Handball

Warum der Handball immer mehr in Not gerät

Nach diversen Corona-Fällen steckt die Handball-Bundesliga in Terminsorgen. Auch das Team der Füchse Berlin ist in Quarantäne.

Marian Michalczik (r.), Profi der Füchse Berlin, war infiziert von der Länderspielreise des DHB zurückgekehrt.

Marian Michalczik (r.), Profi der Füchse Berlin, war infiziert von der Länderspielreise des DHB zurückgekehrt.

Foto: Andreas Gora / picture alliance/dpa

Berlin. Silvio Heinevetter hatte das Beste draus gemacht. Mal wieder. Der einstige Füchse-Star und aktuelle Torhüter der MT Melsungen sitzt gerade seine dritte Corona-Quarantäne aus. Und kämpfte mit einem Glas gutem Rotwein und deftigem Gulasch gegen die mittlerweile vertraute Einsamkeit. Sein Leid teilte er mit seinen Fans bei Instagram.

So allein ist Heinevetter mit seinem Schicksal allerdings nicht. Die gesamte Handball-Mannschaft der MT Melsungen befindet sich nach der Corona-Infektion von Nationalspieler Finn Lemke in Isolation, ebenso wie Bundesliga-Konkurrent GWD Minden, der mit Juri Knorr einen Infizierten mit starken Symptomen im Kader hat. Beim TVB Stuttgart müssen sie auf ihren erkrankten Torhüter Johannes Bitter verzichten, können aber weiter trainieren. Und seit dem späten Freitagabend finden sich auch in Berlin Leidensgenossen.

Füchse-Profi Milos Vujovic mit leichten Corona-Symptomen

Nach dem positiven Befund bei Nationalspieler Marian Michalczik zu Beginn der Woche hat sich mit Milos Vujovic nun ein zweiter Füchse-Profi infiziert. Der montenegrinische Linksaußen war nach der Länderspielreise mit dem Nationalteam bereits zweimal negativ getestet worden und hatte deshalb in Berlin wieder mit der Mannschaft trainiert.

Am Freitag aber kam das positive Testergebnis, das gesamte Team wurde daraufhin in Quarantäne geschickt. „Milos hat leichte Symptome, etwas erhöhte Temperatur“, berichtet Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. „Jetzt müssen wir darauf achten, dass unsere Spieler die bestmögliche medizinische Versorgung bekommen.“

Das für Sonntag angesetzte Spiel der Berliner gegen die SG Flensburg-Handewitt (13.30 Uhr) wurde abgesagt, die für Dienstag geplante Partie in der European League gegen Sporting Lissabon soll ebenfalls verlegt werden. Am Montag und Mittwoch wird der Füchse-Tross weiter getestet, erst danach soll entschieden werden, ob die Partie am kommenden Wochenende beim Bergischen HC stattfinden kann.

In der European League drohen Terminschwierigkeiten

Da bereits Ende Oktober das Gruppenspiel in der European League gegen Nimes abgesagt worden war und auch das Duell mit dem THW Kiel am vergangenen Donnerstag nicht ausgetragen werden konnte, haben die Füchse bereits vier Partien, die im ohnehin schon eng getakteten Spielplan noch ihren Platz finden müssen. „Da müssen wir dann sehr wohl überlegen, mit welcher Mannschaft wir in Europa antreten“, erklärt Hanning.

Allerdings ist zu befürchten, dass vor allem international noch mehr Spiele abgesagt werden müssen. Am zweiten Gruppenspieltag hatten nur vier der geplanten zwölf Partien stattfinden können. Der Rest war Corona-Fällen, Reisebeschränkungen und Quarantäne-Regelungen zum Opfer gefallen.

Bleibt nun auch die Frage, wie es in der Handball-Bundesliga (HBL) weitergeht. Am Mittwoch und Donnerstag war nur die Hälfte der Partien des siebten Spieltags ausgetragen worden. An diesem Wochenende wird es wohl genauso laufen. „Natürlich haben wir auch eine mögliche Spielpause diskutiert. Wir haben uns aber dagegen entschieden. Ein vorübergehender Lockdown kommt in der jetzigen Situation nicht infrage“, sagt Hanning.

Austragung der Handball-WM steht in der Kritik

Am Freitag hatten sich die Verantwortlichen von Klubs und Liga in einer Krisensitzung zusammengeschaltet, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Bis jetzt habe die Bundesliga aber gut funktioniert, Ausfälle seien die Ausnahme gewesen. „Deshalb sehe ich keine Notwendigkeit, um irgendwas zu ändern“, ergänzt Hanning, gleichzeitig Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB).

Keinen Grund für Kurzschlussreaktionen sieht Hanning deshalb auch in der Debatte um die Austragung der Weltmeisterschaft im Januar (13. bis 31. Januar) in Ägypten. Diverse Klub-Bosse hatten bereits auf eine Absage gedrängt. Die Entscheidung aber liegt beim Verband. Und Hanning findet, dass es sicherer sei „eine WM durchzuführen als zum Beispiel Europapokal- oder Champions-League-Spiele, die uns durch ganz Europa reisen lassen. Die Strahlkraft der Nationalmannschaft ist bei allem Respekt nicht vergleichbar mit einem Bundesligaspiel zwischen Melsungen und Berlin.“

Doch Selbst Nationalspieler Hendrik Pekeler (THW Kiel) hält eine WM angesichts der vielen Fälle für „eigentlich nicht vertretbar“. Schließlich ist die aktuelle Lage in der Liga das unerfreuliche aber nicht überraschende Ergebnis der Länderspielreisen vor einer Woche. Die DHB-Auswahl war für zwei EM-Qualifikationsspiele über Düsseldorf nach Estland gereist. Für Füchse-Profi Vujovic ging es erst zu seiner Mannschaft nach Montenegro und wenige Tage später weiter nach Rumänien. Reisen, die angesichts der verschärften Pandemie-Lage vermeidbar gewesen wären.

Absage oder Unterbrechung der Saison ist noch keine Option

Jetzt hat die Liga „den Salat“, wie HBL-Chef Frank Bohmann erkennen musste. Über eine Unterbrechung, oder gar Absage der laufenden Saison wolle man aber noch nicht ernsthaft nachdenken. Sicher ist aber auch, dass es für die Handball-Bundesliga eng wird, wenn sich die Situation nicht wieder beruhigt. „Es darf nicht mehr viel passieren. Wenn sich die Corona-Lage weiter zuspitzt, kommt jedes System an seine Grenzen“, weiß Bohmann.

Wann und wie die ausgefallenen Partien nachgeholt werden können, ist noch unklar. Sollten nicht weitere Spieltage betroffen sein, sei „das noch zu handhaben, auch wenn es wahrscheinlich mit Ungerechtigkeiten verbunden sein wird“, betont Bohmann. Immerhin können manche Teams gerade weiter trainieren, während andere im schlechtesten Fall bis zu zwei Wochen gar nicht gemeinsam auf dem Feld stehen.

Um in Quarantäne trotzdem nicht völlig aus der Form zu kommen, ist Kreativität gefragt. Heinevetter setzte am Sonnabend auf den vereinseigenen Lieferdienst. Spieler der zweiten Melsunger Mannschaft schickten dem Keeper Trainingsgeräte und Gewichte in die Wohnung. Via Aufzug, ganz ohne direkten Kontakt.

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