Euro2016

Reifeprüfung für die jungen Wilden

Trainer Hodgson hat Englands Nationalelf umkrempelt. Statt Stars dominiert ein neuer Teamgeist. Auftakt ist heute gegen Russland.

Hat seine Jungs im Griff: Trainer Roy Hodgson

Hat seine Jungs im Griff: Trainer Roy Hodgson

Foto: LEE SMITH / REUTERS

Berlin.  Roy Hodgson könnte eigentlich ganz zufrieden sein. Nicht weil es ihm bei seiner 19. Trainerstation, als Coach des englischen Nationalteams, nun gelungen ist, endlich auch bei einer Europameisterschaft in verantwortlicher Position dabei sein zu können. Das würde dem 68-Jährigen nicht gerecht werden, der so gar nicht wie eine schillernde Persönlichkeit daherkommen mag, um sich im Glanz des Erfolges zu sonnen.

Doch er hat etwas geschafft, was seinen Vorgängern in den vergangenen Jahrzehnten nie gelungen ist. Hodgson hat die Lust der Engländer an ihren „Three Lions“ neu entfacht. Und damit auch die Hoffnung, dass für den Weltmeister von 1966 nach 50 titellosen Jahren nicht noch weitere hinzukommen. Zumindest nicht viele.

England ist mehr als nur ein Geheimfavorit bei der EM in Frankreich. Diese Rolle wollen die Briten mit einem Sieg zum Auftakt heute gegen Russland (21 Uhr, ZDF) gern untermauern. Und man darf optimistisch sein – dank Hodgson.

Rooney setzt auf die jungen Wilden

Weil er die Mannschaft verändert hat. Statt Stars wie Steven Gerrard oder Frank Lampard hat ein neuer Teamgeist die Engländer durch eine Qualifikation ohne Punktverlust und zu einem Testspielsieg gegen Weltmeister Deutschland (3:2 nach 0:2) geführt, den man auf der Insel sogar als „Wunder von Berlin“ bezeichnet.

Nun sind Siege englischer Teams gegen deutsche immer mit besonderem Pathos erfüllt, und doch fühlt es sich anders an. Richtiger, weil die Zeit des Umbruchs gekommen scheint. „Man kann die Vorfreude im Team, im ganzen Land spüren“, sagte Wayne Rooney (30).

Der Kapitän, der vor gut zehn Jahren selbst als Synonym für den Aufbruch Englands aus der international immer größer werdenden Bedeutungslosigkeit stand und sich dann doch eklatant in die Phalanx der Gescheiterten einreihte, setzt auf die jungen Wilden. Sogar Geoff Hurst, Englands WM-Held von 1966, sprach von der „aufregendsten“ Mannschaft eben seit 1966.

Lampard erhöht Druck auf seine Nachfolger

Harry Kane (22), Marcus Rashford (18), Raheem Sterling (21) oder Dele Alli (20) heißen die Shootingstars, die sich in Frankreich vor ihrer Reifeprüfung befinden. Oder auch Jamie Vardy von Sensationsmeister Leicester City, der trotz seiner 29 Jahre immer noch als Frischling auf europäischem Parkett gilt.

Unverbrauchte Typen, die nicht nur technisch versierter daherkommen, sondern auch unbelastet von der Schmach der Turnierpleiten vergangener Jahre frei aufspielen können. Hodgson selbst beschreibt sein Team als „aufregend, hungrig und energiegeladen“.

Es wirkt schon zynisch, wenn jemand wie Lampard, dem es über all die Jahre nicht gelang, die Three Lions zu großen Erfolgen zu führen, nun den Druck auf seine Nachfolger erhöht: „Ich höre, dass die Leute sagen, dass das Viertelfinale okay wäre. Ich denke, dass wir es ins Halbfinale schaffen können.“

Sorge vor einem Deutschen

Dort haben sich die Engländer zuletzt 1996 wiedergefunden, bei der EM im eigenen Land. „Die erste Partie ist gewaltig wichtig. Jeder sagt, dass du das erste Spiel nicht verlieren willst. Aber der Unterschied, wenn du gewinnst, ist riesig“, sagte Rooney.

Es passt jedoch ins Bild der englischen Fußball-Seele, wenn die einheimische Presse vor dem Start gegen Russland wieder alte Geister beschwört. Und natürlich hat dies mit einem Deutschen zu tun. Denn wenn einer aus der „Sbornaja“ den Engländern Sorgen bereitet, dann der eingebürgerte Roman Neustädter.

„Russlands neueste Rekrutierung wird versuchen, eine der goldenen Fußball-Regeln zu übertragen: Dass die Deutschen die Engländer immer schlagen, wenn es zählt“, schrieb die „Daily Mail“. Doch auch der Schalker Profi weiß um das neue England. „Sie haben ein gutes Team, mit jungen Spielern, die diese Saison starke Leistungen gezeigt haben“, so der Verteidiger: „Ich hoffe, ich kann der Mannschaft Glück bringen gegen England.“

Ob es der beste Abend seiner Karriere sei, wurde Hodgson nach dem Testspielsieg gegen die DFB-Elf Ende März gefragt. „Ja, warum eigentlich nicht“, lautete seine verschmitzte Antwort: „Aber unsere besten Momente kommen erst noch.“ Der erste bei der EM soll am Sonnabend gegen Russland sein.