Euro2016

Italien ist wieder verliebt in seine alten Herren

Wie die Senioren dem jugendlichen Geheimfavoriten Belgien eine Lehrstunde erteilten.

Abgerutscht – aber erst, als es nicht mehr drauf ankam: Gianluigi Buffon beim missglückten Jubel

Abgerutscht – aber erst, als es nicht mehr drauf ankam: Gianluigi Buffon beim missglückten Jubel

Foto: JASON CAIRNDUFF / REUTERS

Montpellier.  Am Morgen danach steht Rosario im blauen Trikot vor der Garageneinfahrt zum Mannschaftshotel. Wie jeden Tag. Vor 25 Jahren kam er nach Montpellier und ging nie wieder, doch jetzt ist Italien ja für ein paar Wochen bei ihm. Rosario wäre auch zum Hotel gekommen, wenn sein Land wie allseits erwartet gegen Belgien verloren hätte.

Jetzt hat es 2:0 gewonnen. „Schon lange habe ich ein Spiel nicht mehr so genossen“, sagt er und zeigt seine Fotos. Gerade eben hat er eines mit Nationaltrainer Antonio Conte gemacht. Rosario staunte, ihn zu sehen.

Die Squadra ist wirklich schon wieder unterwegs. Conte hat das Training auf den Vormittag verlegt, trotz später Rückkehr vom Spielort Lyon. Wie um zu sagen: Hier ruht sich keiner aus. Hier wird weiter gearbeitet.

Diese Bilder der Nacht werden immer bleiben

Tatsächlich geht es auf dem Gelände des Erstligisten Montpellier Hérault am Stadtrand dann eher gemächlich zur Sache. Die Stammspieler traben durch den Wind, der Südfrankreich momentan ganz kirre macht. Nach einer guten Stunde ist Schluss. Aber die symbolische Wirkung funktioniert. Und die Bilder der Nacht, die werden sowieso immer bleiben.

Wie das Italien der Arbeiter dem Belgien der vermeintlich besseren Spieler eine Lehrstunde in Sachen Turnierfußball erteilte. Wie der kleine Emanuele Giaccherini (31) vom Abstiegskandidaten Bologna den Weltklassetorwart Thibaut Courtois beim 1:0 ausguckte.

Wie der ewige Torwart Gianluigi Buffon (38) triumphierend die Fäuste warf, als Romelu Lukaku den Ball auf der anderen Seite neben den Winkel schlenzte. Und wie der Fahrensmann Graziano Pellè (30) vom englischen Erstligisten South­ampton nach zwei verpassten Großchancen einen Konter mit einem Volleyschuss von derartiger Wucht vollstreckte, dass auch die Ersatzspieler nicht mehr an sich halten konnten. Alle rannten auf den Platz, Buffon kam von hinten, und miteinander versanken sie in den Jubeltrauben dieser Nacht.

Der Führungstreffer für den toten Großvater

Emozioni, grande emozioni. Und Worte für die Ewigkeit. „Dieses Tor ist für meinen Großvater, der mich von klein auf begleitet hat und inzwischen von ganz oben zuschaut“, sagte Giaccherini. „Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Italiener in uns verliebt bleiben.“

Worin genau, präzisierte der überragende Abwehrchef Leonardo Bonucci, Vorbereiter des 1:0 durch einen dieser Steilpässe, die kein Verteidiger in Europa so beherrscht: „Wir haben Demut, Opferbereitschaft und feste Eier.“

Bonucci hat während eines Ferrari-Kaufs mal einen bewaffneten Räuber in die Flucht geschlagen, obwohl der ihm gesagt haben soll: „Bist du wahnsinnig? Ich erschieße dich!“ Beim Thema Männlichkeit verfügt er also über eine gewisse Glaubwürdigkeit.

„Blut, Schweiß und Tränen“

Immer jünger, immer technischer, immer akademischer – das ist der Trend im europäischen Fußball. Womöglich würden es die Italiener genauso machen, wenn sie die Spieler dafür hätten, doch sie haben dafür derzeit nur Marco Verratti, und der fehlt verletzt.

Also schickten sie eine Mannschaft mit dem konterrevolutionären Durchschnittsalter von 31,5 Jahren und mit vermeintlich alten Tugenden auf den Platz. Doch wer den Fußball auch als Oper von Leidenschaft und Schlachtenkunst versteht, der wurde bei diesem Turnier bisher von niemandem besser bedient.

Beim Training in Montpellier schreitet Antonio Conte das Feld im Stechschritt ab. Der drahtige Körper spannt unter dem weißen Teamshirt. Es war nicht zuletzt sein Sieg, wobei die taktisch undefinierten Belgier sich auch als leichtes Opfer erwiesen.

Akribisch hat er die Mannschaft schon am Leistungszentrum Coverciano vorbereitet, bevor es nach Frankreich ging. Der Nachteil: kaum Stars. Der Vorteil: kaum Stars. Formbare Spieler, empfänglich für Contes Diskurs der Solidarität. „Blut, Schweiß und Tränen“ – das sagt er selbst.

Trainer Conte passt perfekt zu den unbeugsamen Helden

Der 46-jährige Apulier fügt sich ja auch als Charakter nur zu gut in das Gesamtkunstwerk seiner unbeugsamen Helden, mit diesen Gesichtszügen, die ein wenig an den Schauspieler Charles Bronson erinnern, und seiner eigenen Leidensfähigkeit – das mit dem Blut übernahm er gegen Belgien jedenfalls persönlich. Nach einem Zusammenstoß beim Jubel über das 1:0 lief es ihm noch eine Stunde später aus der Nase.

Nachmittag in der Casa Azzurri, die diesmal vergleichsweise unbarock daherkommt: Italiens traditionelle Turnier-Begegnungsstätte für Sponsoren, Journalisten und Legenden liegt am Messegelände vor den Toren Montpelliers. Italopop läuft trotzdem, die Kickertische sind aufgebaut. Ist der Titel wirklich möglich?

Bei Pasta und Cappuccino drehen sich die Gespräche erst mal um einen Keks – den „biscotto“ von 2004, als Schweden und Dänemark sich für ein 2:2 verabredeten (italienische Version) bzw. zufällig just das 2:2 erzielten (skandinavische Version), das sie zum Weiterkommen auf Kosten Italiens brauchten. Am Freitag geht es gegen Schweden. Für die glorreich zurückgekehrten Italiener steht also erst mal eine Revanche an. Weitere Missionen danach sind keinesfalls auszuschließen.