Euro 2016

Nordirland und der verrückte Weg über den Ärmelkanal

Für Turnier-Neuling Nordirland beginnt das EM-Abenteuer gegen Polen. Über ein ungewöhnliches Team – und noch ungewöhnlichere Fans.

Trainer Michael O'Neill (oben) will Nordirland bei der Europameisterschaft zur nächsten Sensation führen

Trainer Michael O'Neill (oben) will Nordirland bei der Europameisterschaft zur nächsten Sensation führen

Foto: Andrew Paton / dpa

St. Georges-de-Reneins.  Eddie Irvine kennt seine Pappenheimer ganz genau. Der Monstertrip eines unerschrockenen Fußballfans über mehr als 2000 Kilometer überrascht den früheren Formel-1-Piloten daher überhaupt nicht. „Die meisten Leute aus Nordirland sind verrückt“, sagte Irvine, „aber das müssen sie auch sein.“ Vor allem, wenn das nötige Kleingeld fehlt.

So erging es Darren Dunne, einem dieser verrückten Vögel von der Insel. Weil er sich weder den Flug von Belfast nach Nizza noch die passende Unterkunft leisten kann, reiste er kurzerhand mit seinem grünen Wohnwagen aus dem beschaulichen Donaghadee nach Südfrankreich, wo am Sonntag (18 Uhr, ARD) die Nordiren gegen Polen ihr EM-Debüt feiern.

Exakt 2046 Kilometer sind das, Dunne und seine klapprige Kiste haben es mittlerweile auch deshalb zu Berühmtheit gebracht. „Wir hoffen, dass es nicht regnet. Die Farben sind nicht wasserfest“, sagte Dunne dem Magazin „11 Freunde“.

Eddie Irvine als Edelfan

In großen weißen Lettern wird etwa Nordirlands Legende George Best gehuldigt, auch Fan-Liebling Will Grigg ist auf dem Gefährt erwähnt, in dessen Inneren sich einige Liter des regionalen Likörweins Buckfast befinden. Der Sender BBC hat Dunne und seine Freunde sogar mit Kameras ausgestattet, um das Abenteuer zu dokumentieren.

Es ist daher gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich die Wege mit Irvine kreuzen werden. „Wenn in Frankreich das Guiness ausgeht, machen wir einfach mit dem nächsten Drink weiter“, verspricht Irvine. Ob die Speicher an der Côte d'Azur ausreichend mit dem rauchigen Extra Stout gefüllt sind? „Nach dem Mittagessen“, sagt er jedenfalls, werde es „nichts mehr zu trinken geben. Man sollte also lieber früher in der Stadt sein.“

Der 50-Jährige, einst Kollege von Michael Schumacher, wird gemeinsam mit seinen Cousins das erste EM-Spiel in der nordirischen Geschichte live im Stadion verfolgen. Und nach Ansicht der Spieler selbst ist durchaus möglich, dass die Mannschaft von Trainer Michael O’Neill schon gegen die Polen um Starangreifer Robert Lewandowski für eine Überraschung sorgt.

Torjäger Lafferty meldet sich fit

„Es ist absolut in Ordnung, wenn uns die Leute unterschätzen. Das können sie ruhig tun“, sagte Mittelfeldspieler Oliver Norwood: „Aber wenn sie es tun, dann werden sie den Schock ihres Lebens erfahren.“ Der dreimalige WM-Teilnehmer (1958, 1982, 1986) rekrutiert sich vornehmlich aus Spielern der zweiten englischen Liga sowie kleinen schottischen Klubs. Die wenigen Profis, die in der englischen Premier League ihr Geld verdienen, stehen zumeist in der Abwehr.

Doch der wahre Grund für die Zuversicht der „Norn Iron“ genannten Nordiren ist Kyle Lafferty. Oder besser gesagt: dessen aktuelles Wohlbefinden. Am Mittwoch konnte der 28-jährige Torjäger wegen einer Leistenblessur nur auf dem Ergometer trainieren, am trainingsfreien Donnerstag folgte aber via Twitter mit dem Daumen nach oben die Entwarnung. Nicht nur die Teamkollegen atmeten auf.

Mehr als ein Außenseiter

„Das Team gibt mir täglich das Gefühl, dass ich etwas bewegen kann“, sagte Lafferty. Dieses Vertrauen zahlte er in der Qualifikation zurück. Mit sieben von 16 Treffern erzielte er auf dem Weg zum Gruppensieg vor Rumänien und Ungarn fast die Hälfte aller Tore für die Briten. Und sein Humor spiegelt den Teamgeist perfekt wider. Auf die Frage nach den Wunschgegner für die EM antwortete Lafferty prompt: „Argentinien wäre toll. Oder Brasilien.“

Das Außenseiter-Motto „Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie“ will der Angreifer dann aber doch nicht so stehen lassen. „Wir sind in Frankreich, um unsere Fans stolz zu machen. Wir wollen als eine Mannschaft in Erinnerung bleiben, die einen weiten Weg zurückgelegt hat“, sagte Lafferty. Darren Dunne hat das schon getan.