Euro2016

Für Türken und Kroaten kommt die Zeit der Wiedergutmachung

Kroatiens Stars wollen eine alte Rechnung begleichen, die Türken eine beschämende Qualifikation vergessen lassen.

Fassungslos steht Kroatiens Vedran Corluka nach dem dramatischen Viertelfinal-Aus gegen die Türkei bei der EM 2008 auf dem Rasen des Ernst-Happel-Stadions in Wien

Fassungslos steht Kroatiens Vedran Corluka nach dem dramatischen Viertelfinal-Aus gegen die Türkei bei der EM 2008 auf dem Rasen des Ernst-Happel-Stadions in Wien

Foto: epa apa Robert Jaeger / dpa

Paris.  Sie haben es nicht vergessen, natürlich nicht, weder Luka Modric noch Ivan Rakitic. Acht Jahre ist es her, dass die beiden kroatischen Mittelfeldspieler vom Elfmeterpunkt scheiterten und somit einen entscheidenden Anteil hatten am dramatischen EM-Aus ihres Teams im Viertelfinale.

„Ich habe damals geweint wie ein kleines Kind“, erinnert sich Modric (30). So oft habe er den Film dieses Spiels vor Augen, ergänzt Rakitic (28), „und jedes Mal werde ich traurig“. Ein Trauma, das die beiden Spanien-Legionäre heute (15 Uhr, ARD) endgültig bewältigen wollen, schließlich hört ihr Gegner auf denselben Namen wie damals: Türkei.

So tragisch wie 2008, als Kroatien erst in der Nachspielzeit der Verlängerung den Ausgleich kassierte, dürfte der Turnierstart zwar noch nicht verlaufen. Aber: Schon jetzt steht für beide Mannschaften enorm viel auf dem Spiel. „Wir haben eine sehr schwere Gruppe erwischt, vielleicht die schwerste des Turniers“, sagt Hakan Calhanoglu von Bayer Leverkusen.

„Wir müssen rennen, rennen und nochmals rennen“

„Auch Spanien und Tschechien sind super Gegner, jedes Spiel wird eine besondere Herausforderung.“ Ein Sieg in der Auftaktpartie wäre ein gewaltiger Schritt in Richtung K.o.-Runde. Das weiß auch Kroatiens Stürmer Mario Mandzukic (30). „Wir müssen rennen, rennen und nochmals rennen“, sagt der frühere Bundesliga-Profi, „und wir brauchen ein großes Herz.“ Vorhang auf für den ersten Akt. Möge das Drama beginnen.

Ohne scheint es nicht zu gehen, zumindest, wenn man auf die turbulente Qualifikation beider Teams blickt. Kroatien feuerte nach holprigem Start seinen Trainer, den früheren Hertha-Profi Niko Kovac, inzwischen Coach von Eintracht Frankfurt.

Für ihn übernahm Ante Cacic (62), der seine Mannschaft zwar nach Frankreich führte, dabei aber erhebliche Reibungsverluste in Kauf nehmen musste. Routinier Ivica Olic (36) fühlte sich von Cacic nicht berücksichtigt und setzte seiner Nationalmannschaftskarriere frustriert ein Ende.

Dejan Lovren verscherzte es sich ebenfalls mit seinem neuen Chef. Der Verteidiger des FC Liverpool hatte forsch eine Einsatzgarantie gefordert, die ihm Cacic verwehrte. Eine vom Trainer geforderte Entschuldigung konnte sich Lovren anschließend nicht abringen. Die Folge: Cacic strich den Leistungsträger kurzerhand aus dem Kader.

Die türkische Abwehr wird von einem Berliner dirigiert

Derartige Querelen blieben seinem Gegenüber Fatih Terim (62) zwar erspart. Von einer souveränen Qualifikation konnte jedoch keine Rede sein. Die Türkei qualifizierte sich als bester Gruppendritter, Niederlagen gegen Island und Tschechien brachten die türkische Fan-Seele genauso zum Kochen wie zwei Unentschieden gegen Lettland.

„Es war beschämend, was wir ertragen mussten“, beklagte Terim angesichts der teils hochemotionalen Kritik. Inzwischen hat sich der Zorn in Zuversicht verwandelt. Neun der jüngsten zehn Spiele hat die Türkei gewonnen, lediglich ein Freundschaftsspiel gegen England ging 1:2 verloren. Spielerisch überzeugen konnte das Team jedoch selten.

Zu den Hoffnungsträgern zählen nicht zuletzt die Deutsch-Türken. Calhanoglu gilt im Mittelfeld als gesetzt, der Mainzer Yunus Malli hat sich mit seiner starken Bundesligasaison immerhin einen Joker-Status erspielt. Dem 24-Jährigen gehöre die Zukunft, gab Terim unlängst zu Protokoll. „Sein Talent ist imponierend“, lobte der Trainer, den sie in der Türkei ehrfürchtig „Imperator“ nennen.

Als Stärke erwies sich zuletzt allerdings weniger die Offensive, sondern die stabile Abwehr. Der gebürtige Berliner Hakan Balta, der bis 2003 bei Hertha BSC spielte und heute in Diensten von Galatasaray Istanbul steht.

Kroatiens geballte Offensiv-Kompetenz

Ob diese Defensive auch den torgefährlichen Kroaten standhalten kann, wird sich jedoch zeigen müssen. Rakitic (FC Barcelona) und Mandzukic (Juventus Turin), dazu Ivan Perisic (Inter Mailand), dem in der Qualifikation sechs Treffer gelangen – Kroatien verfügt über geballte Offensiv-Kompetenz.

Doch so erfolgreich die Top-Stars mit ihren Klubs spielen, so lange warten sie auf einen Erfolg mit der Nationalmannschaft. Noch immer stehen sie im langen Schatten derer, die 1998 in Frankreich den dritten Platz bei der WM eroberten, von Davor Suker, Robert Prosinecki oder Zvonimir Boban. „Diese Generation ist ein großes Versprechen“, bemängelt Boban, der frühere Kapitän. Auf die Einlösung wartet das Land aber bislang vergeblich.

„Die Zeit ist gekommen, dass Kroatien bei einer Europameisterschaft endlich ein bedeutendes Ergebnis erreicht“, sagt Rakitic pathosschwanger. Anders als 2008 wird ihm ein Elfmeter-Drama vorerst erspart bleiben. Ein großer Kampf scheint trotzdem garantiert.