Europameisterschaft

Ukrainischer Journalist: „Nur der Fußball eint unser Land“

Die Ukraine hat andere Sorgen als eine stabile Abwehr. Die Europameisterschaft ist für sie mehr als nur ein Fußballturnier.

Hoffnungsträger der Ukraine: Stürmer Andrij Jarmolenko (l.) und Verteidiger Artem Fedetskyy

Hoffnungsträger der Ukraine: Stürmer Andrij Jarmolenko (l.) und Verteidiger Artem Fedetskyy

Foto: Darko Bandic / picture alliance / AP Photo

Évian-les-Bains.  Der Flug ist längst gebucht. An diesem Sonnabend geht es los. Erst von Kiew nach Paris. Und dann am Sonntag weiter nach Lille. „Es ist das erste Mal, dass sich die Ukraine sportlich für eine EM qualifiziert hat. Da will man natürlich dabei sein“, sagt Denis Trubetskoy, der im Stade Pierre-Mauroy vor Ort sein wird, wenn am Abend (21 Uhr/ARD) die Sbirna, die Mannschaft, auf „La Mannschaft“ trifft.

Denis Trubetskoy ist Journalist. Sportjournalist. Und politischer Journalist. Eine gute Mischung. Denn in der Ukraine weiß man ohnehin nicht so genau, ob es zwischen dem einen und dem anderen zuletzt einen großen Unterschied gab. „Fußball ist Politik“, sagt der 23 Jahre alte Autor. „Das ist wohl überall auf der Welt so. Aber nirgendwo ist das so ausgeprägt wie in der Ukraine, besonders bei dieser EM.“

Die Ukraine, gemeinsam mit Polen der Co-Gastgeber der vergangenen Europameisterschaft, ist ein zerrüttetes Land. Seit mehr als zwei Jahren hält „Europas vergessener Krieg“ („Der Spiegel“) zwischen der Ukraine und Russland nun bereits an. 9400 Opfer soll es gegeben haben. Längst kann man von einem Konflikt sprechen, der das ganze Land in Pro-Russland und Pro-Westen spaltet. Die ganze Nation – und die ganze Nationalmannschaft.

14 Profis der Erzrivalen dabei

Auf der einen Seite die Profis von Dynamo Kiew, mutmaßlich pro-westlich, auf der anderen Seite die Fußballer von Schachtjor Donezk, mutmaßlich pro-russisch. 14 Profis der beiden Erzrivalen, die sich nicht nur sportlich bekriegen, sind bei dieser Europameisterschaft dabei. Dazu kommen noch drei Russland-Legionäre, die Trainer Michail Fomenko trotz großer Proteste im Land für das Turnier nominierte.

Der Tiefpunkt: Am 1. Mai hatte Kiews Andrij Jarmolenko, mit sechs Treffern in der EM-Qualifikation Ukraines erfolgreichster Nationalspieler, Donezks Tapas Stepaneko mit einem Tritt im Aufeinandertreffen der beiden Fußball-Großmächte niedergestreckt. „Das ganze Land soll wissen, dass meine Freundschaft mit Jarmolenko beendet ist“, sagte der 26 Jahre alte Stepaneko nach der Partie.

Der internen Streitigkeiten haben sich auch im Lager der Deutschen herumgesprochen. Unter der Woche wurde DFB-Präsident Reinhard Grindel in Évian-les-Bains gefragt, was der Politiker Grindel von dieser Zerrissenheit im ukrainischen Team halte.

Der Journalist hat 1284 Follower

Grindel, bis vor Kurzem für die CDU im Bundestag, tat sich zunächst schwer mit einer Antwort. „Ich bin ja kein Politiker mehr“, sagte er, antwortete dann aber doch sehr politisch: „Ich habe sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass es in der Ukraine Diskussionen darüber gab, welche Spieler aus welchen Gründen berufen werden. Ob sie nun eine Nähe zu Russland haben – oder eben nicht.“

Nun sind die unversöhnlichen Jarmolenko und Stepaneko in Frankreich. In einer Mannschaft. Und beide sollen an diesem Sonntag gemeinsam auf dem Platz gegen Deutschland spielen.

„Nur der Fußball eint dieses Land“, sagt Denis Trubetskoy, dessen Meinung gerade bei den jüngeren Fußballanhängern Gewicht hat. Bei Twitter folgen 1284 Follower dem freien Journalisten, der einen für die Ukraine außergewöhnlichen Lebenslauf hat. Der fließend Deutsch sprechende Medienmacher lebt in Kiew, hat in Moskau studiert und stammt ursprünglich von der von Russland annektierten Halbinsel Krim.

Als sein Heimatort Simferopol im Februar 2014 quasi über Nacht von Russland übernommen wurde, zog Trubetskoy nach Kiew. Von dort aus berichtet er für das ukrainische Online-Portal „foot-ball.ua“, aber auch für mehrere deutsche Medien wie die „FAZ“, „Neues Deutschland“, „Zeit-Online“ und „Spiegel-Online“.

Die politische Lage im Land würde er als „ziemlich kompliziert“ bezeichnen, sagt er ziemlich vereinfacht. „Der Krieg in der Ukraine hat nicht aufgehört, nur weil nicht mehr so viele Medien darüber berichten.“ Doch eine „einfache Lösung“ sei momentan nicht in Sicht: „Die Ukraine ist derzeit leider kein demokratischer Staat.“

Der Fußball soll von den Sorgen im Alltag ablenken

Je größer die Sorgen in der Heimat, so Trubetskoy, desto größer die Hoffnung der Menschen, durch den Fußball abgelenkt zu werden. Und anders als bei der Politik habe er beim Fußball die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben. „Deutschland ist natürlich der große Favorit in unserer Vorrundengruppe“, sagt er, „aber vor Polen und besonders vor Nordirland muss sich die Ukraine wirklich nicht verstecken.“

Unter dem 65 Jahre alten Trainer Fomenko würden die Gelb-Blauen zwar keinen schönen Fußball spielen, aber einen erfolgreichen. Das Viertelfinale könnte möglich sein, glaubt Trubetskoy, der neben den Stürmern Jarmolenko und Jewhen Konopljanka (26, FC Sevilla) besonders auf die stabile Defensive um Abwehrchef Jaroslaw Rakyzkyj (26, Schachtor Donezk) und dessen Zuarbeiter Olexander Kutscher (26, Donezk) sowie Jewhen Chatscheridi (Kiew) setzt. Und das Selbstbewusstsein ist trotz aller Widrigkeiten groß. „Wir haben keine Angst vor Deutschland“, tönte Sevillas Konopljanka.

Autoritätsperson Tymoschtschuk

Deutschen Fans dürfte vor allem Anatolij Tymoschtschuk noch ein Begriff sein. Der frühere Bayern-Profi, der mittlerweile bei Qairat Almaty in Kasachstan verdient, hat seine besten Tage längst hinter sich.

Als Autoritätsperson würde der 37 Jahre alte Mittelfeldmann aber immer noch eine wichtige Rolle im Team übernehmen, sagt Trubetskoy, der das Viertelfinale als ein „absolutes Traumziel“ bezeichnet. „Fußball ist keine Ausnahme, sondern Teil unseres Lebens“, sagt Nationaltrainer Fomenko.

Der Coach hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Menschen auf dem Maidan in Kiew in ähnliche Feierlaune wie vor knapp einem Monat versetzt werden, als der ukrainische Triumph von Jamala beim Eurovision Song Contest bejubelt wurde. Es war ein „Sieg für die Seele und die Identität“ des Landes, schrieb der „Spiegel“.

Am Sonntag, das hofft Trubetskoy zumindest insgeheim, darf die geschundene, ukrainische Seele gerne ein zweites Mal gestreichelt werden.