Auftakt gegen die Ukraine

Mesut Özil – die zentrale Figur im deutschen Spiel

Der Spielmacher war zur WM 2014 nur Mitläufer. Diesmal soll er endlich der Schlüsselspieler sein, der er fürs Team sein kann.

Mesut Özil (M.) muss im Test gegen Ungarn einiges aushalten

Mesut Özil (M.) muss im Test gegen Ungarn einiges aushalten

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

Évian-les-Bains/Lille.  Das Ismaninger Institut für Fußballmanagement hat kurz vor dem ersten EM-Gruppenspiel gegen die Ukraine an diesem Sonntag (21 Uhr, ARD) errechnet, dass Mesut Özil das größte Potenzial aller deutschen Nationalspieler besitzt. Nun ist jene Bildungsstätte bisher nicht mit bahnbrechender Forschung aufgefallen. Aber hier handelt es sich ja auch um eine noch junge Wissenschaft: die vom Wert eines Fußballprofis.

Dieser setze sich nicht allein aus seinen sportlichen Leistungen zusammen, lautet die These, sondern auch aus seinem Erfolg auf Social-Media-Plattformen. Das Stichwort heißt: Vermarktungspotenzial. Und Özil liegt da ganz vorn. Elf Millionen Follower hat er allein bei Twitter – mehr als Toni Kroos (3,79 Millionen), Manuel Neuer (3,54) und Bastian Schweinsteiger (3,19) zusammen, die auf den Plätzen hinter ihm einlaufen. Özil ist ein Social-Media-Phänomen. Neulich begab er sich auf den Hadsch, die islamische Pilgerfahrt nach Mekka, und 30 Millionen Menschen folgten ihm auf den unterschiedlichsten Kanälen. 30 Millionen, die auch dabei sind, wenn Özil mal nicht vor der Kaaba posiert, sondern zufällig vor einem Luxuswagen eines Sponsors.

27-Jähriger will nicht nur ein Social-Media-Phänomen sein

Das Problem mit der Ismaninger Fachrichtung ist allerdings, dass sich der Wert eines Spielers für eine Fußballmannschaft jedoch immer noch auf die altmodische Weise errechnet: Talent, Einfluss aufs Spiel und Torgefahr respektive Abwehrqualitäten lauten Variablen dieser Gleichung. Und hier sind die Gelehrten im Falle Özils bisher meist auf das Paradoxon gestoßen, dass sein Wert für die deutsche Nationalelf viel geringer ausfällt, als es eigentlich sein müsste.

Die letzte große Studie stammt von 2014. Die WM in Brasilien hat wunderbare Geschichten erzählt: die vom blutenden Schweinsteiger, vom seitfallziehenden Götze und vom liberospielenden Neuer. Von Özil erzählt man sich aus jenen magischen Wochen nichts – dabei stand er in allen Partien in der Startelf. Er war in Brasilien nur Mitläufer, obwohl er qua seiner Fähigkeiten alle anderen Spieler um sich herum wie Mitläufer aussehen lassen kann. Im Weltmeisterteam war er buchstäblich zur Randfigur geworden, spielte erst auf dem rechten, dann auf dem linken Flügel, wenngleich sein natürliches Habitat im Mittelfeldzentrum auf der Zehner-Position liegt. Aber die wurde kurzerhand von Joachim Löw abgeschafft. Alles hing da miteinander zusammen: Özil spielte schwach, weil er nicht richtig eingesetzt wurde. Und er wurde vom Bundestrainer nicht richtig eingesetzt, weil er viel zu schwach spielte.

Körperspache war immer ein Thema

Seine schlechte Körpersprache war ein virulentes Thema in den stets vehement geführten Mediendiskussionen vor und während eines Turniers. Bei Testspielen gegen Chile und Kamerun wurde Özil vom deutschen Publikum ausgepfiffen. Und Löw merkte bald, dass er bei seinem noch wackligen Titelprojekt keine tragende Rolle für den Wankelmütigen einplanen könne. „2014 war er nicht in der starken Verfassung wie zuvor und danach“, hat Löw dem „Kicker“ gesagt, bevor nun eine neue Studie erstellt wird: Bei der EM in Frankreich hofft Löw, dass sich Özils Wert für die Mannschaft endlich dem annähert, den er haben könnte. Dass er nicht nur ein Social-Media-Phänomen ist, sondern wieder eines auf dem Feld wie zur WM 2010.

Dafür ist der 56-Jährige bereit, Özil zurück in seinem Habitat auszusetzen, ihn frei zu lassen von allen Zwängen, die das Spiel auf außen mitbringt. „Jetzt ist er für die Mannschaft am wertvollsten, wenn er in der Zentralen spielt“, sagte Löw. Und sein Assistent, Thomas Schneider, sagte vor der Abreise nach Lille, wo die Ukrainer warten: „Mesut ist in einer sehr guten Verfassung. Dann kann man im Zentrum spielen.“

Löw mag in Özil die Verwirklichung seines Ideals vom schönen Spiel sehen. Aber er ist schon lange kein Romantiker mehr. Jene Entscheidung für den 27-Jährigen als zentrale Figur ist auch eine pragmatische. Der Bundestrainer hat in den vergangenen Monaten oft genug über den Ärmelkanal geschaut, wo Özil beim FC Arsenal eine fulminante Saison spielte. Und er ist dort auf ein neues Paradoxon gestoßen. Während die Restnationalelf nach dem Triumph von Rio in eine seltsame Schlaffheit verfiel, ist aus dem früher oft schlaffen Özil ein straffer Spielmacher geworden, der seiner Elf den Weg weist. Mit Arsenal wurde er Zweiter in der Premier League, bereitete 19 Treffer vor und verpasste damit nur knapp den Liga-Rekord von Thierry Henry (20 Assists).

In London spielte er wie eine erwachsene Version von sich

Özil nennt die abgelaufene Spielzeit die „beste und stabilste meiner Karriere“. Die Arsenal-Fans wählten ihn zum Spieler der Saison. In einer Liga der Rastlosigkeit (es gibt keine Winterpause) und der harten Zweikämpfe hat sich Özil, der aus der spanischen Liga des Kunsthandwerks kam, hineingekniet. Seine Ernährung und sein Training habe er umgestellt. Er sei nun zwei Kilogramm leichter und fühle sich auch so auf dem Rasen. Özil wirkt jetzt wie eine erwachsene Version von sich selbst: „Mesut hat sich unheimlich entwickelt – auch in seiner Persönlichkeit“, hat sein Nationalelf-Kollege Benedikt Höwedes in Évian festgestellt.

Seit der A-Jugend von Schalke 04 kennen sich beide. „Er ist heute einer der Top-Zehner, die wir auf der Welt haben“, sagt Höwedes. Das neuerlich Erwachsene in Özils Spiel hat Löw darüber hinaus auf die Idee gebracht, ihn in bestimmten Momenten sogar auf die Sechserposition stellen zu können – wo die Spielmacher der Moderne durch ihre Gefilde streifen, aber auch Abwehrarbeit verrichten müssen. Zunächst plant Löw ihn jedoch als Spielmacher alter Schule ein.

Neues Selbstbewusstsein auch in seinen Worten spürbar

In Brasilien fügte sich Özil noch und wich auf außen aus. Nun sagt er: „Joachim Löw weiß, wo ich meine Stärken raushauen kann, und das ist auf der Zehn. Da fühle ich mich am wohlsten, und ich gehe davon aus, dass ich dort spiele.“ Das ist der Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Und das klingt dann auch mal so: „Wenn wir bringen, was wir können, schlagen wir alle bei der EM“, sagt Özil.

An ihm lässt sich eine der großen Herausforderungen für das deutsche Team erzählen: Für die meist von vielen Verteidigern versperrten gegnerischen Abwehrtüren muss ein Schlüssel gefunden werden. Özil trägt ihn bei sich. Wenn er ihn auch hervorholen kann, wird man sich von der EM 2016 in der Zukunft mit Sicherheit Geschichten über Mesut Özil erzählen.