Euro2016

Die deutsche Mannschaft ist noch nicht titelreif

Das deutsche Nationalteam startet mit einem Sieg gegen die Ukraine in die EM, zeigt defensiv aber Schwächen.

Bastian Schweinsteiger freut sich über sein Siegtor. Mario Götze feiert mit

Bastian Schweinsteiger freut sich über sein Siegtor. Mario Götze feiert mit

Foto: Carl Recine / REUTERS

Lille.  In 700 Tagen kann einiges passieren. Man kann zum Beispiel zwei Kinder bekommen, oder ein halbes Studium absolvieren. Und man kann irgendwo auf der Strecke dieser 700 Tage die Souveränität eines Weltmeisters verlieren.

Exakt 700 Tage war das gewonnene WM-Finale von Brasilien her, als die deutsche Nationalelf am Sonntag mit dem ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine in die EM einstieg. 700 Tage zwischen Rio de Janeiro und Lille, in denen der Weltmeister oft wie eine unausgeschlafene Version von sich auftrat und Zweifel aufwarf, ob er sich auch bald Europameister wird nennen können.

Deutschland gewinnt sein Auftaktspiel gegen die Ukraine dank des Kopfballtreffers von Shkodran Mustafi und des Tores von Bastian Schweinsteiger zwar mit 2:0 (1:0). Aber die Souveränität wurde auch beim Start in Frankreich nicht wiedergefunden.

20.000 deutsche Fans

Die 43.035 Zuschauer im Stade Pierre Mauroy von Lille – darunter 20.000 deutsche Fans – sahen, wie die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw zwar in der Offensive bisweilen Erbauliches zu bieten hatte, aber defensiv erschreckend wackelig wirkte.

Bei Gegnern einer größeren Güte als das wackere Team des ukrainischen Coaches Michail Fomenko dürfte das zu wenig sein. „Wir mussten schon ein paar heikle Situationen überstehen“, gestand Löw ein: „Nach vorn hatten wir einige gute Aktionen, müssen aber noch stärker den Abschluss suchen, anstatt uns immer nur hineinzukombinieren.“

Löw hatte in den Tagen vor dem ersten deutschen Auftritt aus seiner Aufstellung ein mittelgroßes Staatsgeheimnis gemacht. Am Ende kam alles so wie erwartet: Rechts in der Viererkette begann Benedikt Höwedes, vorn Mario Götze statt Mario Gomez und im Abwehrzentrum ersetzte Mustafi den noch nicht wieder spieltauglichen Mats Hummels.

Frühe Parade von Manuel Neuer

Mustafi wollte dann offenbar auch spielen wie Hummels, was er besser sein lässt: Kaum waren vier Minuten vergangen, ging der Valencianer ins Dribbling, verlor den Ball prompt, und Yevhen Konopljanka fragte mit einem strammen Schuss bei Manuel Neuer nach, ob der wirklich der echte Manuel Neuer ist. War er. Parade.

Aber Mustafi hatte sich vorgenommen, auch vorn den Hummels zu geben. Der ist bekannt für seine Kopfballstärke. Vor mehr als 700 Tagen beim deutschen Auftaktspiel der WM gegen Portugal traf Hummels nach einem Standard von Toni Kroos mit dem Schädel.

Also? In der Gegenwart von Lille lief Kroos zum Freistoß an, hob ihn in den ukrainischen Strafraum, und Mustafi köpfte wuchtig zum 1:0 (19.). Es war sein erste Länderspieltor (im elften Einsatz) und eine schöne Bestätigung für Löw.

Defensive Anfälligkeiten

Früher mögen Freistöße und Ecken für den Ästheten nur Mittel für Minderbegabte gewesen sein. In der 19-tägigen EM-Vorbereitung ließ der 56-Jährige aber nun mit einer neuen Trainingsform verstärkt an Standardsituationen gewerkelt. Das zahlte sich gegen die Ukraine aus.

Und fast hätte es sogar 2:0 gestanden, als Kroos einen Pass spielte, aber Sami Khedira diesen nicht nutzen konnte. Der Mittelfeldadjutant vergab freistehend (29.). Später sollte er es mit einem Gewaltschuss probieren. Andrey Pjatov im Tor parierte (61.).

So schön das vorn manches Mal aussah, defensiv zeigte Löws Elf weiter enorme Anfälligkeiten wie in den vergangenen 700 Tagen: Bei gegnerischen Standards – Yevhen Chatscheridi zwang Neuer zur Parade (27.) – ebenso wie aus dem Spiel heraus.

Löw ist doppelter Rekordhalter

Neuer war schon geschlagen, da warf sich Jerome Boateng in einen Schuss und schabte im Fallen noch das Spielgerät von der Linie (37.). Andere hätten sich dabei sämtliche Knochen im Leib gebrochen. Boateng verzog keine Miene. Und bekam ein Lob vom Bundestrainer. „Es ist gut, wenn man einen Jerome als Nachbar hat in der Abwehr“, sagte Löw.

Löw darf sich nun als doppelter Rekordhalter fühlen: Mit der Partie gegen die Ukraine kommt er auf zwölf EM-Spiele und lässt damit Berti Vogts (elf) hinter sich. Und er ist nun der erste Trainer, der drei Mal in Folge mit seiner Mannschaft beim paneuropäischen Turnier dabei war.

Einmal im Finale (2008) und ein Mal im Halbfinale (2012) war für Löw bei seinen beiden EM-Turnieren bisher Schluss. Nun hätte er es gern, dass zu den zwölf EM-Partien in seiner Vita noch sechs weitere dazukommen würden – inklusive EM-Finale am 10. Juli in Paris. Aber dafür muss sein Team an Stabilität gewinnen.

Schweinsteiger trifft kurz nach seiner Einwechslung

Wieder musste Neuer, der diesmal von Löw als Kapitän bestimmt wurde, retten: Yaroslav Rakizki hatte es per strammen Freistoß versucht (57.). Vorn vergaben der bemühte Julian Draxler (69.) per Kopf und Thomas Müller (75.) aus der Entfernung die Chance, Löw einen entspannteren Restabend zu schenken.

Und auch dem eingewechselte André Schürrle gelang ebenso nicht das erlösende 2:0 (82., 84.) wie dem schwachen Mesut Özil (87.). Erst der gerade eingewechselte Schweinsteiger sicherte den Sieg in der Nachspielzeit.

„Alles ist sehr gut. Meine Verletzung ist ausgeheilt, ich fühle mich gut“, sagte Schweinsteiger: „Der Weg nach dem Jubel war lang, ich bin ein bisschen außer Atem. Es war unglaublich, dass es so etwas gibt, kann man sich nur wünschen. Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft gewinnt.“ Auch wenn es noch einiges zu verbessern gibt.