Euro2016

Italien entdeckt die neue Bescheidenheit

Der EM-Finalist von 2012 setzt diesmal auf brave Arbeit als auf Extravaganz – und unterstreicht das bei der Wahl des EM-Quartiers.

Foto: Claudio Villa / Getty Images

Montpellier.  Diese Pflichtaufgabe wollte Antonio Conte augenfällig flugs hinter sich bringen. Ein Lächeln für die Blitzlichter, Händeschütteln mit dem Bürgermeister von Montpellier und Italiens Botschafter.

Dann war die „Casa Azzurri“ offiziell eingeweiht, und der Nationaltrainer durfte endlich wieder ins „Marriot Courtyard“, um über Personalien und taktischen Schemata zu brüten. „Wir haben eine ruhige Stadt ausgesucht und eine ganz normale Herberge, denn ich will mich mittendrin in der EM fühlen“, sagte Conte über das sein Vier-Sterne-Hotel im Zentrum.

Die suggerierte Spitze nahmen seine Zuhörer zur Kenntnis. Vor zwei Jahren in Brasilien residierten die Italiener auf Geheiß von Coach Cesare Prandelli samt Kind und Kegel schließlich noch im edlen „Mangaratiba Resort“ und schieden bereits nach der Vorrunde aus.

Gemäß Sergeant Contes Dogma kämen Prunk, Ablenkung und Familienbande im Quartier freilich einer Ungeheuerlichkeit gleich. Der Trainer erwähnte auch den naheliegenden Flughafen als Bonus, was unbeabsichtigt zur notorischen Skepsis der Tifosi passte.

Viertältester Kader im Turnier

Das Gros rechnet durchaus mit einer zeitigen Heimreise ihrer „Nazionale“, und die Zweifler kramten vorsichtshalber nach allerhand beunruhigenden Statistiken. Mit 28 Jahren und zehn Monaten notieren die Azzurri den viertältesten Turnier-Kader, der zweitälteste überhaupt in Italiens EM-Geschichte.

Die fünf auserwählten Angreifer haben insgesamt nur elf Mal für Italien getroffen – seit 1986 ging man nicht mehr mit einer derart mauen Sturmstatistik in eine Endrunde. Zudem fallen in Claudio Marchisio (Juventus) und Marco Verratti (Paris St. Germain) zwei essenzielle Spieler im zentralen Mittelfeld aus.

Es hat schon bessere Vorbereitungen und hochwertigere internationale Qualität der Squadra Azzurra vor einem Turnier gegeben. Von den Weltmeistern 2006 gehören noch Kapitän Gigi Buffon (38) und Daniele de Rossi (32) zu den Frankreich-Fahrern, nach den Tottis, Nestas, Cannavaros, Del Pieros oder Pirlos fahndet man jedoch vergeblich.

Conte mustert die früheren Stars Balotelli und Pirlo aus

„Es ist kein Geheimnis, dass der Calcio ein Generationsproblem besitzt. Aber die beste Auswahl befindet sich in Frankreich, und Jammern macht wenig Sinn. Wir müssen eben besser als die anderen vorbereitet sein“, sagt Conte.

Der 37-jährige Andrea Pirlo rechnete sich immerhin Chancen aus, doch sein Wechsel zu New York City FC ließ den „Architekten“ beim Coach durchfallen. Dass ihm Fußball-Amerika deshalb Provinzialismus vorwarf, ließ Conte ebenso kalt wie der leise grummelnde Mario Balotelli.

„Ich freue mich auf die EM“, hatte der im Winter gejauchzt, und Conte erwiderte: „Wo? Vor dem Fernseher?“ Nicht ganz. Zum Turnierstart tollte er sich im Vergnügungspark „Gardaland“. Bohrende Nachfragen ob seiner Nichtnominierung würgte der Nationalcoach jüngst brüsk ab: „Ich rede lieber über echte Profis.“ Pirlo und Balotelli hätten Italien kaum weitergeholfen. Das Gefühl im Fuß altert nicht, dafür Knochen und Dynamik – das war Pirlo in intensiven Partien anzumerken.

Nur noch eine Parodie seiner sellbst

Balotelli indes erlebte sein letztes heroisches Szenario im EM-Halbfinale 2012 gegen Deutschland. Jener vermeintliche Star, der mit 25 Jahren mehr Comebacks im Curriculum führt als manch verblasste Altrocker, die einstiger Glorie nachtrauern.

Er ist das Phänomen, das bei der Ankunft glücklich macht und beim Abschied glücklicher. Eine Parodie von sich selbst, die auf bizarre Weise mit jedem Wechsel mehr Gehalt einstreicht. Milan schob die Ausleihe nach 20 vornehmlich phlegmatischen Ligaeinsätzen und einem Tor erleichtert zurück nach Liverpool. Soll sich Jürgen Klopp mit ihm herumärgern.

Ohne Grandezza müssen es vor dem exquisiten Abwehrblock von Meister Juventus eben auf internationalem Niveau recht unerfahrene Leute richten. Eine Elf der Arbeiter mit einer Prise Verve auf den Außenbahnen.

Pressen, Schuften, Attackieren

Seit zwei Jahren bewege sich der Calcio im Schneckentempo, und der Nationaltrainer sei nichts weiter als ein Amboss, knurrte Conte und geht ab Juli zu Chelsea. Zuvor übernimmt er in Frankreich noch einmal den Part des Hammers. Pressen, Schuften, Attackieren – Kopf runter und in die Pedale treten, ähnlich wie in seinen Turiner Erfolgsjahren. Fallen, selbstbewusster wieder aufstehen, alle Hindernisse aus dem Weg boxen.

Der 46-Jährige predigt Demut und Aufopferung, ein Perfektionist, der bei einer 4:0-Führung über einen Fehlpass tobsüchtig an der Seitenlinie hüpft. Es ist sein Naturell, und man kann das mögen oder nicht. In der momentanen Lage bedeutet „Italiens Mourinho“ jedenfalls die stimmigste Lösung, den Azzurri probate Taktik, Physis und Motivation einzubläuen.

Bereits der Auftakt gegen talentierte Belgier wird Aufschluss über den Standort Italiens geben. In der ungemütlichen Gruppe warten außerdem Irland und Schweden mit Zlatan Ibrahimovic, der die Azzurri 2004 per Hackentor in der Gruppenphase eliminierte.

Conte heißt „Märchen“

„Niemand hat uns auf dem Zettel. Das spornt uns umso mehr an, das Favoritenklassement durchzumischen“, verriet Buffon. Laut Trainer bedarf es dazu der kontinuierlichen Schmerzgrenze und „natürlich auch einer Portion Glück“. „Ohne die großen Stars stehen wir gewiss nicht auf dem Favoriten-Radar, sondern in der zweiten Reihe.“ Es liegt an den Azzurri, Europa und sich selbst vom Gegenteil zu überzeugen.

Überrascht uns!“ wünschte sich die „Gazzetta dello Sport“, die zum Turnierstart mit einem Schuss erlaubtem Pathos nicht in rosa, sondern den Farben der Trikolore erschien. Conte bedeute auf Französisch übrigens Märchen – und das würde das angekratzte Selbstbewusstsein Fußballitaliens in den kommenden Wochen unheimlich gern erzählt bekommen.