Euro2016

Bei den Spaniern herrscht bereits Alarmstufe Rot

Der Titelverteidiger blamiert sich im letzten EM-Test. Das 0:1 gegen Georgien offenbart die gleichen Probleme wie bei der WM 2014 .

Spaniens Trainer Vicente del Bosque (r.) hat noch viel zu tun

Spaniens Trainer Vicente del Bosque (r.) hat noch viel zu tun

Foto: Emilio Naranjo / dpa

Madrid.  Wann gab es das schon, dass eine Fußball-EM bereits vor dem Beginn ihr erstes Märchen schreibt? Anrührend, wie sich die Spieler in jeden Schuss warfen. Imposant, wie solidarisch sie immer mit zwei oder drei Mann auf den Ballführenden gingen.

Bewundernswert, wie sie auch in acht Minuten Nachspielzeit klaren Kopf behielten. Am Ende vollbrachte der 137. der Weltrangliste ein Wunder. Es ging nur um ein Freundschaftsspiel. Aber für Georgien war dieses 1:0 in Spanien ein Höhepunkt seiner Geschichte.

Nur interessiert sich die Welt natürlich eher für die andere Seite. Spanien reist ja als Titelverteidiger nach Frankreich, auch wenn sich das nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2014 nicht überall so anfühlen mag.

System mit zwei Flügelstürmern gescheitert

Wo zuvor durch überzeugende Testspiele gegen Bosnien (3:1) und Südkorea (6:1) ein gutes Stück des verlorenen Selbstwertgefühls zurückerobert schien, machte die EM-Generalprobe wieder vieles zunichte. Er wolle jetzt bloß nicht in Pessimismus verfallen, erklärte Nationaltrainer Vicente Del Bosque zwar, doch auch er musste einräumen: „Wir wollten Selbstbewusstsein tanken und eine positive Stimmung schaffen. Das Gegenteil ist herausgekommen.“

Schon am nächsten Morgen konnte er das nachlesen. „Alarmstufe Rot“ diagnostizierte „Marca“ vor der Abreise am Mittwochabend ins noble EM-Quartier auf der Atlantik-Insel île de Ré. „Grotesk“ nannte „El Mundo“ die Niederlage gegen ein Team, das zuvor mit 1:5 in Rumänien untergegangen war.

Einige Blätter begannen sogar damit, die Partikularrechnungen zwischen Madrid und Barcelona aufzumachen, die das Klima um die Nationalelf so oft vergiften. Das Problem war aber eher, dass Del Bosque ein System mit zwei Flügelstürmern ausprobierte und erst spät mit der Einwechslung von Iniesta und David Silva dem für seine Elf essenziellen Mittelfeldspiel das nötige Tempo und Niveau verlieh. Wieder einmal bestätigte sich die Erkenntnis, dass jeder Plan B Spaniens den Plan A nur ergänzen, nie aber ersetzen kann.

Del Bosque experimentiert, findet aber keine gute Lösung

Del Bosque fühlt sich seit Jahren unter Experimentierdruck – angestachelt durch Indizien, wonach die Gegner den Tiki-Taka-Code geknackt haben. Die Ironie an der Geschichte war jedoch schon bei der WM 2014 zu erkennen und hat sich seitdem fortgesetzt: je mehr sich Spanien von seinen Grundsätzen entfernt, desto harmloser wird es.

Neuralgisch ist vor allem die Stürmerfrage. Seit dem Abgang des spielenden Mittelstürmers David Villa befindet sich Del Bosque dort im Labyrinth. Bei der EM 2012 agierte er mit Cesc Fàbregas als „falscher Neun“. Er musste dafür viel Kritik einstecken, gewann aber das Turnier.

Während etwa der deutsche Kollege Joachim Löw das Konzept erfolgreich in seinen WM-Plan integrierte, ersetzte es Del Bosque in der Folge durch die Rückkehr zur „echten Neun“. Die seitdem durchgefallenen Mittelstürmer sind kaum noch zu zählen. Der eigens eingebürgerte Brasilianer Diego Costa schaffte es jetzt nicht mal mehr in den EM-Kader.

Fehlpass hilft Georgien

Doch selbst für 1:0-Siege müssten auch die Aussetzer in der Defensive noch abgestellt werden, die das Spanien der letzten Jahre wohl am stärksten von dem der Erfolgsära unterscheiden. Den Georgiern verhalf Linksverteidiger Jordi Alba mit einem Fehlpass zum entscheidenden Vorstoß in der 40. Minute, den Tornike Okriashvili abschloss.

Davor und danach verriegelten sich die neuen Helden ihrer Heimat im hinteren Spieldrittel. Dass sie nur auf 24 Prozent Ballbesitz kamen, störte sie ebenso wenig wie es Spaniens meiste EM-Gegner stören wird. Die Tschechen dürften am Montag als erste Beton anrühren. Wie es gehen kann, haben sie gesehen.