Euro2016

Zwei Ex-Herthaner wollen Österreich ärgern

Gegen Ungarn will Österreich den ersten EM-Sieg an sich erringen. Im Weg stehen könnte die hohe Erwartungshaltung – und ein Deutscher.

Ungarns großer Rückhalt: Herthas früherer Keeper Gabor Kiraly

Ungarns großer Rückhalt: Herthas früherer Keeper Gabor Kiraly

Foto: Dean Mouhtaropoulos / Bongarts/Getty Images

Bordeaux.  Wenn er überhaupt vor dem Fernseher sitzen wird, dann doch eher „zufällig“, sagt Valentin Habsburg-Lothringen. Den Ururenkel des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn lässt die Aufregung um das EM-Duell der beiden alten K.-u-k.-Monarchien kalt, ganz anders als die Fans entlang der Donau, die längst ihren Lieblings-Gag aus der Schublade gezogen haben. „Heute spielt Österreich-Ungarn!“ „Ach ja? Gegen wen denn?“ Ein Klassiker, fast so traditionsreich wie die Paarung selbst.

Heute (18 Uhr, ZDF) kommt es bereits zum 137. Aufeinandertreffen der beiden Rivalen, nur die Partie Argentinien gegen Uruguay wurde weltweit häufiger ausgespielt. Im Vergleich zum bislang letzten Duell vor zehn Jahren sind die beiden Fußballnationen allerdings kaum wiederzuerkennen. Beide haben sich neu erfunden, beide sind bewusst neue Wege gegangen. Und: Beide möchten sich in Frankreich auf das nächste Level hieven.

Während Österreich im Turnierverlauf von einer Sensation träumt, will sich Ungarn im Kreis der EM-Teilnehmer etablieren. „Wir müssen zeigen, dass wir zu Recht hier sind“, sagt Ungarns Nationaltrainer Bernd Storck. Die Qualifikation war den Magyaren erst im Play-off geglückt.

Herthas Ex-Coach Storck im Mittelpunkt

Forsche Kampfansagen kommen dem 53-Jährigen nicht über die Lippen, dafür aber klare Vorstellung, die er entschlossen vertritt. Schon in seiner Zeit als Bundesligaprofi in Bochum und Dortmund galt er als unauffällig und robust. Eigenschaften, die er auch in Ungarn unter Beweis gestellt hat. Als Sportdirektor kritisierte er veraltete Strukturen, mahnte die mangelnde Professionalisierung in der Liga an.

Dass er kurz nach seiner Ernennung zum Nationaltrainer das vorhandene Trainerteam entließ, gefiel ebenfalls nicht jedem. Schnell hatte er den Spitznamen Diktator weg. Aber: Storck ließ sich nicht beirren. Gemeinsam mit seinen neuen Co-Trainern Andreas Möller und Holger Gehrke führte er Ungarn erstmals seit 44 Jahren wieder zu einer EM und wurde plötzlich als „Kapitanya“, als Kapitän gefeiert.

Dass Storck nach 20 Jahren als Trainer die große Fußballbühne erklimmt, hat viel mit Hertha BSC zu tun. Beim Hauptstadtklub wirkte Storck von 1996 bis 2002 als Co-Trainer von Jürgen Röber und holte 1997 den jungen Ungarn Pal Dardai nach Berlin. Der Rest ist Geschichte.

Im vergangenen Sommer revanchierte sich Herthas Rekordspieler, indem er Storck als seinen Nachfolger vorschlug. Die Doppelbelastung als Nationaltrainer und Hertha-Chefcoach hatte sich nicht mehr miteinander vereinbaren lassen.

Keeper Kiraly überflügelt Matthäus

Während Dardai bei der EM als TV-Experte für das ungarische Fernsehen arbeitet, steht ein alter Weggefährte noch immer auf dem Platz: Torwart Gabor Kiraly. Herthas einstige Nummer eins (1997 bis 2004), noch immer Fan grauer Schlabberhosen, ist der große Rückhalt in Storcks Team. Gegen Österreich wird er sich endgültig einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern – mit 40 Jahren und 74 Tagen verdrängt er Lothar Matthäus als ältesten Spieler der EM-Geschichte.

„Gabor ist überragend“, sagt Storck, „er hat eine unglaubliche Aura.“ Einen passenderen Gegner für seinen Rekord hätte sich Kiraly übrigens nicht aussuchen können. Gegen Österreich gab der Keeper mit 22 Jahren sein Länderspieldebüt. Damals parierte er einen Elfmeter von Toni Polster.

Heute zählt der frühere Stürmer des 1. FC Köln zu den Experten, die öffentlich Abbitte leisten. Die Entscheidung des österreichischen Verbandes, mit Marcel Koller ausgerechnet einen Schweizer zum Nationaltrainer zu machen, hatte Polster 2011 äußerst kritisch beäugt. Nun gibt er zu: „Koller hat einen Klassejob gemacht.“ Gefühlt steht der 55-Jährige inzwischen kurz vor der Seligsprechung.

Alaba wertvoller als das ganze ungarische Team

Außer 2008, als Österreich als Gastgeber automatisch teilnehmen durfte, scheiterte die Alpennation stets in der EM-Qualifikation. Nun führte Koller sein Team in zehn Spielen zu neun Siegen. Mit seinem ruhigen Führungsstil ist es ihm gelungen, die hochveranlagten Einzelspieler zu einer echten Mannschaft zu entwickeln. Selbst Marko Arnautovic, zu Zeiten bei Werder Bremen eine Mischung aus Skandalnudel und Möchtegern-Ronaldo, agiert inzwischen als Teamplayer.

In Europas Topligen sind Fußballer made in Austria längst ein gefragtes Gut. Christian Fuchs gewann mit Leicester die Premier League, Julian Baumgartlinger brillierte in Mainz, Bayerns David Alaba genießt längst Ikonen-Status. Ein Grund mehr, weshalb die Ansprüche enorm gewachsen sind. Kölns österreichischer Trainer Peter Stöger warnt: „Die Super-Qualifikation birgt die Gefahr, dass man zu viel träumt.“

Alles andere als ein Auftaktsieg käme allerdings einer Blamage gleich, schließlich wird allein Alaba (45 Millionen) fast doppelt so wertvoll eingestuft wie der gesamte ungarische Kader (25,3 Mio). Klingt irgendwie auch wie ein Scherz. Ist aber keiner.