Em 1996 in England

„Selfies aus der Kabine würde ich nie zulassen“

Berti Vogts über den Wandel der Spielercharaktere, den Unsinn von Trainer-Zetteln und deutsche Chancen in Frankreich .

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Berlin.  Den letzten Europameistertitel holte Deutschland 1996 in England. Trainer war damals Berti Vogts (69).

Herr Vogts, Sie sind der bis dato letzte deutsche Europameistertrainer. Als Sie 1996 in Wembley La Ola gemacht haben: Was ging da in Ihnen vor?

Berti Vogts: Ich war nie der Typ, der in die Kurve ging. Aber die Zuschauer haben mich gefordert, sodass es für mich der Zeitpunkt war, danke zu sagen, mich zu verbeugen. Unsere Mannschaft wurde getragen von einer tollen Gemeinschaft – so wie 1970 in Mexiko oder auch zuletzt 2014 in Brasilien. Die Gemeinschaft ist es, einzelne besondere Spieler können immer nur das i-Tüpfelchen setzen.

„Thomas Müller weiß manchmal gar nicht, was er macht“

Einer dieser besonderen Spieler ist Thomas Müller. Ist er der deutsche Spieler mit den größten Fähigkeiten?

Er hat schon den richtigen Namen, ich vergleiche ihn oft mit Gerd Müller. Thomas Müller weiß manchmal gar nicht, was er macht. Darum ist es so schwierig, gegen ihn zu spielen. Super! Und dann hat er wieder eine Gurke dabei, bei der du denkst: Wie kann der Ball reingehen? Das war bei Gerd Müller genauso: mal mit dem Hinterkopf, dann mit der Hacke. Ich liebe Thomas Müller! Auch wie er sich äußert – ein super Junge. Weil er immer Spaß hat und, ja, Fußball lebt.

Viele Bayern-Stars sind dabei, die geprägt sind vom System ihres Ex-Trainers Pep Guardiola. Dazu kommen viele Spieler anderer Vereine. Wie schwierig ist es für den Bundestrainer, eine Einheit zu bilden?

Er muss schon Rücksicht nehmen auf die Spieler von Bayern – und dann eine Brücke bauen zum Beispiel zu den Spielern von Dortmund. 1974 waren sieben Bayern-Spieler dabei und vier Gladbacher. Gladbach hat unglaublich schnell nach vorn gespielt, Bayern damals schon sehr auf Kontrolle und Ballbesitz gesetzt – damit der Franz Beckenbauer immer am Ball war (lacht). Für einen Bundestrainer ist es herrlich, wenn er zwei große Blöcke hat.

Wenn die Europameister von 1996 gegen die aktuelle Nationalmannschaft spielen würden ...

...diese Vergleiche sind Blödsinn. Ja, früher war das Spiel langsamer. Früher wurde aber auch weniger trainiert! Jede Mannschaft für sich war in der jeweiligen Zeit und unter Berücksichtigung der Umstände Extraklasse – in den Siebzigerjahren, in den Neunzigerjahren, heute. Im Übrigen finde ich das total übertrieben, dass heute im Fernsehen immer die Anzahl der Ballkontakte gezählt wird. Da kann man manchmal nicht mehr hinschauen, wenn eine Mannschaft 80 Prozent Ballbesitz hat, aber nur einmal aufs Tor schießt. Das ist nicht unser Fußball! Joachim Löw hat eine sehr gute Zwischenlösung gefunden: mit Ballbestimmtheit und blitzschnellen Pässen in die Tiefe, durch die man zum Abschluss kommt. Das gab es früher aber auch, genau wie den freien Mann in der Abwehr. Nein, eine andere Sache hat sich da eher verändert.

Welche?

Heutzutage hat man es immer weniger mit Charakteren zu tun, die es in jeder großen deutschen Mannschaft gab. Heute sind das angepasste junge Menschen, die leider zu sehr geprägt werden von ihren Managern. Das ist eine große Gefahr für den Fußball! Jeder Fußballer ist eine kleine Ich-AG. Früher gab es Fußball, Fußball, Fußball – heute ist oft wichtig, ein Selfie zu machen. Sogar im Eiswasser. Ich würde das nicht zulassen. Ich wäre stocksauer, wenn einer aus der Kabine ein Selfie machen würde. Nach dem Spiel geht es darum, das Spiel aufzuarbeiten, sich auch mal die Meinung zu geigen: „Ich bin da dreimal umsonst die Linie rauf- und runtergerannt – und du Clown spielst immer auf die andere Seite.“ Solche Gespräche finden immer weniger statt. Man muss sich positiv streiten.

„Ich stelle mir vor, Hennes Weisweiler hätte mir einen Zettel gegeben“

Wie sieht der Fußball der Zukunft aus?

Ich hoffe sehr auf die DFB-Sportakademie. Nicht positionsbezogenes Training ist die Zukunft – sondern talentbezogenes Training! Wer hat welche Stärken? Und wie können wir die weiter fördern und ausbauen? Wenn ich diesen Trend sehe, dass Trainer neuerdings Zettel auf den Platz geben mit taktischen Anweisungen – da werfe ich mich weg. Ich stelle mir vor, Hennes Weisweiler hätte mir einen Zettel gegeben, und ich hätte ihn weiter an Günter Netzer gegeben. Er hätte gesagt: Habt ihr sie noch alle? Ist der Trainer nicht in der Lage, das verbal zu organisieren?

Manuel Neuer …

...ist der beste Torwart der Welt. Er hat ein neues Torwartspiel entwickelt – und sogar noch mehr. Früher hat man oft gesagt: Wenn Torhüter reden, muss man besser weghören, das ist eine Spezies für sich. Manuel Neuer kann man zuhören. Was er sagt, hat Hand und Fuß. Und technisch ist er so stark, der könnte im defensiven Mittelfeld spielen!

Wo lauern für Deutschland Gefahren?

Im Mittelfeld. Wenn der Gegner schnelle Spieler gegen unsere technisch starken, aber nicht unbedingt schnellsten Spieler setzt und diese mit großen Freiheiten ausstattet, dann können wir in Unterzahl geraten. Alle Trainer werden versuchen, ein Gegenmittel zu finden.

Wie groß ist der Druck auf Löw?

Er hat alles erreicht.

Er ist noch kein Europameister!

Er kann aber sagen: Ich bin Weltmeister. Jeder Trainer hat Druck. Joachim Löw hat gezeigt, dass er es kann – und er hat ein intaktes Umfeld, ein tolles Team hinter sich.

Wer ist Ihr EM-Favorit?

Der Weltmeister ist von Haus aus auch der Topfavorit. Das ist die Mannschaft, die von allen gejagt wird. Darauf müssen sich dementsprechend alle einstellen. Mein Favorit aber ist Frankreich. Sie haben ein Heimspiel, zu Hause wachsen sie oft über sich hinaus. Sie haben die Zeit genutzt, sind hungrig. Hoffentlich nicht hungriger als eine Mannschaft, die zuletzt Weltmeister geworden ist…