EM 1980 in Italien

So stark wie elf Streichhölzer

Bernard Dietz war Kapitän der Europameister 1980. Ein Gespräch über Motivationstricks aus einer Zeit, in der weinende Fans noch was bewirkten.

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Warendorf.  Bernard Dietz hat sich im Hausgarten ein Mini-Hallenbad gebaut. Jeden Morgen geht es eine Viertelstunde ins private kühle Nass. Der Kapitän der Europameister-Mannschaft von 1980, der im Drensteiner Ortsteil Walstedde wohnt, will auch im Alter von 67 Jahren noch fit bleiben.

Und weil die Bänder in beiden Knien der Duisburger MSV-Ikone nicht mehr zu langen Spaziergängen taugen, wird eben geschwommen. Wäre also zwecklos, dem Vorstandsmitglied des MSV Duisburg noch einmal einen Spielerpass auszustellen. Wie es jüngst Rot-Weiss Essen mit Willi Lippens gemacht hatte.

Herr Dietz, würden Sie als kampfstarker Linksverteidiger, der zwischen 1970 und 1987 für Duisburg und Schalke 77 Bundesliga-Tore erzielt hat und nie vom Platz geflogen ist, auch heute noch in einer Bundesliga-Mannschaft glänzen?

Bernard Dietz: Ich wäre sicher fit genug gewesen, war aber nie ein filigraner Techniker. Die Schnelligkeit im Spiel hätte ich durch Auge ausgeglichen. Man muss ein Spiel lesen können, um sich stets richtig zu verhalten auf dem Rasen.

„Das hat die Stadt richtig stolz gemacht“

Als Außenverteidiger haben Sie es 1980 bis zum Europameister-Kapitän gebracht. Sie stehen somit in einer Reihe mit Franz Beckenbauer 1972 und Jürgen Klinsmann 1996.

Das war sicher der Höhepunkt meiner Karriere. Was mir aber wichtiger war als der persönliche Triumph: Ich ging als Duisburger zum Pokal auf die Ehrentribüne hoch nach dem 2:1-Finalsieg in Rom gegen Belgien. Das hat die Stadt richtig stolz gemacht.

Welche Karriere Ihrer Mitspieler aus der Titelmannschaft von 1980 hat Sie später am meisten überrascht?

Die von Karl-Heinz Rummenigge war damals so nicht vorhersehbar. Dass Kalle einmal dem FC Bayern und nun sogar den europäischen Spitzenklubs vorsteht, hätte ich nicht gedacht. Er hat sich meist mit Uli Hoeneß auf Reisen ein Zimmer geteilt. Von ihm hat er am meisten gelernt.

War Hoeneß schon als Spieler ein Manager?

Ja, er konnte alles besorgen. Für mich hat er mal einen kleinen BMW 1602 zügig an Land gezogen. Der hatte damals eine lange Lieferzeit.

Hätten Sie gedacht, dass Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch mal DFB-Trainer wird?

Doch, der Lange hat beim HSV unheimlich viel gelernt, hätte aber auch ein guter Handballer werden können. Horst spricht die Sprache der Spieler. Deswegen kommt er gut an. Ähnlich wie der Bochumer Hermann Gerland bei Bayern München.

Was hat die Europameister von 1980 ausgemacht?

Wir waren ein Team. Kein Grüppchenklub wie bei den Weltmeisterschaften 1978 in Argentinien oder 1982 in Italien. Kennen Sie eigentlich den Streichholz-Trick?

„Ihr müsst zusammenhalten auf dem Platz“

Muss ich den kennen?

Stammt von meinem ehemaligen MSV-Cheftrainer Otto Knefler.

Und wie geht der Trick?

Bezogen auf eine Fußballmannschaft: Einen Streichholz kann man in der Hand leicht brechen, klar. Otto Knefler holte bei einer Mannschaftssitzung allerdings elf mit einem Gummi zusammengebundene Streichhölzer aus der Tasche. Die konnte niemand mit der Hand knicken. Er hat nur gesagt: Ihr müsst zusammenhalten auf dem Platz. Wie elf Streichhölzer, die niemand brechen kann.

Ein schönes Beispiel. Sie haben ja lange ungebrochen dem MSV die Treue gehalten…

... zwölf Jahre bis zum Abstieg 1982.

Gab es nie Wechselgedanken, bevor es für Sie nach Schalke ging?

Doch, schon. Nach dem EM-Titel 1980 rief Hennes Weisweiler an. Er wollte mich zu Cosmos New York holen. Dorthin war Hennes nach seiner Kölner Trainer-Zeit gewechselt. Ich stand aber schon beim MSV im Wort. Am Rezeptionstelefon meines Urlaubshotels in Bensersiel habe ich Weisweiler abgesagt.

Auch Frankfurt wollte Sie mal haben.

Stimmt, angeblich für eine Million Mark, wie der „Kicker“ damals geschrieben hat. Mein Vertrag beim MSV lief 1976 aus, Trainer Dietrich Weise brauchte für Eintracht einen Verteidiger. Ein Berater wollte das einfädeln.

Sie haben wieder abgesagt.

Nach einem Freitagabendspiel im Wedaustadion hatte ein Familienvater mit Tränen in den Augen an meine Autofensterscheibe geklopft, als ich gerade eingestiegen war und nach Hause wollte. „Sie wollen doch nicht wirklich den MSV im Stich lassen?“ hat er verzweifelt gefragt. Ich war nur ein paar Minuten auf der Straße, da war Frankfurt für mich im Kopf erledigt. Dass der Berater zwei Tage später für den geplatzten Wechsel 5000 Mark Vermittlungsgebühr haben wollte, war auch ziemlich kurios.

„Wir durften tausend Mal zum Torwart zurückpassen“

Haben Sie gezahlt?

Natürlich nicht.

Trauen Sie der Nationalmannschaft im Sommer in Frankreich den vierten EM-Titel zu?

Wenn man als Weltmeister hinfährt, will man den Titel holen. Den Anspruch müssen alle haben. Bei der Trikotpräsentation in Herzogenaurach vor der EM 1980 habe ich zu den Reportern gesagt: Ich will Europameister werden, wenn ich beim Turnier schon mitspielen darf. Sonst kann ich ja gleich zu Hause bleiben.

Wäre es denn für Sie als Verteidiger eine Freude gewesen, mit einem offensiven Torwart wie Manuel Neuer zusammenzuspielen zu dürfen?

Die reine Freunde. Zu meiner Zeit hatte es die Abwehr leichter. Wir durften tausend Mal zum Torwart zurückpassen. Damals hatten wir beim MSV aber auch schon einen Neuer. Unser Libero Kees Bregman hat gern im Strafraum den eigenen Torwart ausgespielt, der war nervenstark und technisch gut wie Neuer. Bei diesen waghalsigen Aktionen haben nicht nur die Zuschauer manchmal die Augen geschlossen – sondern auch wir Spieler.