Euro2016

Spanien leidet unter einer verhängnisvollen Sex-Affäre

Durch die Ermittlungen gegen David De Gea gerät der Titelverteidiger unter Druck. Es geht um eine Beziehung zu einem Pornoproduzenten.

Foto: SUSANA VERA / REUTERS

Toulouse.  David De Gea galt schon immer als besonders abgeklärt. Während Premier-League-Spielen mit seinem Verein Manchester United erkundigt er sich in der Halbzeitpause gern nach den Ergebnissen aus Spanien. Die spärlichen Informationen der letzten Tage aus dem hermetisch abgeriegelten spanischen Quartier fügen sich insofern ins Bild: Er habe über das Wochenende ganz normal trainiert und ganz normal geschlafen, heißt es.

Wahrscheinlich wird dieser „Torwart aus Eis“ („El País“) trotz der Berichte über eine mindestens unappetitliche, womöglich strafrechtliche relevante Beziehung zu dem inhaftierten Pornoproduzenten „Torbe“ zum EM-Auftakt gegen Tschechien (15 Uhr, ARD) auch ganz normal halten – wenn ihn Nationaltrainer Vicente Del Bosque heute in Toulouse wirklich aufbietet.

„Die endgültige Entscheidung fällt am Spieltag“, erklärte Del Bosque. Unabhängig von den neuesten Entwicklungen ringt er seit Monaten mit der Frage, ob er weiter wie in der EM-Qualifikation auf den in der Nationalelf seit acht Spielen unbezwungenen Altmeister Iker Casillas (35) setzen soll – oder wegen der besseren Klubsaison des zehn Jahre jüngeren De Gea einen historischen Wechsel vornimmt: Es wäre das erste Turnier seit 2000, das der 167-malige Auswahlspieler Casillas nicht als Stammkeeper beginnt.

„Spanien unter Spannung“

Weder der Trainer noch die vor ihm zum Pressetermin geschickten Veteranen Andrés Iniesta und Sergio Ramos machten gestern einen wirklich lockeren Eindruck. Kein Wunder – die Affäre um De Gea hat den beträchtlichen Druck weiter erhöht. WM-Debakel vor zwei Jahren mit dem Aus nach zwei Gruppenspielen, wenig Glanz seitdem, notorische Probleme mit dem Toreschießen und zuletzt eine 0:1-Generalprobe gegen den Weltranglisten-137. Georgien. „Spanien unter Spannung“, befindet die Tageszeitung „El Mundo“ und stellt für die Partie gegen den wohl schwächsten Gruppengegner zwei Alternativen in Aussicht: „Gewinnen oder explodieren“.

Wie Casillas, Iniesta, Cesc Fàbregas und David Silva stand Sergio Ramos schon 2008 beim ersten Titelgewinn seiner Generation in der Startelf. „Es war eine unangenehme Nachricht“, sagte der Vize-Kapitän nun über den Fall De Gea: „Er hat ja schon selbst gesprochen (der Torwart wies die Vorwürfe am Freitag als Lügen zurück, d. Red.), so dass wir alle weiteren Fragen zum Thema nicht beantworten werden“.

Öffentlich versichern alle Mitspieler dem Keeper ihre uneingeschränkte Loyalität. Privat sollen manche der Routiniers alles andere als glücklich darüber sein, dass die nachrückende Generation das bisher unbefleckte Image der Mannschaft verändert. Die Spanier gewannen ja bis 2012 nicht nur drei Titel am Stück und begeisterten mit ihrem Fußball – sie galten in der Zeit auch als vorbildliche Sportsleute.

Umfragen sehen wieder Casillas vorne

Unter den Fans der „selección“ hat sich die Stimmung gedreht. Wo bisher der Einsatz von De Gea gefordert wurde, möchte die Mehrheit im Umfragen jetzt doch wieder Casillas sehen. Moralische Bedenken spielen bestimmt eine Rolle. Wohl aber auch die Erwägung, dass De Gea einem noch grelleren Rampenlicht nicht gewachsen sein könnte. „Wenn die Leistung des Spielers beeinträchtigt werden könnte, würde ich entsprechend handeln“, versuchte Del Bosque solche Sorgen zu beruhigen.

Ob De Gea ein Verfahren droht, werden Ermittlungsrichter und Staatsanwaltschaft in den nächsten Wochen entscheiden. Laut den Enthüllungen von „El Diario“ sagte eine früher von „Torbe“ erpresste Zeugin aus, dass der Torwart im Jahr 2012 ein Treffen in einem Madrider Hotel arrangiert habe, bei dem sie von seinem ehemaligen U21-Mitspieler Iker Muniain (Athletic Bilbao) und einem weiteren Fußballer zu sexuellen Handlungen gezwungen worden sei.

In Spanien fragt man sich nun: Hat er ein reines Gewissen? Oder ist er einfach nur unverschämt abgezockt? Im Training wirkte De Gea auch gestern unbeeindruckt.