Euro2016

Berti Vogts weiß, warum der Trainer auf Bayern-Profis setzt

Berti Vogts gewann 1996 den bislang letzten EM-Titel für Deutschland. Und weiß um die Bedeutung von Stressresistenz und Harmonie.

Berti Vogts gewann 1996 als Trainer mit Deutschland den Europameistertitel

Berti Vogts gewann 1996 als Trainer mit Deutschland den Europameistertitel

Foto: firo Sportphoto/Jrgen Fromme / picture alliance / augenklick/fi

Die Mannschaft ist der Star. Dieser Leitspruch hat uns 1996 zum Titel getragen, und an ihm hat sich bis heute nichts verändert. 1996 habe ich zwei, drei Tage vor dem ersten Spiel gegen Russland schon gemerkt, dass die Mannschaft eine unheimliche Kameradschaft entwickelt. Ein richtiges Miteinander.

Das war wie ein Fieber. Und kein Zufall. Ich habe mir immer angeschaut, wer welche internationale Erfahrung hat – das hat dann oft bei Nominierungen und Aufstellungen den Ausschlag gegeben. Ich habe mir auch angesehen: Bei welchem Spieler läuft der Vertrag aus?

Ich wollte, dass das immer vor dem Turnier geklärt ist! Einmal hatte ich einen Spieler, dessen Zukunft nicht geklärt war: Der hat das ganze Turnier rumgezickt, war gereizt, sein Manager war so oft im Teamhotel, dass ich ihn am Ende rausgeschmissen habe. Der Spieler hat überhaupt nicht seine Form gefunden.

Jeder Nationalspieler muss mit Druck umgehen können

Oft ist die Rede von Druck im Fußball. Druck? Was ist Druck? Wenn man am Ende des Monats Geld abheben kann, hat man keinen Druck. Jeder Spieler, der in der Nationalmannschaft spielt, muss mit Druck umgehen können, basta.

Das ist auch der Grund dafür, dass ein Bundestrainer oft eher und mehr Spieler von Bayern München holt als aus kleineren Klubs, obwohl sie bei Bayern vielleicht gar nicht so eine tragende Rolle haben. Aber bei den Spielern kann sich der Bundestrainer sicher sein, dass sie den Druck aushalten – weil sie ihn gewohnt sind.

Eine EM mit 16 Teams ist optimal

Die Gegner der Deutschen werden sich jedes Spiel anschauen und nach Schwächen suchen: von links, von rechts, von oben, von unten. In der Vorrunde wird das kein Problem, da werden sich ohnehin alle Gegner an Deutschland orientieren. Aber gegen Spanien und Frankreich? Man muss dann sehr genau schauen: Wer ist nur Trainingsweltmeister? Und wer Wettkampfspieler? Als Trainer entwickelt man ein sehr präzises Gefühl dafür.

Eine persönliche Anmerkung noch zum Abschluss: Eine EM mit 16 Mannschaften – das war das mit Abstand beste Turnier, das es gab! Vier waren zu wenig, acht auch – aber 16 waren optimal!

Jedes Spiel ein Topspiel, jedes Spiel ein richtiges TV-Highlight; 1996 hatten wir mit Italien, Tschechien und Russland gleich drei richtige Kracher zu überstehen. Diesmal sind 24 Mannschaften dabei, in der Gruppenphase bekommen wir gegen die Ukraine, Polen und Nordirland Zeit, um uns einzuspielen. Immerhin ein positiver Nebeneffekt.


Vogts (69) war als Spieler Europameister 1972 und Weltmeister 1974, als Bundestrainer Europameister 1996. Bei dieser EM ist er Kolumnist der Berliner Morgenpost