Füchse Berlin

Füchse-Duo Hanning/Kretzschmar: „Sonst stirbt der Handball“

Geschäftsführer Hanning und Sportvorstand Kretzschmar über die Wichtigkeit dieser Saison und wann die Füchse an der Weltspitze stehen.

Bob Hanning und Stefan Kretzschmar wollen mit den Füchsen Berlin in eineinhalb Jahren die Weltspitze angreifen.

Bob Hanning und Stefan Kretzschmar wollen mit den Füchsen Berlin in eineinhalb Jahren die Weltspitze angreifen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Langsam kehrt der Alltag bei den Füchsen Berlin ein. Ein neuer Alltag zwar, aber mit einem Blick auf den Spielplan fühlt es sich ein bisschen an wie in einer ganz normalen Saison der Handball-Bundesliga. Nach dem erkämpften Auftaktsieg am Sonnabend in Nordhorn (25:20) wartet an diesem Dienstag schon der erste echte Gradmesser. Der SC Magdeburg kommt in die Max-Schmeling-Halle (19 Uhr, Sky). Geschäftsführer Bob Hanning und Sportvorstand Stefan Kretzschmar sprechen im Doppel-Interview mit der Morgenpost über das anstehende Prestigeduell, die Notwendigkeit der neuen Saison und erklären, warum die Füchse in eineinhalb Jahren zur Weltspitze gehören könnten.

Berliner Morgenpost: Sieben Monate ohne Handball liegen hinter Ihnen. Wie schlimm war der Entzug?

Stefan Kretzschmar: Dass der Handball zurück ist, fühlt sich prinzipiell toll an. Obwohl die Atmosphäre in der Halle noch ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist. Es ist einfach schön, den Sport wiederzuhaben, es ist wie ein Neubeginn. Man weiß es jetzt vielleicht auch mehr zu schätzen, wenn man in die Halle kommt und ein Handballspiel sieht, bei dem es um Punkte geht. Dass dieser Wettkampfbetrieb überhaupt möglich ist, dafür haben viele Leute hart in diesem Sommer gearbeitet, allen voran unser Geschäftsführer Bob Hanning.

Wie normal fühlt es sich an?

Kretzschmar: Was ist heute schon normal? Man muss jetzt eine neue Normalität akzeptieren, sehnt sich gleichzeitig nach der alten zurück. Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass das in naher Zukunft nicht erreichbar ist – oder extrem abweichend von der alten Normalität. Ich beschränke mich tatsächlich auf den Sport und sehe, mit welcher Leidenschaft und Begeisterung die Jungs Handball spielen. Wie das Konstrukt Trainer/Mannschaft ist, das macht mir große Freude. Unsere Aufgabe ist es, diese Mördersaison, die bis Ende Juni nächsten Jahres andauern wird, so zu akzeptieren und die Herausforderungen zu meistern. Aber es fühlt sich wieder nach Handball an.

Bislang sind drei Pflichtspiele absolviert. Gegen Nordhorn haben die Füchse erst nach hartem Kampf gewonnen, die Gruppenphase in der European League ist erreicht. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Bob Hanning: Ich bin zunächst einmal froh, dass alle Spiele wie geplant stattfinden konnten. Die Mannschaft, das haben wir beobachten können, braucht noch etwas Zeit, um sich einzuspielen und sich zu finden. Die Automatismen, zum Beispiel bei Laufwegen, sind noch nicht da. Dazu kommt der Ausfall gleich mehrerer Leistungsträger. Dennoch bin ich sportlich zufrieden, denn ich glaube, dass wir eine Mannschaft haben, die von Woche zu Woche besser werden wird. Die Richtung stimmt.

Jetzt geht es gegen den SC Magdeburg, eine Mannschaft, die wie die Füchse an der Liga-Spitze angreifen will.

Kretzschmar: Das ist ein wichtiges Prestigeduell für mich, für Bob, für den ganzen Verein. Die Spiele gegen den SC Magdeburg sind und bleiben immer etwas ganz Besonderes, selbst wenn der SCM versucht, die Brisanz herunterzuspielen. Die Magdeburger werden am Dienstag brennen, das ist sicher. Und natürlich wollen wir dieses Spiel gewinnen, dann dürfte man von einem gelungenen Saisonstart sprechen. Für Magdeburg ist das Duell nach der Auftaktpleite fast schon das Spiel des Jahres. Aber unsere Spieler wissen auch, wie wichtig die Partie für uns ist. Was die Füchse auszeichnet, ist, dass wenn stärkere Gegner kamen, sich die Mannschaft immer gesteigert hat. Das liegt offenbar in der DNA der Mannschaft. Ich mache mir weniger Gedanken, wenn es gegen große Teams, als wenn es gegen kleinere geht.

Eigentlich wäre die Schmeling-Halle gegen Magdeburg mit 9000 Zuschauern ausverkauft. Jetzt können coronabedingt nur 750 Fans kommen. Wie sehr belastet Sie das?

Hanning: Das schmerzt uns in vielfacher Hinsicht sehr. Die Derbys sind immer besonders, dabei haben die Zuschauer stets eine wichtige Rolle eingenommen. Wobei ich sagen muss, dass die Stimmung mit 750 Fans besser ist, als ich gedacht habe. Es schmerzt uns wirtschaftlich. Es wäre für die Füchse preiswerter, das Spiel ganz ohne Zuschauer auszutragen. Jeder Zuschauer, den wir in die Halle lassen, kostet uns Geld. Durch das Hygienekonzept mit den vielen Ordnern kommt ein immenser Kostenapparat auf uns zu. Früher haben wir mit solchen Spielen wie dem Derby knapp 200.000 Euro verdient, heute kostet mich das Spiel viel Geld. Daran sieht man, wie dramatisch die Verschiebung ist. Das tut extrem weh.

Wie lange lässt sich das auf Dauer durchhalten?

Hanning: Wir haben uns ja sehr frühzeitig diesem Krisenszenario gestellt. Zu Anfang dachte ich noch, uns fehlen 2,1 Millionen Euro. Das war zu einem Zeitpunkt, wo ich von einer viel höheren Zuschauerzahl ausgegangen bin, heute weiß ich, dass nicht einmal mehr 500.000 Euro an Zuschauer-Einnahmen realistisch sein werden. Wir müssen jetzt zudem 70.000 Euro für Corona-Tests bezahlen, das Hygienekonzept kostet uns oben drauf noch einmal 100.000 bis 150.000 Euro. Im VIP-Bereich sind wir jetzt auf drei Räume verteilt wegen der Abstandsregeln. Damit geht ein erhöhter Personalbedarf einher, und der kostet wieder Geld. Dennoch sind wir über die ganze Füchse-Familie mit Spielern und Kooperationspartnern so aufgestellt, dass wir das bis zum Saisonende durchhalten können. Wir haben folgende Stufen gemeistert: von Treibsand auf Sand, vom Bürgersteig auf die Straße. Aber irgendwann ist die Straße zu Ende. Kurz: Wir sind für diese Krise gut aufgestellt, aber wenn ich an das Jahr danach denke, können wir jetzt nicht sagen, wie es dann weitergeht.

Sie haben mit anderen Berliner Bundesligisten ein Hygienekonzept entwickelt, das vom Senat als richtig gut bewertet wurde. Dennoch darf es erst einmal nicht umgesetzt werden.

Hanning: Das finde ich total schade. Aber fest steht auch: Das Zusammenwirken in der Krise mit dem Land Berlin ist extrem positiv. Ob das die Staatskanzlei ist, der Regierende Bürgermeister Michael Müller oder Sportsenator Andreas Geisel und auch unser Staatssekretär Sport Aleksander Dzembritzki. Ich erlebe, dass unsere Sorgen und Nöte ernst genommen werden und fühle mich wertgeschätzt. Das Problem ist aber, dass der Mut fehlt, Dinge, die richtig sind, auch mal zu vertreten. Wir haben viel Geld in die Hand genommen, wir haben ein sehr gutes Hygienekonzept gemacht, in dem in der Halle sogar eine Maskenpflicht herrscht. Die höchste Hygienestelle von der Charité hat unser Konzept als herausragend gelobt. Und trotzdem darf es nicht zur Anwendung kommen. Weil die Zahlen hochgehen und es ein falsches Signal nach draußen sei, heißt es. Aber ich sage, wir müssen mit diesem Virus leben. Wir müssen es ernst nehmen, aber im Umgang auch eine gewisse Gelassenheit gewinnen.

Gibt es eine Chance, dass das Konzept in naher Zukunft umgesetzt werden kann?

Hanning: Wir bleiben erst mal dran. Wir gucken, was passiert und müssen uns dann Schritt für Schritt heranpirschen.

Wir haben über wirtschaftliche Schwierigkeiten gesprochen. Mit der European League haben die Füchse eine weitere Einnahmequelle. Ab wann rechnet sich die Teilnahme?

Hanning: Wir wollen ins Final Four. Erst dann ist es wirtschaftlich attraktiv. Und die Mannschaft hat trotz der hohen Belastung gesagt, dass sie unbedingt spielen will. Die Spieler wollen Europa.

Kretzschmar: Wir haben ja auch mit Spielern gesprochen, die zu uns kommen sollen und Europa als Voraussetzung dafür sehen. Die Attraktivität unseres Verein ist eben die Vision, dass wir irgendwann dauerhaft Champions League spielen wollen. Und dafür müssen wir auch jetzt europäisch spielen. Sonst bekommst du einen Spieler wie Lasse Andersson nicht, dann kann ein Marian Michalczik auch in Minden bleiben.

Hanning: Wenn du in Berlin ernst genommen werden willst, musst du in Europa spielen.

Die Belastung ist dennoch enorm. Bis Weihnachten wird oft dienstags, donnerstags und sonntags gespielt.

Hanning: Das haben wir gewusst. Wir haben mit Jaron Siewert aber einen Trainer, der das durch Spielmanagement sehr gut lösen kann und die nötigen Pausen gibt, wenn sie möglich sind. Wir haben auch gezeigt, dass wir unter anderen mit Matthes Langhoff, Nils Lichtlein, Tim Freihöfer, Robin Heinis, Lasse Ludwig einen Fundus haben, aus dem wir schöpfen können und die bereits alle für das Profiteam gespielt haben. Die Kunst wird sein, die Stimmung gut zu halten, und da hab ich mit Jaron und Stefan eine perfekte Konstellation. Dazu haben wir ein paar super Typen in der Mannschaft.

Der Nachwuchs robbt sich heran, aber Sie haben auch noch fast eine ganze Mannschaft verletzt auf der Tribüne sitzen. Besteht die Hoffnung, dass sich die Reihen da in naher Zukunft lichten?

Kretzschmar: Grundsätzlich bin ich mit dem Kader unfassbar zufrieden. Die Frage vor der Saison war ja häufig: Wird der Trainer es schaffen, allen Spielern gerechte Spielanteile zu geben? Das wird sich von alleine lösen, wie wir jetzt gerade sehen. Ich glaube auch nicht, dass diese Saison sportlich entschieden wird. Das wird so brutal bis Ende Juni. Und die Mannschaft, die am breitesten aufgestellt ist, wird da klar im Vorteil sein. Wir haben noch eine komplette Bundesliga-Sieben draußen sitzen und einen herausragenden Nachwuchs. Das ist ein großes Pfund, was wir haben. Wirtschaftlich können gerade nicht viele in einen breiten Kader investieren, also musst du auf deinen Nachwuchs zurückgreifen. Und der Nachwuchs ist nirgendwo so stark wie bei uns. Wir sind am ehesten die, die das bundesligatauglich kompensieren können. Vielleicht noch Flensburg oder die Rhein-Neckar Löwen. Aber natürlich hoffen wir auf unsere Leistungsträger. Kann sein, dass Jacob Holm schon gegen Magdeburg zu Kurzeinsätzen kommt. Vielleicht auch Milos Vujovic.

Sie haben es vorhin angesprochen, die Saison zieht sich bis Ende Juni. Glauben Sie, dass bis dahin gespielt wird? Oder macht Corona der Planung noch einen Strich durch die Rechnung?

Hanning: Das ist Glaskugelleserei, das kann keiner sagen. Ich glaube, wir müssen gucken, dass wir uns perspektivisch aufstellen, das tun wir. Wie das ausgeht, ist nicht absehbar. Auch wenn alle vorsichtig sind, auf sich Acht geben, die Coronafälle werden kommen, die Spiele werden verlegt werden. Es hat sehr viel damit zu tun, dass wir das als Handball-Familie lösen, dass diese Egoismen auf ein Minimum zurückgeschraubt werden und wir uns in der Verantwortung für alle sehen. Das fällt manchen nicht leicht. Es wird darauf ankommen, solidarische Lösungen zu finden. Und ob das funktioniert, da hab ich eher Zweifel, als bei der Durchführung der Saison.

Kretzschmar: Wir müssen es solidarisch lösen. Wir als Füchse kommen vielleicht durch, aber wir müssen ja auch gegen irgendwen wieder spielen. Ich glaube, dass auch jedem bewusst ist, dass wir diese Saison spielen müssen. Unter welchen Voraussetzungen auch immer. Natürlich wird es brutal, absolut anstrengend für die Spieler, aber dazu gibt es keine Alternative. Ansonsten stirbt unsere Sportart.

Die Füchse denken ja sowieso immer gemäß dem Credo: Nicht jammern, sondern handeln.

Kretzschmar: Das ist etwas, was ich in diesem Sommer gelernt habe. Dass unser Geschäftsführer rund um die Uhr arbeitet. Bob hat keinen Urlaub gemacht, sondern versucht, diesen Verein zu retten. In meinen Augen wird das viel zu selten wertgeschätzt, viel zu oft verkannt. Das ist der Grund, warum wir wahrscheinlich durch diese Krise mit einem blauen Auge davonkommen werden. Das hat mit Arbeit, Ehrgeiz und Enthusiasmus zu tun. Und nicht nur mit Reden, Interviews geben und Floskeln raushauen. Die Konstellation mit Bob an der Spitze ist der Schlüssel zum Erfolg hier.

Erfolg ist das Stichwort. Wenn die Saison zu Ende gespielt wird, wo stehen die Füchse dann in der Tabelle?

Hanning: Das muss meine Sportliche Leitung beantworten (lacht).

Kretzschmar: In dieser Liga kannst du keine Prognose abgeben, weil eben viel von Szenarien abhängig ist, die wir nicht beeinflussen können. Verletzungen, Corona und so weiter. Ich glaube, dass wir sehr gut aufgestellt sind. Weil wir einen guten Kader haben, einen tollen Teamgeist, keine Grüppchenbildung, da stimmt einfach viel. Deshalb bin ich extrem optimistisch. Ich würde mit diesem Team gern in die nächsten Jahre gehen, so wie es jetzt ist. Das ist dann eine gute Mannschaft aus internationalen Spielern und talentierten Eigengewächsen. Und das kann für die Weltspitze durchaus reichen. Dieses Niveau, das die Mannschaft in den nächsten eineinhalb Jahren entwickeln kann, wenn sie sich eingespielt hat, das ist für mich deutsche Spitze.