Euro2016

Gerard Piqué rettet Spanien vor einer Blamage

Nach einem Geduldsspiel ist Spanien mit einem Erfolg gegen Tschechien in die EM gestartet. Herthas Darida vergibt Ausgleichschance.

Torschütze Gerard Piqué (u.) lässt sich von Kapitän Sergio Ramos feiern

Torschütze Gerard Piqué (u.) lässt sich von Kapitän Sergio Ramos feiern

Foto: David Ramos / Getty Images

Toulouse. Gerard Piqué, ausgerechnet. Mit all seiner Masse baute er sich vor der spanischen Kurve auf. Der Nationalverteidiger jubelte nicht über seinen Siegtreffer in der 87. Minute, er stand einfach bloß da. Herausfordernd, entschlossen. Auch in dieser Kurve waren sicher ein paar, die ihn lieber nicht für Spanien spielen sähen.

Piqué ist Katalane, macht sich gern über Real Madrid lustig und kann generell etwas vorlaut sein. Das reichte noch beim letzten Testspiel vorige Woche dafür, um im Madrider Vorort Getafe von einem Teil des Publikums bei jeder Ballberührung ausgepfiffen zu werden.

Gleiches war ihm in den vergangenen Jahren auch schon in Städten wie Oviedo, Alicante oder Logroño widerfahren. Dass es nun er war, der mit seinem Kopfballtor auf Flanke seines FC-Barcelona-Teamkollegen Andrés Iniesta beim 1:0 (0:0) gegen Tschechien die Nation erlöste, das konnte man schon besonders finden. „Ich freue mich für ihn, wir kennen ja alle die Vorgeschichte“, sagte Sergio Busquets, ein anderer Barça-Mitspieler.

Katalanen retten das Königreich

Die Ironie, dass ausgerechnet die politisch so widerspenstigen Katalanen das Königreich zu seinen fußballerischen Triumphen führen, ist noch aus den spanischen Glanztagen um den inzwischen abgetretenen Xavi Hernández bekannt. Vom Fußball dieser Ära – EM-Titel 2008 und 2012, WM-Sieg 2010 – ist die Elf von Nationaltrainer Vicente Del Bosque nach den Eindrücken von gestern aber noch ein gewisses Stück entfernt. In Toulouse spielte sie nicht schlecht, aber ohne den letzten Esprit und wie so oft ohne die Tore, die ihre technische Überlegenheit einbringen müssten.

Insbesondere in der ersten Halbzeit wirkte Spanien bisweilen wie eine Schablone seiner selbst – der Nachdruck eines früheren Meisterwerks, selbst für Laien als solche zu durchschauen. Allein der brillante Andrés Iniesta und gelegentlich David Silva unterbrachen die lehrbuchartige Abwicklung eines schwachen Gegners mal mit einer Finesse, nur Mittelstürmer Álvaro Morata kam ab und an zu Chancen. Eine Hereingabe von Silva bugsierte er in die Arme von Peter Cech (16.), der tschechische Weltklassekeeper hielt auch seinen Drehschuss (28.).

Für längere Zeit blieb so die Aufstellung die größte Nachricht dieses Spiels. Vicente Del Bosque war seinen ursprünglichen Überlegungen vor dem Turnier letztlich doch treu geblieben und hatte sich trotz der Sexparty-Affäre von David De Gea für den 25-Jährigen von Manchester United als Torwart entschieden. Eingreifen musste De Gea nur zum Ende jeder Halbzeit.

Tschechischer Trainer enttäuscht

Einen Versuch von Tomas Necid nach einem der wenigen Konter stoppte er ebenso sicher wie den schwierigeren Schuss des Herthaners Vladimir Darida in der Nachspielzeit. Tschechiens beste Gelegenheit hatte zuvor Mittelfeldspieler Cesc Fàbregas entschärft – mit einer kühnen Rettungseinlage kurz vor der Linie nach einer gefährlichen Ablage des Bremers Theodor Gebre Selassie.

Solche Szenen beklagte der tschechische Trainer Pavel Vrba später, als er von Chancen sprach, „wie man sie gegen Spanien nicht oft bekommt. Wir haben auf unserem maximalen Niveau gespielt, es ist schade, dafür nicht zumindest einen Punkt bekommen zu haben“.

Tschechiens maximales Niveau allerdings bedeutete selten mehr als drei Pässe am Stück und die übliche Heroik unterlegener Mannschaften gegen Spanien. Wo der 35-jährige Tomas Rosicky, bei seinem Verein Arsenal bis auf 19 Minuten im Pokal diese Saison nur in der zweiten Mannschaft aktiv, immer noch den Spielaufbau schultern muss, ist gerade nicht die beste Fußballergeneration am Start.

Piqué veredelt Tiki-Taka-Duplikat

Trotzdem hätte es beinahe für einen Achtungserfolg gereicht, denn als Piqué einköpfte, schienen die Tschechen ihren Gegner eigentlich schon zermürbt zu haben. Den stärksten Druck hatte Spanien zu Beginn der zweiten Halbzeit entwickelt, als Ex-Herthaner Roman Hubnik eine Hereingabe von Morata an den Außenpfosten lenkte und nach der anschließenden Ecke erst Nolito und dann Sergio Ramos nur knapp gestoppt werden konnten.

Auch Del Bosques Wechsel – Position für Position in einem durchweg beibehaltenen 4-1-4-1-System – brachten keine neue Zielstrebigkeit. Als nach dem 35-jährigen Mittelstürmer Aritz Aduriz und Bayerns Thiago Alcántara acht Minuten vor Schluss noch Pedro Rodríguez das Spielfeld betrat, ließ sich die spanische Fanmehrheit im grenznahen Toulouse nicht mal mehr von dem unerträglich lauten Kirmeseinpeitscher, pardon: Stadionsprecher, zu sonderlicher Begeisterung animieren.

Bis Piqué kam und das Tiki-Taka-Duplikat doch noch veredelte. Und der Held des Nachmittags konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. Als er gefragt wurde, ob er beim Verlassen des Platzes seinen älteren Sohn gegrüßt habe, antwortete er: „Ja, er stand auf der Tribüne. Im Spanien-Trikot.“