Fußball-EM

Krawalle überschatten auch das Spiel England-Russland

England hat gegen Russland zwar dominant gespielt, schaffte aber dennoch nur ein Remis. Die Fans gingen auch im Stadion aufeinander los.

Kurz vor Ende des Spiel gehen die Fans aufeinander los

Kurz vor Ende des Spiel gehen die Fans aufeinander los

Foto: Alex Livesey / Getty Images

Marseille.  Dominant, erfrischend, erfolglos – England hat mit seiner jungen Mannschaft zum EM-Auftakt phasenweise begeistert, aber einen Sieg in letzter Minute verspielt. Das 1:1 (0:0) gegen Russland in einer Begegnung, in dessen Vorfeld in Marseille schwere Krawalle losbrachen und sich das hässliche Gesicht des Fußballs zeigte, lässt den Three Lions jedoch alle Chancen auf den Achtelfinaleinzug in der Gruppe B mit Wales und der Slowakei.

Die Sbornaja ließ das Spiel weitgehend teilnahmslos über sich ergehen. Die mangelnde Konsequenz der Engländer war das Glück des Außenseiters, bei dem der frisch eingebürgerte Roman Neustädter 78 Minuten spielte. Erst nach dem englischen 1:0 durch einen Freistoß von Eric Dier (73.) bäumten sich die Russen auf, was durch Denis Gluschakows Ausgleich in der zweiten Minute der Nachspielzeit belohnt wurde. Kapitän Wayne Rooney hatte zuvor die beste englische Chance besessen – Torhüter Igor Akinfejew lenkte den Ball überragend an die Querlatte (71.).

Rooney im Mittelfeld, Kane allein in der Spitze

Englands Co-Trainer Ray Lewington hatte zum Vergnügen der Boulevardpresse vorab versehentlich Teile der Aufstellung preisgegeben, die wirkliche Formation offenbarte Chefcoach Roy Hodgson eine Stunde vor dem Abpfiff. Rooney spielte halblinks im Mittelfeld, Harry Kane von Tottenham Hotspur allein in der Spitze. Die Three Lions begannen aggressiver, erste Versuche von Lallana und Chris Smalling parierte der sichere Akinfejew (6./12.). Russland wagte sich erst nach einer Viertelstunde zaghaft in die englische Hälfte. So bekam Torhüter Joe Hart von Manchester City auch mal den Ball zu fangen. Der Druck der Engländer stieg danach minütlich: Raheem Sterling wurde in letzter Sekunde geblockt (24.), Rooney versuchte es volley (34.).

Der alternde Star von Manchester United, 30, führte seine Kollegen, spielte anfangs kluge Pässe und eroberte mehrfach den Ball, dann tauchte er lange ab. Dadurch bekam Russland Zeit. Dennoch vergingen 62 Minuten, ehe die Mannschaft von Trainer Leonid Sluzki erstmals gefährlich wurde. Ein Raunen ging durchs Stadion, als Stürmer Fjodor Smolow von Kuban Krasnodar einen Schlenzer mit rechts knapp neben das Tor setzte. Nun meldeten sich auch die russischen Fans lautstark zu Wort.

Im majestätischen Stadion blieb es während des Spiels zunächst friedlich - und Roman Petrowitsch Neustädter sang unter Pfiffen der 40.000 Engländer vor dem Anpfiff Arm in Arm mit seinen Teamkollegen die russische Hymne. Der Defensivmann von Schalke 04, der vom Staatspräsidenten Wladimir Putin höchstpersönlich per Schnellverfahren eingebürgert worden war, bekam seine Chance und spielte ordentlich, ohne großen Einfluss zu nehmen. Aber am Ende war auch dies nur eine Randerscheinung einer Partie, die vor allem deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil im Umfeld so viel geschah.

Stunden vor dem Spiel war es zu schweren Ausschreitungen in der Innenstadt Marseilles gekommen. Ein englischer Fan schwebte in Lebengefahr. Videobilder zeigen, wie der Mann auf der Straße von Sicherheitskräften wiederbelebt werden musste. Die Krawalle in der südfranzösischen Metropole gingen über Stunden. Es gab mindestens fünf verletzte Personen und sechs Festnahmen. Die Randale hatte bereits am Mittag in der Nähe des alten Hafens begonnen und setzte sich kurz vor Anpfiff vor dem Stade Vélodrome fort, als die Polizei erneut Wasserwerfer und Tränengas einsetzte.

Krawalle auch im Stadion

Kurz vor dem Ende des Spiels kam es dann auch im Stadion zu Ausschreitungen. Russische und englische Fußball-Anhänger gingen im Stade Vélodrome aufeinander los. Auslöser waren offenbar russische Zuschauer, die hinter dem Tor von Englands Keeper Joe Hart auf in benachbarten Blöcken sitzende englische Fans losstürmten. Einige Zuschauer mussten sogar in den Innenraum springen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Schon während der Partie, bei der Russland in der Nachspielzeit noch den 1:1-Ausgleich erzielte, waren einige Male Leuchtraketen aus dem russischen Block abgefeuert worden. Auch ein lauter Böller war zu hören. Vor der Begegnung hatte es den ganzen Tag über Auseinandersetzungen mit mehreren Verletzten in der Stadt gegeben.

Fans treten aufeinander ein

Bilder der Ausschreitungen zwischen Hunderten Beteiligten aus England, Russland und Frankreich am Mittag zeigen, wie Fans am Boden liegen, andere treten auf sie ein. Im französischen Fernsehen waren blutüberströmte Personen, fliegende Stühle und Mülleimer zu sehen, in den Straßen spielten sich Jagdszenen ab.

„Die Uefa verurteilt die Vorfälle in Marseille aufs Schärfste. Personen, die in solche Gewalttaten involviert sind, haben keinen Platz im Fußball“, teilte die Europäische Fußball-Union mit. Zunächst waren 250 Polizisten und Angehörige der Gendarmerie im Einsatz, weitere Kräfte wurden hinzugezogen, am Himmel kreiste ein Hubschrauber. „Die Polizei hat in Auseinandersetzungen eingegriffen, an denen Fans aus England, Russland und Frankreich beteiligt waren. Es war massiv“, sagte der lokale Polizeichef Laurent Nunez der Nachrichtenagentur AFP.

Hooligans mit abgeschlagenen Flaschen in der Hand

Viele der Rowdys seien alkoholisiert gewesen, teilte ein Behördensprecher mit. Nach dem Polizeieinsatz flüchteten viele der Hooligans in Seitenstraßen, wo sich die Kämpfe teilweise fortsetzten. Einige Personen warteten dort mit abgeschlagenen Flaschen in der Hand. „Wir sind enttäuscht von diesen Ereignissen und bitten alle Anhänger, die nach Frankreich kommen, sich respektvoll zu benehmen“, hieß es in einer offiziellen Erklärung des englischen Fußball-Verbandes FA.