EM 2016

Deutschland vergibt gegen Polen den Matchball

Fußball-Weltmeister Deutschland hat bei der EM den vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale verpasst. Die Partie gegen Polen endete torlos.

Robert Lewandowski (l.) im Zweikampf mit Jérôme Boateng

Robert Lewandowski (l.) im Zweikampf mit Jérôme Boateng

Foto: Filip Singer / dpa

ParisÜber Nachbarn, gute und schlechte, wurde in den vergangenen Wochen in Fußball-Deutschland mehr als genug geredet. Und trotzdem ist eine tadellose Nachbarschaft auch in diesen Tagen ein wichtiges Thema: An diesem Freitag jährt sich der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag zum 25. Mal. Ob auch der 16. Juni in die deutsch-polnische Nachbarschaftsgeschichte eingehen wird, darf nach den höhepunktarmen 90 Minuten im Pariser Vorort Saint-Denis allerdings bezweifelt werden. Am Ende trennten sich die DFB-Auswahl und Polen in einem schwachen Spiel torlos.

Bundestrainer Löw trägt diesmal schwarzen Pullover

Nicht gewonnen, aber auch nicht verloren. Abwehrchef Jerome Boateng freute die Leistung in der Defensive, er haderte allerdings mit der Offensive. „Da war zu wenig Bewegung. Wir kommen nicht am Gegner vorbei und werden nicht gefährlich. Das müssen wir verbessern, sonst kommen wir nicht weit“, sagte der gebürtige Berliner in Diensten des FC Bayern München.

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Beim Aufeinandertreffen der beiden Fußball-Nachbarn im natürlich ausverkauften Stade de France ging es wie erwartet von der ersten Minute an ordentlich zur Sache. Sieben Fouls in der ersten halben Stunde und zwei Gelbe Karten für Sami Khedira und Mesut Özil unterstrichen die Behauptung, die Bundestrainer Joachim Löw vor dem Spitzenspiel der Gruppe C gebetsmühlenartig wiederholt hatte: Diese polnische Mannschaft um Superstar Robert Lewandowski ist ein ganz anderes Kaliber als zuletzt die Ukraine.

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Anders als in Lille, wo „Die Mannschaft“ am vergangenen Donnerstag mit einem alles in allem unspektakulären 2:0 in diese Europameisterschaft gestartet war, konnte Löw diesmal auf den lange Zeit angeschlagenen Mats Hummels an der Seite von Jerome Boateng zurückreifen. Für den Innenverteidiger, der sich erst am Vorabend des Spiels uneingeschränkt einsatzbereit meldete, musste erwartungsgemäß der zuletzt überzeugende Shkodran Mustafi auf der Bank Platz nehmen. Ansonsten vertraute Löw, diesmal im schwarzen Pullover statt im grauen Shirt, dazu ein schwarz-rot-goldenes Glücksbändchen um das linke Handgelenk, seinem Auftaktteam.

Aufregung im deutschen Strafraum

Das neue Outfit brachte dem Fußballlehrer allerdings ebenso wenig Glück wie der Handgelenkstalisman. Nach zehn Minuten notierten die Statistiker zwar ein Ballbesitz von 80 zu 20 Prozent für das deutsche Team, ohne dass die Offensive um Mario Götze davon allerdings profitieren konnte. Immerhin: Auch Götzes Noch-Vereinskollege Robert Lewandowski tat sich im Duell mit Hummels und Boateng auf der Gegenseite schwer. Der mit 13 Treffern erfolgreichste Torschütze der EM-Qualifikation, der in vergangenen Duellen schon siebenmal Manuel Neuer bezwingen konnte, hatte nach dem ersten Durchgang genauso wenige Torschüsse abgegeben wie sein auch hochgelobter Sturmpartner Arkadiusz Milik: keinen.

Zumindest Letztgenannter, der einst für Bayer Leverkusen und den FC Augsburg auf Torjagd ging, schien in der Halbzeitpause Besserung gelobt zu haben. So dauerte es nach dem Wiederanpfiff von Schiedsrichter Björn Kuipers, dem einzigen Niederländer bei dieser EM, handgestoppte 20 Sekunden, ehe Milik für die bis dahin größte Aufregung im deutschen Strafraum sorgte. Sein Kopfball landete aber glücklicherweise nur in unmittelbarer Nachbarschaft zum linken Außenpfosten statt im Tor.

Kompakt und engagiert verteidigende Polen

Wer nun aber dachte, dass der Weltmeister diese erste Großchance der Bialo-Czerwoni (der Weiß-Roten) als Weckruf verstand, der irrte. Besonders die offensive Dreierreihe mit Julian Draxler, Mesut Özil und Thomas Müller konnte sich bei Ballbesitz gegen die kompakt und engagiert verteidigenden Polen kaum in Szene setzen. Für den erneut enttäuschenden Mario Götze forderten die mitgereisten Deutschland-Fans nach einer Stunde lautstark den Einsatz von Torjäger Mario Gomez.

Nach 65 Minuten reagierte Löw. Doch statt des gewünschten Gomez brachte der Nationaltrainer, der gegen die Ukraine nur zweimal spät gewechselt hatte, André Schürrle für Götze. Das unbefriedigende Arbeitsprotokoll des ausgewechselten Münchners: Gerade mal 34 Ballkontakte, 21 Prozent gewonnene Zweikämpfe und auch nur zwei mehr oder eher weniger zielführende Torschüsse.

Auch Polens großer Star Lewandowski bleibt blass

Es darf als typische Geschichte des Fußballs bezeichnet werden, dass mit Götze auf der einen und Lewandowski auf der anderen Seite ausgerechnet die beiden Offensivspieler kaum zur Geltung kamen, über die im Vorfeld der Partie am meisten berichtet worden war. Bestätigt wurde dagegen lediglich eine ganz andere Geschichte: der Fluch der zweiten Spiele. So konnte Deutschland unter Löw mit Ausnahme der EM vor vier Jahren nie das zweite Gruppenspiel eines Turniers gewinnen.

Die gute Nachricht zum Schluss: Weitergekommen ist Deutschland trotzdem immer. Am kommenden Dienstag (18 Uhr) heißt der nächste Gegner: Nordirland.

Um sicher das erste Etappenziel ihrer Tour de France zu erreichen, braucht die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Gruppenfinale gegen Nordirland am Dienstag im Pariser Prinzenpark mindestens einen Punkt. Rang drei hat Deutschland auf jeden Fall gesichert, unklar bleibt, ob es auch einer der vier besten Gruppendritten sein würde.

47 Minuten bis zum ersten Schuss der Deutschen

Der Weltmeister benötigte gegen widerspenstige und jederzeit gefährliche Polen bis zur 47. Minute, um überhaupt den ersten Schuss auf das Tor abzugeben. Der Versuch von Mario Götze, der erneut den Vorzug vor Mario Gomez erhalten hatte, war jedoch völlig harmlos. Kurz zuvor hätte der ehemalige Bundesliga-Profi Arkadiusz Milik beinahe für Polen getroffen (46.).

Vor 73.648 Zuschauern im Stade de France, wo Deutschland am 13. November wegen der Terroranschläge in Paris eine Nacht des Schreckens erlebt hatte, wurde Götze in der 66. Minute durch André Schürrle ersetzt, der bis dahin wenig gefährliche Thomas Müller rückte in die Spitze. Gleich darauf kam Gomez, der als Stoßstürmer aber auch nichts mehr bewirkte.

Die Abwehr mit Rückkehrer Mats Hummels erwies sich als nicht immer sattelfest - wie schon beim 2:0 gegen die Ukraine zum Auftakt. Vor allem über die Seite von Jonas Hector kamen die Polen immer wieder zu gefährlichen Angriffen. Hinten entpuppte sich vor allem Michal Pazdan als schier unüberwindbar. Er gewann fast jeden Zweikampf gegen einfallslose Weltmeister.

Müller reibt sich auf

Offensiv gelang Deutschland so gut wie nichts. Sami Khedira konnte im Mittelfeld keine Akzente setzen, Mesut Özil fiel nur in der 69. Minute auf, als er mit einem strammen Schuss Polens Ersatztorhüter Lukasz Fabianski prüfte. Toni Kroos war noch der präsenteste deutsche Spieler in der Zentrale. Müller dagegen rieb sich gegen die sehr standfeste polnische Abwehr auf.

Hummels hatte 26 Tage benötigt, um von seinem Muskelfaserriss zu genesen, den er im DFB-Pokal-Finale gegen den FC Bayern (3:4 i.E.) erlitten hatte. "Er ist vollkommen auskuriert", sagte Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Spiel im ZDF, es sei selbstverständlich, dass er sofort "einen Stammplatz sicher hat, wenn er wieder fit ist".

Fit war er, aber Hummels wirkte anfangs ein wenig wackelig. An der Seite seines künftigen Münchner Klubkollegen Jerome Boateng kam er zunächst nicht gut und rechtzeitig in die Zweikämpfe, in der 19. Minute spielte er einen haarsträubenden Fehlpass in die Füße von Milik, der im Auftaktspiel der Polen gegen Nordirland (1:0) das Siegtor erzielt hatte.

Dass auch Götze erneut von Beginn an spielte, begründete Bierhoff mit dem Wunsch, der Mannschaft früh Konturen zu geben: "Wir wollten Kontinuität reinbringen." So blieb die Personalie Hummels die einzige Änderung von Löw, der in seinem fünften Turnier erstmals einen Wechsel in der Anfangself aus dem ersten Spiel vornahm.

Das Vertrauen in Götze hätte sich fast nach wenigen Minuten ausbezahlt: Eine Flanke von Julian Draxler köpfte der 1,76 m große "falsche Neuner" aber aus guter Position über das Tor (4.). Kurz zuvor hatte Sami Khedira Gelb gesehen, weil er einen polnischen Konter mit einem Foul an Milik unterband. Milik war wesentlich besser im Spiel als Lewandowski.

Ohne Ideen und Überraschungsmomente

Konter schienen ohnehin zum Matchplan der Polen zu gehören. Sie standen bei deutschem Ballbesitz sehr tief. Gegen dieses Bollwerk versuchte es der Weltmeister über die Flügel, vor allem über links mit Draxler und Hector, Lukasz Piszczek (Borussia Dortmund) erwies sich auf dieser Seite anfänglich als nicht standfest. Das Gleiche galt aber auch für Hector.

Hinten anfällig - und im Spiel nach vorne ohne die große Idee: Insgesamt fehlten im deutschen Spiel die Tempowechsel und Überraschungsmomente. Auch die Standards, die zuletzt so gut funktioniert hatten, waren beim Versuch, die Polen zu überlisten, kein probates Mittel.