„Mich persönlich stört gar nicht, dass ich bei der EM noch kein Tor geschossen habe, sondern dass ich die letzten zwei Spiele keine wirkliche Tormöglichkeit gehabt habe“, sagte Müller, der ein besseres Offensivverhalten von allen anmahnte. Die Nationalmannschaft habe einfach nicht Eins-gegen-Eins-Spieler wie der FC Bayern. Keinen Robben und keinen Ribéry, keinen Costa und keinen Coman.

„So ein Spieler fehlt vielleicht, aber den können wir uns in Deutschland nicht herbeizaubern“, sagte Deutschlands in der Theorie bester Eins-gegen-Eins-Spieler. „Deshalb müssen wir es weiter mit Kombinationsfußball versuchen.“

Und was er zu Boatengs Grundsatzkritik zu sagen habe? „Er hat ja Recht“, so Müller, der aber nicht Müller wäre, wenn er nicht doch eine unkonventionelle Lösung für den weiteren Turnierverlauf parat hätte: „Mit einem 0:0 würden wir zumindest immer ins Elfmeterschießen kommen.“