Euro2016

Bixente Lizarazu: „Frankreich fehlt es noch an Reife“

Der Weltmeister über Terror-Angst bei der EM, die Titelchancen seiner Nachfolger und die neue internationale Wahrnehmung Deutschlands.

Bixente Lizarazu hat gute Erinnerungen an München

Bixente Lizarazu hat gute Erinnerungen an München

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Paris.  Bixente Lizarazu (46) ist gerade sehr beschäftigt. Für den französischen Radiosender RTL moderiert er sonntags die Fußball-Sendung „Club Liza“, er schreibt eine tägliche Kolumne in der „l´Équipe“ und kommentiert für den TV-Sender TF1. Im Exklusiv-Interview spricht der Weltmeister von 1998 sowie Europameister 2000 über seine Angst vor Anschlägen während der EM und sagt, was er sich von der französischen Nationalmannschaft erhofft und was sein Traum-Finale wäre.

Monsieur Lizarazu, wie ist die Stimmung in Frankreich?

Bixente Lizarazu: Sie war schon mal besser. Zuletzt gab es Hochwasser, diverse Streiks und die Angst vor neuen Anschlägen. Wir hoffen natürlich alle, dass die Organisation bei der Europameisterschaft reibungslos verläuft. Diese EM wird nur ein Erfolg, wenn wir nur über die Leistungen der jeweiligen Teams sprechen. Uns ist allen bewusst, dass Anspannung herrscht und dass viele Leute Angst haben, ins Stadion zu gehen. Aber es ist wichtig, weiter so zu leben, wie wir es möchten.

Sie werden Spiele für TF1 kommentieren. Werden Sie im Stadion Angst haben?

Wir müssen ja mit der Angst leben. Es geht nicht anders. Ich hoffe auch, dass alle Spiele ausverkauft sein werden, dass es keine leeren Plätze geben wird, weil das Leben weitergehen muss.

Ist wenigstens die Stimmung rund um die französische Nationalmannschaft besser?

Die ist hervorragend. Natürlich gab es zuletzt viel Unruhe, durch Provokationen von außen, sowohl von Eric Cantona als auch von Karim Benzema, aber ich habe die Mannschaft besucht, und sie ist fokussiert aufs rein Sportliche. Auch das Volk steht hinter seinem Team wie schon seit Jahren nicht mehr. Man spürt eine gewisse Euphorie. Das ist schon mal eine gute Basis.

Ein Verdienst von Nationalcoach Didier Deschamps?

Klar hat er dabei eine tragende Rolle gespielt. Für Frankreich ist er der ideale Trainer: Er ist von allen akzeptiert, hat dafür gesorgt, dass der Fußball wieder populär wird, nachdem es von 2010 bis 2014 schlecht aussah. Auch die vergangenen Wochen waren schwer für ihn, vor allem wegen der Affäre um Karim Benzema und Mathieu Valbuena (Sex-Tape, d.Red.). Aber er ist stark geblieben und in seinen Entscheidungen konsequent. Durch seine große Erfahrung weiß er mit Problemen umzugehen. Er findet immer eine Lösung und hat einen klaren Plan.

„Eher bei der WM 2018 wird Frankreich den Titel anpeilen können“

Wie weit wird Frankreich kommen?

Die Bleus haben das Potenzial, ins Halbfinale einzuziehen. Aber um Europameister zu werden, fehlt, glaube ich, noch ein Stück Erfahrung und Reife, wenn man sieht, dass die wichtigsten Spieler Paul Pogba und Antoine Griezmann relativ jung sind. Dementsprechend kommt die EM wohl zu früh. Eher bei der WM 2018 wird Frankreich den Titel anpeilen können.

Welche französischen Spieler könnten positiv überraschen?

Bayerns Kingsley Coman gefällt mir ganz gut. Nicht nur in München hat er starke Spiele gezeigt, auch im Nationalteam. Er ist erst 19, spielt aber unbekümmert und mit viel Spontaneität. Werfen Sie auch ein Auge auf Dimitri Payet. Er ist technisch stark, schießt unglaubliche Freistöße und hat genug Potenzial, um eine tragende Rolle zu spielen.

Wer wird Europameister?

Spanien und Deutschland sind in meinen Augen die haushohen Favoriten. Ich glaube, man kann wieder mit Spanien rechnen. Das Aus in der Vorrunde bei der letzten WM war ein Unfall. Man soll nur den Kader anschauen, wo Juan Mata, Javi Martinez oder Diego Costa nicht mal auftauchen. Das sagt schon alles.

Und Deutschland?

Vor ihrem Triumph 2014 in Brasilien hatten sie immer eine Blockade, wenn sie im Halbfinale oder Finale antreten musste. Nun ist sie durch den Sieg gegen Argentinien im Maracana definitiv gelöst. Deutschland hat eine goldene Generation, die noch einiges vorhat. Sie scheint mir immer noch sehr hungrig zu sein. Wenn man einmal gewonnen hat, will man es unbedingt bestätigen. Schauen Sie sich Frankreich bei der WM 1998 und der EM 2000 an, Spanien bei der EM 2008, der WM 2010 und der EM 2012. Nun kann die DFB-Elf in die Geschichte eingehen.

Vieles dreht sich um Bastian Schweinsteiger. Sie kennen ihn gut aus Ihrer Zeit beim FC Bayern. Glauben Sie, dass er in der Lage ist, erneut Top-Niveau zu erreichen?

Klar hatte er in dieser Saison mit mehreren Verletzungen zu kämpfen, aber ich hoffe, dass er sein altes Niveau erreichen wird. Im WM-Finale war er der Held. Ich finde es wunderbar, dass ihm Löw weiterhin sein Vertrauen schenkt. Durch die WM hat er einen hohen Kredit. Schweini kann es packen.

„Auch Joachim Löw ist in die Geschichte eingegangen“

Welches Image hat Löw in Frankreich?

Wer zehn Jahre Bundestrainer ist, muss was drauf haben. Dank seiner Methoden und seiner Entscheidungen hat Deutschland mittlerweile ein extrem positives Bild überall auf der Welt. Früher waren die Deutschen vor allem erfolgreich dank ihrer Robustheit und ihrer Kampfkraft, nun können sie auch attraktiv spielen. Was will man mehr? Mit dem WM-Titel hat er die Früchte seiner Arbeit geerntet. Auch er ist in die Geschichte eingegangen.

Welche Teams könnten überraschen?

Ich sehr vor allem Kroatien. Mit Luka Modric, Mateo Kovacic und Ivan Rakitic haben sie das vielleicht beste Mittelfeld aller Nationen. Auch Polen mit Robert Lewandowski kann weit kommen.

Welches Traum-Finale würden Sie am 10.Juli am liebsten kommentieren?

Warum nicht Frankreich gegen Deutschland? Meine Heimat gegen das Land, wo ich meine schönste Zeit als Spieler im Verein hatte: Da würden viele Emotionen hochkommen.