Euro2016

Xhaka über seinen Bruder: „90 Minuten kenne ich ihn nicht“

Granit Xhaka trifft heute mit der Schweiz auf Albanien – mit seinem älteren Bruder Taulant. Im Gespräch über Fußball und Familienwerte.

Der Ältere ist der Kleinere: Taulant (1,75 Meter) neben seinem berühmteren Bruder Granit Xhaka

Der Ältere ist der Kleinere: Taulant (1,75 Meter) neben seinem berühmteren Bruder Granit Xhaka

Foto: imago/Moritz Müller

Lens.  Nie zuvor gab es bei einer Fußball-Europameisterschaft ein direktes Bruderduell. Heute (15 Uhr, ZDF) ist es soweit: Der Schweizer Granit Xhaka (23) trifft auf seinen zwei Jahre älteren Bruder Taulant, der für Albanien aufläuft. Beide wurden als Kinder albanischer Eltern in Basel geboren. Während Taulant seit drei Jahren beim FC Basel spielt, wechselt sein Bruder in der Sommerpause: Ab 1. Juli spielt der bisherige Kapitän von Borussia Mönchengladbach für eine Ablösesumme von 45 Millionen Euro zum FC Arsenal in die Premier League.

Herr Xhaka, wie wichtig ist die Familie für Sie?

Granit Xhaka: Familie ist mein Ein und Alles – ich bin froh, so eine Familie zu haben. Meine Eltern wollten, dass einer der Söhne auf Sport setzt, der andere auf Schule. Ich war eigentlich für die Schule vorgesehen.

Wie wird man Fußballprofi?

Ehrgeiz musst du selbst haben – genau wie Glück. Ich sehe in unterklassigen Ligen oft richtig gute Spieler – viele hatten das Glück nicht. Und du musst auf sehr viel verzichten. Ich war auch mal 15, 16, 17 Jahre alt, meine Freunde haben gefeiert, mit Alkohol und Zigaretten. Darauf musst du verzichten. Ich habe früh enorme Muskelmasse zugelegt. Viele fragen mich, wie ich das gemacht habe. Ich habe gar nichts gemacht, es kam vom lieben Gott! Das Talent hast du vom lieben Gott. Weil wir unseren Eltern alles zu verdanken haben, möchten wir ihnen heute etwas zurückgeben – und geben jeden Monat unser Einkommen bei ihnen ab.

Wie bitte?

Unsere Eltern haben 25 Jahre gearbeitet. Wir haben alles bekommen, was wir wollten. Mama und Papa kommen aus einfachen Verhältnissen, aus dem Kosovo. Wir kennen beide Seiten, wir sind sehr gut erzogen worden. Natürlich haben wir ein eigenes Konto, aber 80 Prozent unserer Einkommen geben wir zu Hause ab. Wir sind jung, wir sind naiv. Geld kommt, Geld kann schnell wieder gehen.

Nicht alle Profis sind so vernünftig.

Ich bin kein Freund von Autos, ich brauche diese Protzmaschinen nicht. Ich gebe auch nicht 20.000 oder 30.000 Euro für einen Urlaub aus. Das werde ich nie tun. Ich bin Jahr für Jahr im Kosovo und sehe Menschen, die nicht jeden Tag etwas zu essen haben. Das berührt mich. Und erst dann merkt man wieder, wie gut man es im Leben hat.

Sie spielen für die Schweiz, Ihr Bruder Taulant für Albanien. Wie kam es dazu?

Bei mir war es so, dass Albanien kein Interesse hatte – bei meinem Bruder war es umgekehrt. Ich glaube, dass die albanische Nationalmannschaft heute sauer ist und bereut, dass sie mich damals nicht wollten. Ich bin der Schweiz dankbar: für die Schulzeit, die Ausbildung, den Fußball – aber meine Wurzeln werde ich nie verheimlichen. Ein sehr komisches Gefühl.

„Am Ende soll der bessere gewinnen“

Vor allem bei der EM, wenn Sie nun auch noch aufeinandertreffen.

Auf jeden Fall! Aber jeder in unserer Familie hat zwei Hände, mit denen er klatschen kann: eine für die Schweiz, eine für Albanien, so haben wir es abgemacht. Am Ende soll der bessere gewinnen. 90 Minuten kenne ich meinen Bruder nicht, danach werde ich ihn in den Arm nehmen. So oder so.

Mit 19 Jahren sind Sie zu Borussia Mönchengladbach gewechselt. Es lief lange nicht. Wie hart war die Zeit?

Ganz ehrlich: Wenn meine Mama gesagt hätte, dass sie nicht will, dass ich nach Deutschland gehe, hätte ich es nicht gemacht. Meine Mama ist mir sehr wichtig, dass sie sich wohlfühlt und in Ruhe schlafen kann – und nicht immer überlegt: Was macht er heute? Wie geht’s ihm? Egal, wie schlecht es mir geht: Ich werde nie sagen, dass es mir schlecht geht. Das habe ich auch damals nicht.

Hatten Sie Selbstzweifel?

Als Mensch haben sie mich stärker gemacht. Es gab Momente, in denen ich kurz davor war, meinem Papa zu sagen, dass ich zurück gehe in die Schweiz.

Die Klitschko-Brüder Wladimir und Vitali haben es immer abgelehnt, gegeneinander zu boxen – und auf viele Millionen Euro verzichtet.

Ich würde meinen Bruder auch nie schlagen! Wenn wir Boxer wären, würde ich diesen Kampf auch ablehnen – auch für eine Milliarde!

Was sagen Sie Neidern, die sagen, dass es Fußballer „so gut“ haben?

Geld ist nicht alles. Als Fußballer musst du auf deine Familie verzichten, das sagt alles. Eltern, die Kinder haben, können das nachvollziehen: Wenn sie mit 19 Jahren plötzlich weg sind. Ich will mich nicht beklagen. Aber der Beruf hat auch negative Seiten, die oft nicht gesehen werden. Ein Leben aus dem Koffer, ständig im Hotel. In der Öffentlichkeit, beim Feiern, kann man sich nicht verhalten wie jeder andere – sofort werden Fotos gemacht. Und du musst immer ein Vorbild sein.

Aber Geld ist doch eine feine Sache, nicht?

Es geht um Gesundheit. Mein Papa war Gärtner, meine Mama Packerin, wir waren nie reich, aber auch nicht arm, sie haben unsere gesamte Familie in der Schweiz und die im Kosovo ernährt. Heute leben wir nicht anders. Wenn jemand denkt, dass er etwas Besseres ist, nur weil er mehr Geld auf dem Konto hat, dann kann er auf die Schnauze fallen. Die Familie ist unser größter Luxus.

Sie haben einmal gesagt: „Ich will nicht unter der Brücke schlafen“. Was meinen Sie damit?

Dass es schnell geht. Wenn ich kein Fußballer wäre, würde ich heute im Büro arbeiten. Ein zweites Standbein war mir wichtig. Geld ist nur Papier für mich. Wenn man nicht gut damit umgehen kann, landet man mit 35 unter der Brücke.

Warum fallen so viele Fußballprofi nach ihrer aktiven Karriere auf die Nase? Es gibt ja unzählige Geschichten von Gescheiterten.

Jeder ist anders erzogen worden.